Start-upsStart-up-Welle: Angriff auf den Software-Riesen SAP

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Eine unerhörte Summe

Das ist mal eine Ansage. Von wegen Nischenlösung – Enfore will mit seinem System alles abdecken: Inventar, Kasse, Kundenbeziehungen, Gehaltsabrechnung, Einkauf und so weiter. Und das über alle möglichen Branchen, zunächst für Einzelhandel, Dienstleistungsgewerbe und Gastronomie, später sollen etwa auch freie Berufe dazukommen. 2013 bekommt Börries 38 Mio. Dollar für sein Start-up. Es ist eine für diese Zeit unerhörte Summe, zumal er noch lange kein fertiges Produkt vorzeigen kann. Es dauert alles etwas länger, vor allem weil er bald erkennt, dass es mit Software allein nicht funktionieren wird. Er muss ein echtes Komplettpaket anbieten, und dazu gehört auch Hardware: Er lässt ein Kassenterminal und ein mobiles Zahlungsgerät entwickeln.

2017, nach acht Jahren Entwicklung, geht Enfore schließlich live. Eine unfassbar lange Zeit für ein Start-up. Börries verteidigt sich: „Die Leute vergessen, dass große Technologieprojekte lange brauchen.“ Aber auch nach dem Marktstart geht es mühsam voran, obwohl Enfore mit Kampfpreisen wirbt: Das Kassensystem gibt es für 799 Euro, für die Software fällt keine Nutzungsgebühr an. Dafür verdient Enfore an Kartenzahlungen mit, später sollen zusätzliche Dienstleistungen für Logistik und Marketing Einnahmen bringen.

Börries’ größtes Problem ist, logisch, der Vertrieb. Es hat ja seinen Grund, dass sich SAP und Co. kaum um Kleinstbetriebe kümmern: Sie sind schwer zu erreichen und haben nur kleine Budgets. Darum sollen nun Partner helfen: Seit 2017 ist das vor allem die Telekom, die Enfore in ihren Läden feilbietet. Deals mit weiteren Partnern sind so gut wie eingetütet.

Bislang hat Enfore nur wenige Tausend Kunden. Doch Börries ficht das nicht an, er denkt in längeren Zeiträumen: „Wir haben kalkuliert, dass wir fünf bis sieben Jahre brauchen, um in einem Markt eine führende Stellung einzunehmen.“ Im Herbst soll es in die USA gehen. Seine Geldgeber würden nicht unruhig, sagt er. „Die kennen mich.“ Xing-Gründer Lars Hinrichs, einer der Investoren, hat Enfore schon „ein zweites SAP“ genannt, ein „neues Betriebssystem für ein ganzes Wirtschaftssegment“ – wobei sich das gar nicht notwendigerweise auf kleine Firmen beschränken muss. Börries berichtet, dass es inzwischen Interesse von größeren Handelsketten gebe, die erwögen, ihre Verkaufs-infrastruktur komplett auf Enfore umzustellen.

Kann ein Software-Start-up SAP vielleicht doch gefährlich werden? Eine Frage, die wahrscheinlich Hybris-Gründer Moritz Zimmermann am besten beantworten kann. Nach dem Verkauf blieb er bei SAP, seit 2017 ist er CTO der Businesseinheit für Kundenbeziehungssoftware. Im Tech-Bereich, sagt er, müsse man sich diese Frage eigentlich immer stellen. Und dann zitiert er Intel-Urgestein Andrew Grove: „Only the paranoid survive. Ich persönlich habe immer ein gewisses Maß an Paranoia.“


Dieser Beitrag ist erstmals in der Capital-Printausgabe 04/2019 erschienen.


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