InterviewWirecard-CEO Markus Braun: „Der Markt ist embryonal“

Wirecard-Chef Markus Braun
Wirecard-Chef Markus BraunSebastian Arlt

Aschheim, vor den Toren Münchens, ein Gewerbegebiet. Ein Schild weist den Weg: Rewe, Lidl, DM, NH Hotels, Diebold Nixdorf – und Wirecard. Fast versteckt sitzt hier ein Dax-Konzern. Und weil die Mitarbeiterzahl so rasch wächst, hat Wirecard gerade ein paar Räumlichkeiten vom Modeunternehmen Escada übernommen.

Herr Braun, im September ist Wire­card in den Dax aufgestiegen und an der Börse nun wert­voller als die Deutsche Bank oder die Commerzbank. Was hat sich in ­Ihrem Leben seither verändert?

In unserer Strategie und im operativen Geschäft: überhaupt nichts. Der Dax-Aufstieg ist natürlich eine Auszeichnung – auch für Deutschland, denn so sind mehr Tech-Werte im Dax. Es gab ein kurzes mediales Aufflammen, aber inzwischen hat sich alles normalisiert.

Aber Sie stehen doch stärker im Fokus. Nehmen wir nur die Aktie, die oft wilde Kapriolen schlägt.

Ich habe nie etwas auf kurzfristige Börsenbewegungen gegeben, sondern glaube an langfristige Strate­gien. Was sich geändert hat: Ich musste aus der Komfortzone heraus, ich führe solche Gespräche wie dieses. Das wird offen gestanden nicht mein Hobby werden. Das gehört zur Position dazu. Es hat aber auch ­etwas Spannendes. Alles, was man als neues Thema für sich akzeptiert, ­eröffnet Perspektiven. In der Tech­nologie und auch persönlich.

Der Aufstieg von Wirecard in den Dax war sehr symbolisch: Commerzbank raus, Wirecard rein. Für viele kam das ziemlich überraschend: Da ist plötzlich ein zweites großes deutsches Tech-Unternehmen …

Wir sind nur die Speerspitze einer breiten Entwicklung und Transformation. In den nächsten zehn Jahren werden noch andere aufsteigen. Und: Tech-Unternehmen werden bald keine eigene Kategorie mehr bilden. Ich vergleiche das mit der Elektrifizierung, die hat auch alle Branchen getroffen. Ähnlich werden Handelsunternehmen, Autohersteller und auch Banken zu Tech-Unternehmen.

Die Banken auch? Derzeit hat man den Eindruck, sie würden gern, bekommen es aber nicht hin.

Das wäre vorschnell geurteilt, das gilt auch für deutsche Banken wie die Commerzbank. Natürlich haben viele klassische Banken früher Software, Entwicklung, IT und Plattformen nicht als Kernthema angesehen. Das heißt aber nicht, dass Banken heute nicht Stärken haben. Zum Beispiel die starke Kundennähe. Wenn sie anfangen, in Plattformen zu denken, geschickt Kooperationen eingehen und ihr technologisches Herz gut genug ist, können sie starke Spieler bleiben.

Ihre Höflichkeit ehrt Sie. Aber sind Sie nicht in Wahrheit ein „Bankenschreck“?

Ich akzeptiere solche medialen Zuspitzungen, aber ich sehe uns nicht so. Wirecard agiert unter einem neuen Paradigma: Wir sind ein ­offenes Plattformunternehmen.
Das heißt, wir kooperieren mit ­vielen Firmen, mit Banken wie der ­Crédit Agricole, Tech-Firmen aus den USA wie Apple. Auch in China haben wir Kooperationen mit Alibaba und Tencent – es gibt keinen Dualismus: Freund oder Feind. Man kann kooperieren und in anderen Feldern Wettbewerber sein.