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Je geringer der Zins, desto unattraktiver wird es, das Geld aufs Konto zu packen
Je geringer der Zins, desto unattraktiver wird es, das Geld aufs Konto zu packen
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Der Lohn der Geduldigen

Seinen wohlhabenden Mitbürgern wird das schnell eingeleuchtet haben, denn damals mehrten viele ihren Reichtum vor allem durch Konsumverzicht. Der Dichter Stefan Zweig, geboren 1881, hat diese Ära in seinen Erinnerungen als „das goldene Zeitalter der Sicherheit“ beschrieben: die große Zeit der Versicherungen und der fest verzinsten Renten.

Im allgemeinen Aufschwung, so Zweig, war „für den Vermögenden das Immer-reicher-Werden eigentlich nur eine passive Leistung“. Biedere Ausdauer lohnte, denn „gerade die Geduldigsten, die Nicht-Spekulanten, hatten den größten Gewinn“. Der Zins „mündelsicherer“ Papiere pendelte nur geringfügig um die vier Prozent. Nennenswerte Steuern oder auch Inflation gab es noch nicht.

John Maynard Keynes, Jahrgang 1883, hat die Epoche auch „eine große Verschwörung zur Förderung des Sparens“ genannt. „Gott und Mammon wurden versöhnt“, so der britische Star-Ökonom, denn den Kapitaleignern floss zwar ein Großteil der Einkommen zu, Prasserei aber war geächtet: „Die Pflicht zum Sparen machte neun Zehntel der Tugend aus, und das Wachstum des Kuchens war der Gegenstand wahrer Religion.“

Flucht in Hyperinflation

Keynes war es aber auch, der am ­radikalsten analysierte, wie diese Tugendlogik nach dem Ersten Weltkrieg zerfiel: Gerade die vorsichtigen Sparer, die „am allerwenigsten auf die Schicksalsgöttin Fortuna gesetzt hatten, wurden von ihr am heftigsten heimgesucht“.

In Deutschland war der Staat so bankrott, dass ihm nur die Flucht in Hyperinflation blieb – die Enteignung der Sparer durch komplette Entwertung des Geldes. Etwas später, in der weltweiten Depression, wurden die Güter zwar nicht teurer, sondern sogar immer billiger. Den Sparern nützte aber auch das wenig. Die Kaufkraft ihrer Zinserträge stieg – doch der Preisverfall trieb die Schuldner in die Pleite. Am Ende der Deflation standen auch die Gläubiger wieder mit leeren Händen da.

Die alten Sparweisheiten wurden in dieser Krise der 30er-Jahre heftig durchgeschüttelt: Keynes warb für vorübergehende Staatsverschuldung, und sein einflussreichster Anhänger in den USA, Alvin Hansen aus Harvard, riet sogar zu ständigen Defiziten: Es drohe sonst die Dauerflaute, eine „säkulare Stagnation“. Die Regierungen gaben das Währungssystem des Goldstandards auf, und in der Provinz begannen Experimente mit sogenanntem „Schwundgeld“ – dessen Scheine kontinuierlich an Wert verloren, weil sie einen Strafzins trugen, um das Horten zu verhindern.

Die neue Normalität

Dass solche Extreme je wiederkehren könnten, schien jahrzehntelang ausgeschlossen. Doch seit der Finanzkrise ist manches, was verrückt schien, plötzlich ganz normal. Die Zinsen für sichere Anlagen sinken seit rund 20 Jahren, was sich zunächst recht leicht erklären lässt, denn auch die Inflation, der natürliche Widerpart des Zinses, ist langsam verschwunden. Der reale, also um die Teuerungsrate bereinigte Zins ist aber ebenfalls in einem langen Sinkflug.

In der Schweiz oder in Dänemark, wo die Notenbanker Kapitalzuflüsse abwehren wollen, ist sogar ein negativer Zins Alltag. Für Finanzgeschäfte müsse man da so umdenken wie beim Autofahren im Rückwärtsgang, gestand jüngst ein dänischer Banker in der „Financial Times“.

Mario Draghi und seine Kollegen versprechen, dass so etwas immer nur die Ausnahme bleiben wird: Gerade ihre aggressive Politik werde dafür sorgen, dass die Nachfrage nach Geld und die Investitionen wieder anziehen und die Inflation auf die anvisierten zwei Prozent steigt. Bei vielen Anlegern sind die Zweifel da­ran freilich immer noch groß: Die Unruhe an den Finanzmärkten ist beträchtlich.