#Kirchner PapersWir sind Steueroase

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Vor den Steuerbehörden ist Thermo Fisher Scientific allerdings eher eine Kirchenmaus. „Das Unternehmen erwartet für das Geschäftsjahr 2017 eine effektive Steuerquote von unter drei Prozent auf Basis der aktuellen Vorhersagen der Profitabilität in den Ländern, in denen wir Geschäfte machen (…)“, so Thermo Fi­sher Scientific in seiner sogenannten „10Q-Form“, in der sich das Unternehmen zu solchen Dingen äußern muss. Auch diese Dokumente sind nicht allzu schwer zu finden, sie sind auf der Webseite von Thermo Fi­sher Scientific ebenso wie bei der US-Wertpapieraufsicht SEC einsehbar.

Drei Prozent? Das geht, denn die Geschäfte hat Thermo Fisher ­Scientific so geschickt unter anderem nach Singapur geschoben und viel Geld für Übernahmen bezahlt, dass die Steuerrate Jahr für Jahr extrem niedrig ausfällt.

Tortola, Singapur, Dublin

Das ist längst nicht der einzige Steuerkönig in meinem Riester-Vertrag. Immerhin 0,86 Prozent Gewichtung oder anteilig aktuell 260 Euro meines Vorsorgevermögens entfallen auf den Medizintechnikkonzern Medtronic. Der hatte über die Jahre so viele Gewinne in Europa erwirtschaftet und wenig Lust, sie in den USA mit 35 Prozent zu versteuern, dass er mit der Übernahme eines irischen Unternehmens 2015 gleich auch seinen Firmensitz nach Dublin verlagerte.

Zwar arbeiten in Irland auch nach der Übernahme nicht einmal drei Prozent der 84 000 Mitarbeiter weltweit für Medtronic, und es wird auch nur ein Bruchteil der Wertschöpfung dort erwirtschaftet. Dennoch vollzog Medtronic eine sogenannte „Steuerinversion“: Die Geschäfte bleiben, wie sie sind, aber der Unternehmenssitz wandert ab.

Praktisch: In Irland beträgt die Unternehmenssteuer auf Ge­winne 12,5 Prozent, in den USA 35 Prozent. Betrug die effektive Steuerquote nach Unternehmensangaben 2015 noch 23,3 Prozent, waren es 2016 noch 18,4 Prozent und nunmehr noch 12,6 Prozent, in manchen Quartalen inzwischen auch weniger – bei zuletzt 25 Mrd. Euro Umsatz und knapp 8 Mrd. Euro Jahresgewinn.

Alles Einzelfälle? Mitnichten. 0,15 Prozent oder anteilig 45 Euro meines Riester-Vorsorgevermögens liegen in Aktien des Ölkonzerns Schlum­ber­ger, Firmensitz: Curaçao auf den Niederländischen Antillen. 0,51 Prozent oder 155 Euro sind in sogenannte Aktienzertifikate der chinesischen Alibaba Group mit Sitz auf den Kaimaninseln investiert – ein bei vielen Wertpapieren übliches Vorgehen, mit denen Investoren das chinesische Verbot umgehen, strategisch wichtige Vermögenswerte an Ausländer zu verkaufen.

Blick auf den Hafen von St Helier auf der Insel Jersey
Insel Jersey: Auch das zu Großbritannien gehörende Eiland gilt als Steueroase

0,41 Prozent oder anteilig 124 Euro meines Riester-Vermögens liegen in Aktien von Shire, einem Unternehmen, das die meisten Mitarbeiter in den USA beschäftigt, 2008 seinen operativen Hauptsitz von Großbritannien nach Irland verlagerte, aber rechtlich gesehen auf der Kanalinsel Jersey sitzt. Laut jüngstem Ausblick rechnet Shire in diesem Jahr mit einer Steuerquote nach US-Bilanzregeln von sieben Prozent – und damit rund einem Viertel meiner privaten.

Und da ist natürlich noch Ap­ple, in das ich anteilig 1,57 Prozent oder knapp 500 Euro investiert habe – ein Unternehmen, das in Deutschland trotz Milliardenumsätzen zuletzt gerade mal 25 Mio. Euro Steuern zahlte und inzwischen seine irischen Tochterfirmen, wo die steuerlichen Fäden zusammenlaufen, von der Kanalinsel Jersey aus verwaltet.