GastkommentarWir müssen Wirtschaft grundlegend neu denken

Seite: 2 von 2

Wirtschaft ist also kein unveränderliches Naturgesetz, sondern das, was sich eine Gesellschaft als Wirtschaft vorstellen kann und was sie schließlich als Wirtschaft behandelt. Dieser Horizont des Denkmöglichen wird durch Wissenschaft miterzeugt und mitbegründet. Insofern ist Wissenschaft keine unschuldige Beschreibung oder Analyse, sondern rüstet die Gesellschaft mit Begriffen, Konzepten und Denkfiguren aus – und ist in diesem Sinne politisch, was jedoch kein Parteibuch meint. Indem Wissenschaft so oder anders betrieben wird, können sich diese oder auch ganz andere politische Willen an ihr bilden.

Mit anderen Worten: Ohne die Klimawissenschaften und die sozialökologischen Forschungen der vergangenen Jahrzehnte würden die Millionen Fridays for Futures wohl gar nicht streiken. Es ist das Verdienst dieser Wissenschaften, dass wir die Welt, die wir zunehmend zerstören, überhaupt so wahrnehmen können und um ihre Zerstörung wissen. Entsprechend stellt sich die Frage, was es mit einer Gesellschaft macht, wenn die Wissenschaft des Wirtschaftens sie lediglich befähigt, alles nach Rationalisierung, Rentabilität oder Effizienz zu beurteilen.

Das Buch „economists4future. Verantwortung übernehmen für eine bessere Welt“ ist am 25.August im Murmann Verlag erschienen, 280 Seiten, Preis 34 Euro
Das Buch „economists4future. Verantwortung übernehmen für eine bessere Welt“ ist am 25.August im Murmann Verlag erschienen, 280 Seiten, Preis 34 Euro, Quelle: Murmann Verlag

Die Folgen betreffen das Leben, wenn Wohnraum, Bildung oder Gesundheit zu Risikokapital werden, wenn Kunst davon abhängt, wer für sie bezahlt, oder Lebensmittel als Monokulturen und Massentierhaltung erzeugt werden, weil Skalenerträge, Effizienz und technische Beherrschung das Denken bestimmen. Die vielfältigen Krisen der Gegenwart belegen, dass dieser Modus der Gesellschaftsgestaltung geradewegs in die Zerstörung des Planeten führt. Das 21. Jahrhundert braucht eine neue Erzählung, um zu sagen, was unser in-der-Welt-sein jenseits von Raubbau und Konsumismus bedeutet.

Ebenso, wie es den klimatologischen Wissenschaften kein Jota an Wissenschaftlichkeit raubt, den Finger in die Wunde zu legen, verlieren auch die Wirtschaftswissenschaften nichts an Wissenschaftlichkeit, wenn sie beginnen, ihrerseits an den ökonomischen Ursachen der Krisen zu arbeiten und mögliche Wege zu finden, wie die sozialökologische Transformation in Gang gesetzt werden kann. Dafür braucht es einen grundlegenden Wandel im ökonomischen Denken, um reflektierte Antworten auf die drängenden Fragen dieser Zeit zu finden. Dieser Wandel betrifft die Forschung, die Lehre und den gesellschaftlichen Dialog der Wirtschaftswissenschaften:

  • Um aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen, müssen sie reflexiver werden. Sie dürfen Begriffe nicht als gegeben behandeln, sondern müssen über sie nachdenken und an ihnen arbeiten.
  • Sie müssen transparenter werden und zeigen, dass ihre Annahmen und Werturteile auf Standpunkten beruhen.
  • Sie müssen diverser werden und auf verschiedene Zugänge, Didaktiken, Methoden und Wirkungsweisen setzen.
  • Sie müssen Teilhabe und Mitwirkung von außen zulassen und gemeinsam mit der Gesellschaft durch das Wissen der Vielen nach neuen Wegen der Versorgung fragen.
  • Sie müssen zur nachhaltigen Neugestaltung der Gesellschaft befähigen und sich reflektiert einmischen in die großen gesellschaftlichen Debatten der Gegenwart.

In Zeiten von Fakenews, Verschwörungsmythen und massiven Ressentiments ist eine unabhängige Wissenschaft wichtiger denn je, um unbestechliche Hinweise zu geben, wie die große Transformation gelingen kann. Mit dem Namen economists4future verbindet sich daher kein Zwang, sondern eine überfällige Einladung: Lasst uns die sozialökologische Transformation der Gesellschaft gemeinsam gestalten – wissenschaftsbasiert, reflektiert und demokratisch.

 


Kennen Sie schon unseren Newsletter „Die Woche“? Jeden Freitag in ihrem Postfach – wenn Sie wollen. Hier können Sie sich anmelden