NachfolgeWie Simba Dickie den Generationenwechsel meistert

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Florian Sieber, seine Cousins Felix und Max Stork (v.l.n.r.) – die Nachfolger (Foto: S. Lock)

So ist zumindest hier auch bei Simba Dickie eine gewisse Spannung zwischen den Altersschichten zu spüren. Dabei ist dies eine Firma, die für Harmonie bei der oft so komplizierten Übergabe eines Unternehmens an die nächste Generation stehen darf – als ein seltenes Positivbeispiel in einem heiklen, wichtigen Feld. Für die Zukunft deutscher Mittelständler nämlich ist das Nachfolgethema heute entscheidend, mehr noch als früher. Laut Zahlen der Förderbank KfW waren vor zwei Jahren 27 Prozent der Inhaber im Mittelstand über 60, ihr Anteil hat sich in 16 Jahren mehr als verdoppelt.

Das Problem besteht erst recht in der Spielwarenindustrie. Hier, wo Familienbetriebe dominieren und Einzelhandelskrise, Wachstums- und Margendruck schon vor Corona rasche Entscheidungen verlangten, geht es oft ums Überleben. „Das ist etwas, an dem in der Vergangenheit zahlreiche inhabergeführte Unternehmer in der Branche gescheitert sind, die sich nicht rechtzeitig um die Nachfolge gekümmert haben“, sagt Joachim Stempfle vom Marktforschungshaus NPD Group, ein Top-Kenner der Spielwarenindustrie.

In der Branche sieht man Simba Dickie vor allem als positives Gegenbild zu Playmobil, die eine in mancher Hinsicht ähnliche Geschichte haben und in der Nachbargemeinde Zirndorf werkeln. Dort hatte Firmenpatriarch Horst Brandstätter seinen Sohn faktisch enterbt, soweit es die Firma betrifft (nach seinem Tod übernahm eine Stiftung, die von Brandstätters einstiger Chefsekretärin kontrolliert wird). Simba Dickie hingegen gehört – auch um Erbschaftsteuer zu sparen – jetzt schon zu drei Vierteln Florian Sieber und seinen Geschwistern.

Dynastisches Denken

Die Zentrale in Fürth – von hier werden auch Marken wie Schuco gelenkt (Foto: S.Lock)

Florian Sieber hat seine Freiräume und augenscheinlich in den Jahren gelernt, mit zusammengepressten Lippen und übereinandergelegten Händen neben dem Vater zu sitzen und auf seinen Einsatz zu warten. Beim Gespräch mit Capital vollführt jener an einem Konferenztisch in der Zentrale so weite Runden mit dem Drehstuhl und breitet im Erklärmodus die Arme so sehr aus, dass man manchmal fürchten muss, ob noch Platz am Tisch für den Sohn übrig bleibt. Dann ist endlich Florian dran. Er sagt einen Satz, anderthalb Sätze, schon hat wieder der Vater eine Idee und fällt ihm ins Wort.

Nicht bös gemeint. Das Duo ist sich der Rollenverteilung bewusst. Florian überlässt dem Vater die Entertainerrolle. Er spricht dafür analytisch, knapp, zahlenlastig – aber eben auch: ein bisschen unemotional. „Mein Vater ist ab und zu vorschnell und impulsiv, da ist es schon so, dass ich mir mehr Zeit lasse und ein bisschen länger diskutiere, bis ich eine Entscheidung treffe“, sagt er. Und was antwortet der Vater? „Da­rin ist er ein großes Vorbild für mich.“

Bei den Siebers, ohnehin alle große Familienmenschen, gab es immer Gelegenheit, über Vater-Sohn-Verhältnisse nachzudenken. Nach Florian und vor seinem Bruder Kevin folgte zwar auch eine Tochter. Aber die hat sich in New York mit einem Mode-Start-up selbstständig gemacht. Somit wird das Fehlen von Frauen in der Spitze sehr bedauert, aber nicht recht angegangen. Denn gleichzeitig ist das dynastische Denken so ausgeprägt, dass es sogar über die Kernfamilie hinausgeht: Siebers langjähriger Finanzvorstand arbeitet derzeit seinen Sohn in die Nachfolge ein.

Dabei wäre die Familienlinie beinah gerissen, nicht lang, nachdem Fritz Sieber mit Sohn Michael 1982 eine gemeinsame Firma aufmachte (die Vorgängerfirma blieb nach Querelen einem Mitgesellschafter). Michaels Wachstumsdrang aber war dem Vater nicht immer geheuer. Als sich 1993 die erste große Übernahmegelegenheit bot, die Nürnberger Dickie Toys (deren Gründer bei einem Flugzeugabsturz starb), sagte Michael: Das ist die Chance. Fritz sagte: Nicht mit mir.

Michael aber, so schildert er es heute, machte weiter und setzte dem Vater die Pistole auf die Brust. Am Freitag vor dem Vollzug lief die Sache demnach so: „Jetzt kannst’ mich mal, ich mach’s auch ohne dich“, sagte Michael. Wortlos dampfte der damalige Patriarch darauf ab. Und erschien dann am Montag ebenso wortlos doch beim Notar zum Kaufvertrag.

Das Muster wiederholte sich bei anderen Übernahmen. Andersherum kam es mehrfach vor, dass Michael wutschnaubend über den autoritären Eigensinn des Vaters die Firma verließ. Und erst 14 Tage später wieder zurückkehrte, nachdem die Mutter einen brüchigen Frieden vermittelt hatte. Der Großvater, so sagt es Florian, wird als Unternehmer im Hause Sieber bis heute verehrt. Aber als Menschenführer und Firmenvererber war er stets „das Beispiel, wie man es nicht machen sollte“. Von Krächen wie einst bei Fritz ist heute zwischen dessen Sohn und Enkel keine Rede mehr.