Start-upsStart-up-Welle: Angriff auf den Software-Riesen SAP

Die Celonis-Gründer Martin Klenk, Alexander Rinke und Bastian Nominacher (v. l.)
Die Celonis-Gründer Martin Klenk, Alexander Rinke und Bastian Nominacher (v. l.)Janek Stroisch

Die neuen Celonauten werden im Erdgeschoss eingewiesen. 95 junge Männer und Frauen drängen sich an diesem Februartag im Konferenzraum – allesamt neue Mitarbeiter des Münchner Software-Start-ups Celonis, die im letzten Quartal zur Firma gestoßen sind. Alle drei Monate lädt die Geschäftsleitung zur „Onboarding Week“ in die Zentrale in der Münchner Maxvorstadt. Aus aller Welt kommen dann neue Celonauten (so werden die Mitarbeiter wirklich genannt) und lernen, wie die Celonis-Software funktioniert, wie die Kunden davon profitieren und was das überhaupt für ein Unternehmen ist: acht Jahre alt, 550 Mitarbeiter, Kunden wie Vodafone oder Rewe, Unternehmensbewertung: 1 Mrd. Dollar.

In der kleinen Gruppe von Deutschlands Milliarden-Start-ups nimmt Celonis eine Sonderrolle ein: Es ist kein Fintech, keine E-Commerce-Firma – sondern ein Anbieter von Software für Unternehmen. Kaum ein Markt aber gilt als dermaßen dröge, kompliziert und schwer zu knacken. Die deutsche Gründerszene hat sich daher auch jahrelang auf etwas anderes konzentriert, das Geschäft mit dem Endverbraucher nämlich, Business-to-Customer (B2C), Ideen für Millionen von Kunden. Allerdings: Genau das wandelt sich. Mehr und mehr Gründer setzen neuerdings auf das Geschäft mit Unternehmen (B2B). Viel wird nicht über sie gesprochen, es ist eher eine Revolution im Verborgenen. Aber es gibt sie, und sie werden immer wichtiger. Drei der spannendsten Beispiele stellt Capital vor – und Celonis ist unbestritten das erfolgreichste Start-up der neuen Welle.

Der Datensauger

Während unten neue Celonauten geformt werden, sprechen ein Stockwerk höher zwei der drei Gründer über den Erfolg. „Es ist“, sagt Alexander Rinke, „schon ein bisschen verrückt. Wenn man sich überlegt, wie lange wir gebraucht haben, bis wir 100 Mitarbeiter waren. Und jetzt sind es allein im letzten Quartal 100 neue Leute gewesen.“ Rinke, 29, hager und blass, ist gelernter Mathematiker. Neben ihm vertritt Bastian Nominacher, 34, Spross einer Bäckerdynastie, die Firma – und preist in bayerisch eingefärbtem Marketingsprech die Vorzüge von Celonis: „Wir brechen die Silos auf, wir versetzen die Unternehmen in die Lage, end-to-end ihre Prozesse zu steuern.“

Das heißt: Die Celonis-Software setzt sich auf die IT-Systeme eines Unternehmens, saugt alle verfügbaren Daten ab und rekonstruiert daraus sämtliche Prozesse, die in der Firma stattfinden. Aus der grafischen Aufbereitung können Manager ständig erfahren, wo Abläufe ineffizient sind, wo Zeit verloren geht und wo tatsächliche Prozesse nicht wie gedacht funktionieren. Siemens etwa durchleuchtet mit Celonis Einkauf, Bestelllogistik, Produktion, Auftragsabwicklung und Kundenbelieferung und hat dadurch nach eigener Aussage einen zweistelligen Millionenbetrag gespart. Celonis hat mit seinem Produkt einen Nerv getroffen. In vielen Branchen schrumpfen die Margen, aber Einsparpoten-ziale scheinen ausgeschöpft – die meisten Firmen haben schon bis zum Anschlag outgesourct, zentralisiert und konsolidiert. Dazu kommen ständig wachsende Kundenerwartungen. Celonis verspricht sinkende Kosten bei steigender Kundenzufriedenheit.

Und das Start-up hatte das Glück, dass große Anbieter von Unternehmenssoftware wie SAP oder Oracle – aus deren Systemen der Großteil des verwertbaren Datenschatzes stammt – beim Thema Process-Mining einen blinden Fleck hatten. Rinkes Erklärung: „Als kleines Unternehmen am Anfang hat man immer den Vorteil, dass man frei ist von sämtlichen Bestandsproblemen. SAP ist weiter extrem innovativ. Aber die Idee hatten sie nun nicht.“

Das ist so ungefähr die krawalligste Ansage, die man aus ihm herauskitzeln kann. Damit ist Rinke ein typischer Vertreter der neuen B2B-Angreifer, von denen man selten markige Sprüche à la Oliver Samwer hört. Dass kaum einer den Niedergang von SAP ausruft, liegt aber auch daran, dass dieser nicht so leicht zu bewerkstelligen wäre. Die Produkte aus Deutschlands wertvollstem Konzern laufen beinahe überall, decken fast alle denkbaren Geschäftsprozesse ab und sind bei vielen Kunden so eng verzahnt, dass ein Systemwechsel schier unmöglich erscheint. Aber: Alles kann auch SAP nicht abdecken. „Es gibt mittlerweile tolle B2B-Lösungen, die bestimmte Spezialdisziplinen angreifen und wunderbare Ergänzungen zu SAP und Co. darstellen“, sagt Thomas Fischer von der Digitalisierungsberatung Allfoye. „Die Kleinen machen einige Sachen sehr gut: Der Implementierungsaufwand ihrer Software ist sehr gering, sie kommt aus der Cloud. Und sie denken sehr genau darüber nach, was Unternehmen wirklich brauchen.“