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„Cambridge vs. Cambridge“-Debatte

Einer der Theoretiker, die sehr langfristige Gründe für die Niedrigstzinsen sehen, ist Carl Christian von Weizsäcker, seit seiner Emeritierung ein Senior Research Fellow am Max-Planck-Institut zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern.

Die große, alte Villa des Instituts liegt mitten im früheren Parlamentsviertel von Bonn, Industrielle und Diplomaten hielten hier früher einmal Hof. Von Weizsäckers Schreibtisch steht im umgebauten Wintergarten, der Blick geht hinaus in den tiefgrünen Park, der noch immer so beschaulich daliegt wie vor 100 Jahren – während nebenan jetzt Büroneubauten für die UNO und ein großes Konferenzzentrum stehen.

Im Lehman-Winter 2008/09 erwarteten da draußen viele, dass die Wirtschaft bald wieder zur alten Form zurückfinden werde. Von Weizsäcker sah das skeptischer und fing an, sich wieder mit einem Thema aus den Anfängen seiner Forscherkarriere zu beschäftigen. Damals, in den frühen 60er-Jahren, war der junge Deutsche mitten in einen legendä­ren amerikanisch-britischen Gelehrtenstreit geraten, in dem es um das Wesen des Kapitals ging.

Die Details dieser „Cambridge vs. Cambridge“-Debatte sind heute Wissenschaftsgeschichte, aber für von Weizsäcker bleibt es wichtig, über den aggregierten Kapitalstock nachzudenken. Denn dann ­zeige sich, dass es gesamtwirtschaftlich durchaus ein Zuviel an Ersparnis und Vorsorge geben könne.

Der Vorsorge-Albtraum

„Die Menschen leben immer länger, aber die Maschinen leben immer kürzer“ – das ist seine Kurzformel für das Problem. Da wir immer älter werden, legen wir für die Rente und unsere Nachfahren immer mehr zur Seite. Rechnet man gesamtwirtschaftlich, müsste die Rücklage heute etwa so groß sein, dass sie die Konsumausgaben von bis zu zwölf Jahren abdeckt.

Es ist aber derzeit kaum möglich, einen volkswirtschaftlichen Kapitalstock dieser Größe rentabel zu nutzen. „Vorsorge-Albtraum“ nennt der Kapitaltheoretiker das auch.

Von Weizsäcker ist alles andere als ein Fortschrittsfeind, die Pessimistenparole von der „säkularen ­Stagnation“ lehnt er ab. Doch die ­Größe der Büroflächen, die Komplexität der Maschinen und der In­frastruktur ließen sich nicht beliebig steigern. Denn eine immer kapitalintensivere Produktion werde durch steigende Betriebskosten irgendwann unwirtschaftlich.

Der Kapitalbedarf sinkt weiter

Brutto lassen sich die Investitionen natürlich stets erhöhen. Aber in einer Wirtschaft, die sich schnell wandelt, ist der optimale Kapitalstock nicht größer, sondern tendenziell sogar kleiner. Neue Investitionen entwerten oft bereits vorhandenes Kapital, sodass netto kaum Vermögen hinzukommt.

„Wenn Amazon heute ein neues Logistikzentrum baut, dann ver­lieren zugleich Handelsimmobilien in den Städten an Wert“, sagt von Weizsäcker. In einer „Sharing Economy“, in der Wohnungen und Werkzeuge per App gemietet werden, sinkt der Kapitalbedarf noch weiter.

Was heißt das für die Zinsen? Damit Kapitalangebot und -nachfrage weiterhin zum Ausgleich kommen und die Wirtschaft robust wachsen kann, müsste der Realzins dauerhaft unter null liegen. Auch Projekte mit kleiner Minusrendite würden dann finanziert. Und die Sparer dafür ständig ein wenig enteignet.

Steuern runter auf Pump

Der bekennende Liberale von Weizsäcker hält diese Methode allerdings für gesellschaftspolitisch fatal: „Der Anreiz, für sich selbst vorzusorgen, darf nicht zerstört werden.“ Zumindest ein realer Zins von null, bei dem die Inflation ausgeglichen wird und das Ersparte die Kaufkraft behält, müsse gewährleistet bleiben.

Von Weizsäckers Lösungsvorschlag, um den Zins wenigstens auf diese Nulllinie zu heben: „Der Staat muss sich verschulden.“ Statt unnütze Prestigeprojekte oder Brücken ins Nirgendwo zu bauen, könnte er das geliehene Geld auch als Steuersenkung an die Bürger weitergeben.

Das klingt tollkühn in den Zeiten von Schuldenbremse und schwäbischer Hausfrauentugend. Es ist aber konsequent, wenn der Realzins am Kapitalmarkt wirklich maximal null beträgt und die Wirtschaft schneller wachsen kann als die Schulden. Angst vor einer Zinsfalle muss dann niemand haben.

Realzins bei null stabilisieren

Heikel wird es, wenn das Kapital doch einmal wieder knapp und begehrt wird. Nach von Weizsäckers Ansatz soll der Staat auch dann den ­Realzins bei null stabilisieren – und seine Defizite entsprechend abbauen.

Wer die Bonner Villa verlässt, kommt da schon nach wenigen Schritten ins Grübeln. Gleich gegenüber liegt der alte Plenarsaal des Bundestags, in dem über den Weg der Republik entschieden wurde. Auch den Weg in die Verschuldung.

Als die Abgeordneten 1949 hier einzogen, betrug die Staatsschuld etwa 20 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Ein halbes Jahrhundert später, als sie nach Berlin gingen, erreichte sie 60, inzwischen liegt sie bei gut 75 Prozent.