KommentarWie wir Amerika an Gier und Neid verloren haben

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Politik für die Reichen

Und doch geschieht etwas noch Wichtigeres. Das Auffällige an der US-Wirtschaft ist, dass sie trotz ihrer einzigartigen Tugenden in letzter Zeit der Mehrheit ihrer Bevölkerung schlecht gedient hat. Die Einkommensverteilung ist außerordentlich ungleich. Die Erwerbsbeteiligung von Erwachsenen im Haupterwerbsalter ist ungewöhnlich niedrig. Das reale mittlere verfügbare Einkommen der Haushalte ist das gleiche wie vor zwei Jahrzehnten, während das mittlere Einkommen viel höher liegt. Einzigartig ist, dass die Sterblichkeitsrate von Erwachsenen mittleren Alters in den USA seit dem Jahr 2000 gestiegen ist.

Trump liebt es, seine Erschütterung über jeden hochkarätigen Terroranschlag in Europa zu twittern. Aber 2016 gab es in der EU nur 5000 Morde, eine Rate von einem Mord je 100.000 Menschen (einschließlich Terroranschlägen). Dagegen wurden in den USA 17.250 Menschen ermordet, eine fünfmal höhere Rate. Trump könnte sich darüber Sorgen machen.

Der schlechte Zustand vieler Amerikaner ist zum Teil das Ergebnis einer plutokratischen Politik: eine unablässige und systematische Hingabe an die Interessen der sehr Reichen. Eine Politik niedriger Steuern, niedriger Sozialausgaben und hoher Ungleichheit kann in einer Demokratie nur aufrechterhalten werden mit einer Mischung aus Propaganda für eine „Trickle down“-Ökonomie, die die weniger Wohlhabenden in kulturelle und rassische Linien spaltet sowie der rücksichtslosen Manipulation der Wahlkreisgrenzen und konsequenten Unterdrückung der Wähler. All das ist in der Tat geschehen.

Wer hat „unser“ Amerika verloren?

Man kann das eine Politik des „Pluto-Populismus“ oder „der Gier und des Zorns“ nennen. Es ist ein erstaunlicher Erfolg, dass die Republikaner für viele in der weißen Arbeiterklasse attraktiv erscheinen. Bemerkenswert sind auch die strukturellen Verzerrungen bei Wahlen. Bei den letzten drei Wahlen zum Repräsentantenhaus brauchten die Demokraten durchschnittlich 20 Prozent mehr Stimmen, um einen Sitz zu gewinnen als die Republikaner. Republikaner haben auch die Präsidentschaft zweimal in den letzten zwei Jahrzehnten gewonnen, obwohl sie insgesamt weniger Stimmen bekommen haben.

Trump ist das logische Ergebnis einer Politik, die den Interessen der Plutokratie dient. Er gibt den Reichen, was sie sich wünschen, und bietet gleichzeitig den von der republikanischen Basis gewünschten Nationalismus und Protektionismus. Es ist eine brillante (wenn auch ungeplante) Kombination, verkörpert in einer charismatischen Persönlichkeit, die seinen leidenschaftlichsten Unterstützern Bestätigung bietet. Wird Trumps Protektionismus seiner Wählerbasis etwas nützen? Nein. Aber in ihren Augen verkörpert er endlich einen echten Anführer.

Wer hat „unser“ Amerika verloren? Es ist die amerikanische Elite, besonders die republikanische Elite. Trump ist der Preis für Steuersenkungen für Milliardäre. Sie säten den Wind, die Welt erntet den Sturm. Kommt das alte Amerika zurück? Nur wenn jemand einen politisch erfolgreicheren Weg findet, auf die Bedürfnisse und Ängste der einfachen Menschen eine Antwort zu geben.

Copyright The Financial Times Limited 2018