Unstatistik Wie wirksam ist AstraZeneca? Eine statistische Erklärung

Seit Wochen kommt der Corona-Impfstoff AstraZeneca kaum aus den Schlagzeilen
Seit Wochen kommt der Corona-Impfstoff AstraZeneca kaum aus den Schlagzeilen
© IMAGO / Xinhua
Die Lage um das Vakzin von AstraZeneca wird immer unübersichtlicher und mehrt die Zweifel an dem Impfstoff. Was die bisher bekannten Zahlen über Wirksamkeit und Sicherheit bedeuten, erklären die Experten der Unstatistik

Zum zweiten Mal in weniger als drei Wochen geraten die Impfungen mit dem AstraZeneca-Impfstoff in Deutschland ins Stocken. Nach dem vorübergehenden Impfstopp Mitte März, sollen jetzt nur noch Menschen ab 60 Jahren uneingeschränkt mit dem Vakzin geimpft werden. Damit reagieren die Gesundheitsminister der Bundesländer auf die Meldungen über Thrombosen und Blutgerinnsel, die seit Mitte März bekanntgeworden sind. Noch ist nicht abschließend geklärt, ob der Impfstoff zu den Erkrankungen und Todesfällen geführt hat.

In der Bevölkerung sorgt das Hin und Her um den Impfstoff längst für Verunsicherung. Immer wieder berichten Impfzentren davon, dass Impftermine mit dem AstraZeneca-Wirkstoff nicht wahrgenommen werden. Neben der Sorge vor möglichen Nebenwirkungen sorgen auch Missverständnisse über die Wirksamkeit des Imfpstoffs für Verwirrung. Die „Unstatistik des Monats“ geht deshalb der Frage nach: „Wie wirksam und wie sicher ist AstraZeneca“?

Wirksamkeit ist nicht gleich absolute Krankenzahlen

Zuletzt musste AstraZeneca die Wirksamkeit laut einer neuen Studie mit 32.449 Probanden leicht nach unten korrigieren – von 79 auf 76 Prozent. Das bedeutet: Auf je 100 Erkrankte unter den Nicht-Geimpften, kommen 24 Erkrankte unter den Geimpften. Ein häufiger Irrtum bei diesen Zahlen: Eine Wirksamkeit von 79 Prozent bedeutet nicht, dass die Impfung 79 Prozent der Geimpften vor einer Erkrankung geschützt. Denn die Wirksamkeit gibt die relative Risikoreduktion an. Durch die Impfung sinkt das relative Risiko, an Covid-19 zu erkranken.

Um die Berechnung der Wirksamkeit nachzuvollziehen, hilft ein Blick auf die absoluten Zahlen. Weil diese in den Pressemitteilungen der jüngsten AstraZeneca-Studie fehlen, greifen die Experten der Unstatistik auf eine ältere Studie von Januar 2021 aus Brasilien, Großbritannien und Südafrika zurück. Dort heißt es: Unter den 5829 Nicht-Geimpften gab es 101 Erkrankte, unter den 5807 Geimpften waren es 30. Setzt man die jeweiligen Erkrankten mit den jeweiligen Gruppen ins Verhältnis, zeigt sich: Mit der Impfung ist der Anteil an Erkrankten um 70 Prozent niedriger als ohne.

Studien zeigen außerdem, dass nur bis zu drei Viertel der mit Corona Infizierten auch erkranken. Unter 1000 Nicht-Geimpften müssten demnach 750 Menschen erkranken, wenn sie beispielsweise mehrere Monate gemeinsam in einem geschlossenen Raum verbringen. Unter 1000 Geimpften in derselben Ausgangslage sind es dagegen nur 225 – angenommen die Wirksamkeit liegt bei 70 Prozent. Faktisch hat die Impfung dann 525 Menschen vor einer Erkrankung geschützt. Die absolute Risikoreduktion würde in diesem Beispiel 52,5 Prozentpunkte betragen. Kurz gesagt, die relative Reduktion – und damit die Wirksamkeit – ist nicht das gleiche wie die absolute Reduktion.

Umfeld in kontrollierten Studien und Realität variiert

Dennoch könnte man argumentieren, 95 Prozent Wirksamkeit bei Biontech oder Moderna schützt vor einem Krankenhausaufenthalt besser als bei AstraZeneca. Das wäre jedoch ein voreiliger Schluss, sagen die Experten der Unstatistik. Zum einen beziehen sich diese Zahlen auf Erkrankungen. Heißt: auf positiv getestete Personen, die mindestens ein Symptom aufweisen. Schwere Erkrankungen oder Krankenhausaufenthalte umfasst das nicht. Für letztere wird sowohl für AstraZeneca als auch für Moderna eine Wirksamkeit von 100 Prozent berichtet, allerdings sind die Fallzahlen sehr niedrig.

Ein zweiter wichtiger Unterschied: Die Situation in der Studie und die Situation unter realen Bedingungen. Denn letztere weißt meist viele zusätzliche Faktoren auf, die klinische Studien gar nicht komplett abbilden können.

Zur Wirksamkeit von AstraZeneca unter realen Bedingungen liegt mittlerweile eine erste Auswertung aus Schottland vor. Dabei fällt es deutlich schwerer für die einzelnen Gruppen vergleichbare Bedingungen zu schaffen zum Beispiel weil das Alter zwischen den Geimpften und Nicht-Geimpften deutlich variiert. Entsprechend anspruchsvoll sind die statistischen Verfahren, um solche Unterschiede herauszurechnen.

Demnach konnte einen Monat nach der ersten Impfung der Biontech-Impfstoff 85 Prozent und der AstraZeneca-Impfstoff 94 Prozent der Krankenhaus-Einweisungen verhindern. Bei kürzerer oder längerer Beobachtungsdauer war der Effekt deutlich geringer, wobei der AstraZeneca-Impfstoff kurz nach der Impfung durchgängig eine höhere Wirksamkeit zeigte als der von Biontech. Daten über den Zeitraum von einem Monat hinaus gibt es noch nicht. In dieser Studie zeigt sich der AstraZeneca-Impfstoff bisher aber mindestens so effektiv wie der von Biontech.

Sicherheit der AstraZeneca-Impfung

Neben Missverständnissen über die Wirksamkeit von AstraZeneca gaben zuletzt auch mögliche Nebenwirkungen Anlass zur Sorge. Am 16. März meldete das Paul-Ehrlich-Institut für Deutschland sieben schwere Fälle von Hirnvenenthrombosen, darunter sechs Frauen, die nach den AstraZeneca-Impfungen aufgetreten waren. Bei den bis dahin 1,6 Millionen Impfungen wäre aber nur etwa ein Fall zu erwarten gewesen.

Zwei Tage später bestätigte die Europäische Arzneimittelbehörde (EMA), dass es es keinen Zusammenhang zwischen dem Insgesamt-Risiko von Blutpfropfen gebe, es aber einen mit sehr seltenen Fällen wie Hirnvenenthrombosen geben könnte. Der EMA waren bis dahin 25 Fälle bei 20 Millionen Geimpften bekannt. Das würde einer Wahrscheinlichkeit von einem schweren Fall in 800.000 Menschen entsprechen, oder einem in 229.000 im Fall der deutschen Zahlen.

Am 30. März meldete das Paul-Ehrlich-Institut 31 Fälle von Hirnvenenthrombose – 29 davon Frauen zwischen 20 bis 63 Jahren – unter insgesamt 2,7 Millionen mit AstraZeneca Geimpften. In Deutschland hatte man bis dato überwiegend jüngere Menschen mit AstraZeneca geimpft, in Großbritannien hingegen auch ältere. Dort wurden lediglich fünf Fälle von Hirnvenenthrombosen unter elf Millionen Geimpften berichtet. Das legt den Verdacht nahe, dass diese seltene Komplikation vor allem jüngere Frauen trifft.

Das Risiko dieser seltenen Hirnvenenthrombosen kann man am besten im Kontext einordnen, sagen die Experten der Unstatistik. Daher kann es sinnvoll sein, bis belastbarere Erkenntnisse vorliegen, alle Gruppen außer jüngere Frauen mit AstraZeneca zu impfen. Ein Aussetzen der Impfung könnte dagegen zu weitaus mehr schweren Erkrankungen durch Covid-19 und Todesfällen als die Hirnvenenthrombosen führen, befürchten sie. Man kann sich auch vergegenwärtigen, dass wir anderswo schwere Risiken in Kauf nehmen, ohne viel darüber nachzudenken, heißt es weiter. So treten Hirnblutungen und akutes Nierenversagen bei der Einnahme von Aspirin laut Beipackzettel in weniger als einer von je 10.000 Personen auf. Kein Vergleich ist perfekt, sagen die Experten der Unstatistik, aber Vergleiche helfen, die Risiken in eine Perspektive zu setzen.

Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer und RWI-Vizepräsident Thomas Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen.
Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter www.unstatistik.de . Im Campus Verlag erschienen ist das Buch „Warum dick nicht doof macht und Genmais nicht tötet – Über Risiken und Nebenwirkungen der Unstatistik“ .


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