#Kirchner PapersWir sind Steueroase

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Nicht wegen des Wetters. „Steuerfreiheit für alle örtlichen Unternehmen“, klärt der von mir ergoogelte „International Tax“-Ratgeber der Prüfungsgesellschaft Deloitte auf, zwei PDF-Seiten mit allen wichtigen Informationen im Telegrammstil: Steuern auf Zinsen? NEIN. Auf Dividenden? NEIN. Auf Kapitalgewinne? NEIN.

Wäre dies eine wuchtige Reportage, würde hier nun stehen, dass ein Team von Journalisten wochenlang die ihnen zugespielten Tausenden Seiten und Gigabytes an Daten durchforstet habe, ehe man mich festgenagelt und mit einer Frist von ein paar Stunden um Stellungnahme gebeten habe.

Doch so kompliziert ist das alles gar nicht. Die Sinopec Group Overseas Development Limited wurde am 2. April 2015 gegründet. Vermögenswerte: keine. Mitarbeiter: keine. Geschäftszweck: keiner, außer die Erlöse aus einem Anleiheverkauf von 850 Mio. Euro „an ein anderes von uns kontrolliertes Unternehmen außerhalb Chinas weiterzuleiten“, wie es im 293-seitigen Emissionsprospekt der Anleihe auf Seite 10 heißt.

0,5 Prozent Zinsen zahlt die bis 2018 laufende Anleihe, garantiert wird die Rückzahlung von der namensgebenden Sinopec-Gruppe in Peking. Alle Geldtransfers übernimmt die ­Citigroup in London. Und mit dem Geld, so im Anleiheprospekt, verfolge man „generelle Unternehmensziele in unserem Auslandsgeschäft“.

In den Unterlagen zu meiner Riester-Rente steht die ganze Geschichte der Finanzglobalisierung und der Niedrigzinsen: Eine Düsseldorfer Sparda-Bank verkauft einen Riester-Vertrag und zieht monatlich 100 Euro von meinem Konto ein. Sie überweist sie der Fondsgesellschaft Union Investment in Frankfurt. Die wiederum legt einen Teil des Geldes in einem hauseigenen Fonds mit Sitz in Luxemburg an, der wiederum auf der Suche ist nach irgendwas, was überhaupt noch Rendite bringt. So kauft der Fonds die Anleihe eines chinesischen Ölkonzerns mit einem Zinskupon von 0,5 Prozent pro Jahr. Die Anleihe wiederum wurde von einer Briefkastenfirma auf den Jungferninseln begeben und die Zahlungen anschließend von einer US-Bank in London abgewickelt.

Zahlen die Chinesen zum nächsten Zinstermin der Anleihe am 27. April 2018 über ihre Tochter in Tortola die versprochenen 0,5 Prozent Zinsen, wird mein Alters­vor­sorge­ver­mögen Stand heute an diesem Tag um 0,8 Cent steigen. Sind sie morgen hingegen pleite, wird es um eben jene 1,73 Euro sinken.

Es gibt noch mehr, viel mehr

Nun sind die 1,73 Euro natürlich ein überschaubarer Betrag. Ich habe aber noch mehr Geld in der Karibik. Und zwar anteilig 2,20 Euro in einer Anleihe der Eastern Creation Investment II Holdings, einer der von örtlichen Dienstleistern am Fließband erstellten Firmenhüllen ohne operatives Geschäft ebenfalls auf den Jungferninseln. Dieses Mal steht das Unternehmen Beijing Infrastructure Investment dahinter.

Ich hoffe, dass es nichts zu bedeuten hat, dass es beim Briefkasten für die Eastern Creation Investment II Holdings nicht für die erste Reihe am Meer wie bei der Sinopec-Anleihe gereicht hat; denn sein Sitz ist laut dem 792 Seiten dicken Emissionsprospekt die Main Street Nummer 171. Das ist etwa 100 Meter weiter im Hinterland als der Briefkasten der Sinopec-Hülle.

Zugegeben: Selbst eine China-Doppelpleite in der Karibik würde meine Rentenpläne vermutlich nicht über den Haufen werfen. Zumal es an anderen Stellen in meinem Riester-Vertrag sehr ordentlich läuft.

Nehmen wir etwa das hierzulande wenig bekannte Unternehmen Thermo Fisher Scientific. Klingt wie ein Heizdeckenhersteller, ist aber ein Medizintechnikspezialist mit Präsenz in über 50 Ländern auf der ganzen Welt und Sitz in den USA.

0,34 Prozent des Fondsvermögens hat der Uniglobal in Thermo­ Fisher Scientific investiert. Das waren, ich habe es genau nachgerechnet, zu Jahresbeginn 90 Euro meines Riester-Vorsorgevermögens. Heute sind es hingegen 120 Euro, denn die Aktie hat im Jahresverlauf kräftig zugelegt: knapp 40 Prozent. Abzüglich von einigen Währungsverlusten bleibt ein anteiliges Plus von etwa 30 Euro, immer unterstellt, dass sich die Fondsgewichtungen nicht wesentlich verändert haben. Das sind selbst nach Abzug der Inflation ein paar Stücke Schwarzwälder Kirschtorte und Kännchen Kaffee, die ich in 20 Jahren werde extra bestellen können, wenn es dabei bleibt, alleine dank Thermo Fisher Scientific.

Kein Wunder, das Unternehmen floriert. Umgerechnet rund 17 Mrd. Euro Umsatz peilt man im Jahr 2017 nun an, verkündete Thermo Fisher Scientific im Quartalsbericht Ende Oktober, davon sollen gut 3 Mrd. Euro Gewinn übrig bleiben. Dem Unternehmen geht es also blendend und damit erfreulicherweise auch meinem Riester-Vertrag.