Neue SeidenstraßeWie sich die Malediven gegen Chinas Seidenstraße-Projekt wehren

Megaprojekt: Die China-Malediven-Freundschaftsbrücke ist das Flaggschiff von Chinas Kreditoffensive in dem Inselstaat
Megaprojekt: Die China-Malediven-Freundschaftsbrücke ist das Flaggschiff von Chinas Kreditoffensive in dem Inselstaat mago/Xinhua

Ein hochaufragender blauer Torbogen markiert die Einfahrt. Auf zwei Kilometern spannt sich die Sinamalé-Brücke, auch China-Malediven-Freundschaftsbrücke genannt, über den Indischen Ozean. Vier Fahrspuren verbinden die Hauptstadt Malé mit der schnell wachsenden künstlichen Insel Hulhulé, dessen internationalen Flughafen seit einiger Zeit auch Riesenflieger wie der A380 anfliegen können.

Die vergangenen Herbst eröffnete Brücke ist das Flaggschiffprojekt einer ungewöhnlichen Freundschaft. Das chinesische Riesenreich hat den kleinen Inselstaat als Puzzleteil in seine Investitionsoffensive „Neue Seidenstraße“ eingereiht. Auch kleinere Länder sollen daraus einen Entwicklungsschub ziehen können, heißt es offiziell. Über Jahre vereinbarte der regierende Präsident Abdulla Yameen ein Projekt nach dem anderen. Bis er überraschend abgewählt wurde.

Seitdem zeichnet die neue Regierung ein düsteres Bild. Yameen habe dem Land gigantische Schulden gegenüber China beschert – vor allem über aufgeblähte Investitionsverträge, die nebenbei reichlich persönlichen Gewinn für korrupte Beamte abwarfen. Seit zwei Monaten versuchen die Malediven, das volle Ausmaß ihrer Verbindlichkeiten gegenüber chinesischen Gläubigern zu ermitteln. Die meisten bestehen in Form staatlicher Garantien für chinesische Kredite an beteiligte Unternehmen. Allein diese belaufen sich laut dem Finanzministerium auf 935 Mio. Dollar – zusätzlich zu 600 Mio. Dollar direkten Schulden mit Peking.

Einschließlich noch nicht gemeldeter Garantien könnten sich 3 Mrd. Dollar Schulden aufgetürmt haben, schätzt Mohamed Nasheed, ein enger Berater des neuen Präsidenten Ibrahim Mohamed Solih, der früher selbst Präsident war. Eine unbezahlbare Summe für ein Land mit knapp 400.000 Einwohnern und einem Bruttosozialprodukt von 4,9 Mrd. Dollar (2017).

Finanzminister Ibrahim Ameer strebt mit China eine Umschuldung an, bei der sowohl die Summen, wie auch die Zinsen und die Tilgungsfristen auf den Tisch gehörten. Sein schlichtes aber starkes Argument: Die vereinbarten Projektkosten und Finanzierungsvolumen seien künstlich erhöht worden, damit für die Verwaltungsbeamten Yameens ein üppiger Ertrag abfalle. „Alles war von Regierungsbeamten so eingefädelt, um die größtmögliche Bereicherung zu gewährleisten“, sagt Ameer der „Financial Times“. „Alles war vorsätzlich darauf angelegt.“

Verlockende strategische Lage

Chinas Investitionsboom auf den Malediven begann 2014, als Präsdient Xi Jinping als erstes chinesisches Staatsoberhaupt den Archipel besuchte. Das wachsende Interesse für Megaprojekte in dem Ministaat geht auf die strategische Lage zurück. Mit 1200 Inseln auf einer Spanne von 850 Kilometern geben sich die Malediven als exklusive Wirtschaftszone von 859.000 Quadratkilometern – mehr als dreimal die Landfläche Großbritanniens – und das in einem Gebiet des Indischen Ozeans, das an die Hauptschifffahrtsroute zwischen China, den Öllieferanten des Nahen Ostens und Europa grenzt.

Im Jahr vor seinem Besuch in Malé hatte Xi die Seidenstraßen-Vision als neues Herzstück seiner Außenpolitik verkündet. Seitdem beschert die Strategie weiten Teilen Asiens und darüber hinaus einen Schub chinesischer Staatsunternehmen und Finanzierer, die gigantische Infrastrukturprojekte bauen wollen. Yameens ehrgeizige Pläne für den Ausbau der Hauptstadt machten die Malediven zu einem vielversprechenden Ziel.