HeizungsbauerWie Viessmann Digitalisierung und Generationswechsel verknüpft

Martin Viessmann und sein Sohn Max im Büro von VC/O, dem Dach ihrer digitalen Einheiten in Berlin
Martin Viessmann und sein Sohn Max im Büro von VC/O, dem Dach ihrer digitalen Einheiten in BerlinGene Glover

Tausend Atome bewegen sich an einem Tag im September, in einem Konferenzraum in Zaventem, einem Vorort von Brüssel. Max Viessmann steht vor Tischreihen aus hellem Holz, davor Stühle aus rotem Stoff, ein gutes Dutzend Mitarbeiter sitzt und steht vor ihm, 20 andere sind per Video zugeschaltet, Betreff: Max shares his view.

Max Viessmann, beige Hose, weißes Hemd, dunkler Pullover und iWatch, redet ruhig, in geschliffenem Englisch. Er erzählt von einer Frage, die er Kollegen gestellt hat: Warum arbeitet ihr für Viessmann? Er bekam Hunderte Antworten, die üblichen, erwartbaren: tolle Kollegen, tolle Produkte, tolle Marke. Etwas fehlte, sagt Max. Der Sinn, das Ziel. Auf Englisch: purpose. „Das, wofür ihr morgens aufsteht. Mit unseren Produkten haben wir einen großen Einfluss darauf, in welcher Welt zukünftige Generationen leben werden.“ Impact, sagt er und schnipst mit dem Finger.

Der Beitrag ist in der aktuellen Capital erschienen

In wenigen Minuten durchreitet Max Viessmann die Megatrends unserer Zeit, Energiewende, Industrie 4.0, künstliche Intelligenz, machine learning. Seine Botschaft: Die Welt ändert sich, und darum muss Viessmann sich ändern. Die Hardware, Heizungen bauen, das können wir. Die digitalen Services, die Software – das müssen wir mehr lernen.

Seit Monaten reist er deshalb herum, besucht möglichst viele der 12.000 Mitarbeiter, die 23 Produktionsgesellschaften in zwölf, die Vertretungen in 74 Ländern. „Du musst jeden Tag 1000 Atome pushen“, sagt er. „Das geht aber nicht allein. Sondern nur zusammen mit unseren 12.000 Viessmann-Familienmitgliedern.“

Zweieinhalb Tage Allendorf, ein Tag irgendwo in Deutschland, ein Tag irgendwo in Europa, ein halber Tag Berlin: Das ist seine Woche, sein Leben, seine Mission.

Die Geschichte von Viessmann ist aber nicht nur eine weitere Digitalisierungsgeschichte, wie ein Mittelständler sich umbaut und neu erfindet. Es ist auch nicht nur eine weitere Nachfolgegeschichte, wie ein Vater, der 25 Jahre lang den Globus erobert hat, an seinen Sohn übergibt.

Es ist eine seltene, energische Symbiose aus beidem: Wie ein Vater erkennt, dass seine Generation abtreten, früher loslassen muss, weil sie dem nächsten Umbruch nicht so gut gewachsen ist. Wie eine Nachfolge vorgezogen wird, obwohl der Sohn erst 27 ist, und dieser erst mal nicht nach Allendorf geht, in die heile, hessische Heimat, sondern nach Berlin.

„Mir wurde klar, dass es Aufgabe der nächsten Generation ist, das Unternehmen digital zu transformieren“, sagt Martin Viessmann, der Vater. „Sie hat nicht nur die fachlichen Fähigkeiten, sondern vor allen Dingen die kulturelle Kompetenz.“