Capital-History

Die großen BetrügerWie Ronnie Biggs den großen Postzugraub vermarktete

1963 wurde Biggs gefasst, er bekam 30 Jahre Haft. 1965 gelang ihm die Flucht aus Englands sicherstem Gefängnis
1963 wurde Biggs gefasst, er bekam 30 Jahre Haft. 1965 gelang ihm die Flucht aus Englands sicherstem Gefängnis dpa

Kurz nach Mitternacht rumpelte die Diesellok durch die verschlafene englische Landschaft, auf dem Weg von Schottland nach London. Zwölf Waggons hatte sie im Schlepptau. Der Postzug war wie jeden Abend um zehn vor sieben in Glasgow abgefahren. London-Euston sollte er um 3.41 Uhr erreichen. An Bord: Abertausende Briefe und Päckchen. 75 Postleute saßen in dieser rollenden Briefstation und sortierten im Akkord. 2000 Stück schafften sie in der Stunde, wenn sie sich ranhielten.

Der Zug gehörte der Royal Mail, genauer Ihrer Majestät der Königin. Eine Institution also, 44 solcher Postzüge fuhren damals durch das nächtliche England. Seit 125 Jahren – ohne größere Zwischenfälle. Die Nacht vom 7. auf den 8. August 1963 sollte allerdings ein wenig unruhig werden. Denn an Bord hatte der Zug auch eine hübsche Summe Geld.

Auf einer Farm in der Nähe des Dorfes Oakley im Süden Englands trafen zur gleichen Zeit 16 Männer letzte Vorbereitungen. Sie zogen Heeresuniformen und Drillichanzüge an, kontrollierten, ob ihre Strumpfmasken in der Tasche steckten, und gingen ihren Plan noch einmal Schritt für Schritt durch. Dann packten sie Spitzhacken, Eisenstangen und Holzknüppel. Kurz nach eins setzte sich der Tross in Bewegung, Richtung Sears Crossing, 48 Kilometer von London entfernt. Ein Konvoi von drei Wagen, ein Dreitonner und zwei Land Rover, in der Dunkelheit als Militär getarnt. Den Ort hatte die Bande lange vorher ausgespäht, er war ideal für ihr Vorhaben.

In einem der Land Rover saß Ronnie Biggs. Dass er bei dem Überfall überhaupt dabei war: Zufall. Seine Rolle: winzig. Er war quasi im letzten Moment aufgesprungen. Doch ausgerechnet Ronnie Biggs sollte es später zum bekanntesten Posträuber der Geschichte bringen. 35 Jahre würde er auf der Flucht sein von Paris nach Australien, nach Panama und schließlich nach Brasilien, wo er zum begehrten Fotomotiv avancieren würde, gleich nach dem Zuckerhut. Sein Geld würde draufgehen für eine missglückte Gesichts-OP in Paris, falsche Pässe und jede Menge Fluchthelfer.

Von all dem hatte Biggs in dieser Nacht natürlich nicht den leisesten Schimmer. Es war sein 34. Geburtstag, und Biggs war nervös. Wenn der Raubüberfall gelänge, wäre er alle Sorgen los, hoffte er.

Monatelange Übung

An Bord des Zuges waren 2,6 Mio. Pfund, 57 Mio. Euro nach heutigem Wert. Die Bande war gut vorbereitet. Ein Elektriker sollte zum Signal hochklettern, das grüne Licht abdecken und mit einer Birne „Rot“ aufleuchten lassen. Das sollte den Zug zum Halten zwingen. Ein professioneller Rennfahrer saß am Steuer eines Fluchtautos. Monatelang hatten die Bandenmitglieder, als Angler getarnt, das Gelände ausgespäht und den Überfall durchgespielt.

Im Zug lagerte das Geld englischer und schottischer Banken. Vor dem Bankfeiertag hatten sie ihre Tresore geleert, das Geld sollte nach London in die Zentralen: haufenweise abgegriffene Ein- und Fünf-Pfund-Noten, die geschreddert werden sollten. Für Räuber eine traumhafte Beute, denn die Scheine waren größtenteils nicht durchgehend nummeriert. Woher die Bande den Tipp bekommen hatte, wurde nie endgültig geklärt.

52 Jahre ist das her. Posträuber sind seither ziemlich aus der Mode geraten. Der moderne Bankräuber sitzt am Computer, hackt Konten oder manipuliert Zinssätze. Bankraub 4.0 ist reine Bildschirmarbeit. Doch dem Ruhm der Postzuggangster hat das keinen Abbruch getan – eher im Gegenteil.

Der Raub gehört zum Kapitalismus wie das Geld, die Gier und der Neid. Zahlreiche Verbrechen und ihre Drahtzieher haben es zu Berühmtheit gebracht, manche sogar zu Kultstatus. Doch Biggs und seine Kumpel setzten in ihrem Metier neue Standards hinsichtlich Logistik, Management und Vermarktung – sogar über ihren Tod hinaus. „The Great Train Robbery“ gilt bis heute als Meisterstück, als Verbrechen des Jahrhunderts. Und einige der Beteiligten schafften es, zeit ihres Lebens vom Mythos des sympathischen Räubers zu leben, der mit Köpfchen und ohne Gewalt arbeitet.

Als Biggs 2013 alt und krank in London verstarb, erschienen weltweit Nachrufe. Sogar der „Economist“ widmete dem „berühmtesten Posträuber der Welt“ drei Seiten. Nur die Queen oder die Beatles dürften in England berühmter sein.

Wer war der Mann, der es zum Superstar, zum „führenden Posträuber dieses Jahrhunderts“ schaffte und als Wachsfigur im Kabinett von Madame Tussauds neben Staatsmännern und Schauspielern steht?

Gewöhnlicher Gauner

Nichts deutete im Leben von Ronnie Biggs auf diese „steile“ Karriere hin. Biggs kam 1929 als eines von vier Kindern in London auf die Welt, sein Vater war Busfahrer. Bereits als Zehnjähriger machte er bei kleinen Diebstählen einer Straßengang mit. Mit 16 stand Biggs das erste Mal wegen Diebstahls vor Gericht. Er wurde in ein Erziehungsheim gesteckt, wo er eine Lehre als Anstreicher begann, 1947 ging er freiwillig zur Armee, versuchte zu desertieren, wurde festgenommen, setzte sich mit einem Kumpel von der Armee ab. Er lebte weiter von kleineren Einbrüchen, Zigarettenhandel und versuchte sich als Autoknacker. Zwischendurch wurde er immer wieder erwischt und landete im Gefängnis.

Das Leben eines gewöhnlichen, eher mäßig begabten Gauners. Von der Sorte gab es in London zu jener Zeit viele. Anfang der 60er-Jahre hatte die Stadt eine rege Unterwelt, es wimmelte von Taschen- und Gewohnheitsdieben. Die späteren Posträuber kamen fast alle aus diesem Kleinganovenmilieu. Für sie waren die Gaunereien allemal lohnender als schlecht bezahlte Arbeit.

Vom Swinging London merkte der Durchschnittsbrite nicht viel. 1963 lebte die Mehrheit der Londoner noch ohne Zentralheizung, Auto oder Waschmaschine. Fernreisen waren nicht drin, die Kost war karg, Kartoffeln, gebackene Bohnen und ab und an mal Schweinefleisch, all das für eine 48-Stunden-Woche. Mehr bot der Lohn eines Arbeiters nicht. Reich waren nur eine kleine Schicht aristokratischer Familien und das politische Establishment. Ihnen gehörten fast das gesamte Vermögen, Ländereien und Paläste.

Vermutlich hätte Biggs sein Kleinganovenleben mit gelegentlichen Knastaufenthalten weitergelebt, wenn er nicht seine Zelle einmal mit Bruce Reynolds geteilt hätte, dem späteren Kopf der Räuberbande. Die beiden hatten gemeinsame Interessen: Jazz, Geld und Frauen.

Bruce Reynolds gehörte zu den Drahtziehern der Bande, inszenierte sich als Gentleman-Dieb
Bruce Reynolds gehörte zu den Drahtziehern der Bande, inszenierte sich als Gentleman-Dieb

Bruce Reynolds, der auf Fotos wie eine Mischung aus Cary Grant und „Mad Men“-Figur Don Draper wirkte, liebte teure Autos und hatte ein Faible für schicke Anzüge, Seidenhemden und kostspielige Accessoires, die sein Antiquitätenladen, der mehr Tarnung als Geschäft war, nicht abwarf. Sein Auftritt brachte der Truppe den Namen „Die Gentlemen-Liga“ ein. Gemeinsam mit Douglas Gordon Goody, einem gelernten Damenfriseur, suchte er nach einem schnellen Weg, reich zu werden. Als sie von dem Geldtransport in dem Postzug erfuhren, begannen sie mit der Planung – Monate vor dem Überfall.

Biggs hatte damit nichts zu tun. Er war Anfang 1963 frisch gebackener Vater von zwei kleinen Söhnen, verheiratet mit der Lehrertochter Charmian, und zur Abwechslung versuchte er es mal mit Arbeit. Er betrieb eine kleine Schreinerei in London-Redhill. Seit drei Jahren hatte er kein krummes Ding mehr gedreht.

Weil Biggs knapp bei Kasse war, er brauchte 500 Pfund für eine Hauskaution, fragte er Reynolds. Der winkte ab, tönte aber, dass er bald zu Geld kommen werde. Die Vorbereitungen für den Überfall waren bald komplett. Der Bande fehlte nur noch ein Lokführer, denn trotz klammheimlicher Fahrstunden auf einer ausrangierten Diesellok waren sich die Posträuber unsicher, ob sie es hinkriegen würden, die Lok samt Geldwagen abzukoppeln und eine drei viertel Meile bis zur Bridego-Brücke zu rollen. Von dort sollten die Geldsäcke auf Transporter verladen werden. All das in 15, höchstens 20 Minuten. Eine halbe Stunde später wollten sie zurück in ihrem Versteck sein, der Leatherslade Farm. Die hatten sie über Strohmänner angemietet.

Als Biggs seinem Knastfreund erzählte, dass er gerade im Haus eines pensionierten Lokfahrers die Wände strich, horchte Reynolds auf. Doch Biggsy wollte ihm den Mann nur vermitteln, wenn er selbst dabei sein konnte. „Biggsy joined the firm by the back door“, schrieb Bruce Reynolds später in seinen Memoiren. Und: „Er spielte eine sehr unbedeutende Rolle.“ Biggsy sollte nur auf seinen Lok-Mann aufpassen.

Dessen Einsatz aber ging gründlich schief. Fast hätte er die Bande verraten, als er sich kurz vor Ankunft des Zuges seine Pfeife anzündete. Als der Zug dann stoppte und einer der Räuber den Lokführer mit einer Eisenstange niederschlug, bekam der Ersatzmann die Lok nicht in Gang.

Und so musste in jener Nacht schließlich der Lokführer des Zugs, Jack Mills, blutüberströmt die Lok selbst fahren. Die Bande kostete das wertvolle Minuten, acht Geldsäcke ließ sie deshalb im Zug zurück. Der Zeitplan ging vor. 120 Postsäcke landeten auf dem Bahndamm und wurden in den Dreitonner und die beiden Geländewagen verladen.

Die Sortierer merkten nichts

Von dem Überfall bekamen die 75 Postbediensteten in den abgekoppelten Wagen nichts mit, sie sortierten weiter stoisch ihre Briefe. „Aus krimineller Sicht war der Royal Train eine leichte Beute“, schreiben Nick Russell-Pavier und Stewart Richards in ihrem Buch über den großen Postraub. Weder die königliche Post noch die Banken hatten bis dato eine größere Bewachung des Geldzuges für nötig befunden. Es gab keine Sicherheitsleute, keine Polizei an Bord des Zuges. Der Lokführer und sein Begleiter hatten keine Möglichkeit, Alarm auszulösen.

Die Posträuber rasten zurück in ihr Versteck der Leatherslade Farm. Biggs und Reynolds saßen im Land Rover und sangen Tony Bennetts Hit „The Good Life“. Um 3.40 Uhr waren sie wieder am Farmhaus, das sie mit Vorräten für Wochen aufgefüllt hatten. Der Morgen graute, als die Männer die Säcke ins Haus schleppten. In jedem der 120 Säcke waren 20.000 Pfund – jeder der 15 Männer war binnen einer Viertelstunde Millionär geworden.

Biggs war vor allem als Koch nützlich. In ihrem Versteck brutzelte er feine Steaks mit Pommes oder Rührei mit Schinken, was ihm den Spitznamen „Teaboy“ einbrachte.

Von der Beute in Höhe von 2,6 Mio. Pfund tauchten nur 343.000 Pfund wieder auf
Von der Beute in Höhe von 2,6 Mio. Pfund tauchten nur 343.000 Pfund wieder auf (Foto: dpa)

Während die Bande in ihrem Schlupfloch die Beute zählte und aufteilte, erhielt Scotland Yard um 4.24 Uhr von der Kontrollstation Euston einen Anruf, Polizei und Krankenwagen würden dringend benötigt. Die Beamten informierten die örtliche Polizei und gingen anfangs davon aus, es habe einen Einbruch im Bahnhof gegeben. Erst um 5.08 Uhr erreichte der erste Polizist, Inspector Mellows, den Tatort. Doch bereits mittags erklärte die Polizei, dass sie die Gangster noch in der Nähe vermutete, zwischen „30 Meilen oder einer halben Stunde Fahrt“ entfernt vom Tatort Bridego Bridge.

Die Posträuber, die Radio und den Polizeifunk abhörten, wurden nervös. Sie beschlossen, ihr Versteck vorzeitig zu verlassen. Reynolds forderte alle auf, ihre Spuren zu verwischen und ja keine Fingerabdrücke zu hinterlassen. Besonders gründlich allerdings gingen die Männer dabei nicht vor. Twiggy, ein schmächtiges Kerlchen, sollte die Farm schließlich in Brand stecken. Nur war der damit überfordert.

Glück für Scotland Yard. Die Spurensucher stellten die Farm auf den Kopf, jedes Glas, jede Teetasse, 1000 Gegenstände wurden auf Fingerabdrücke untersucht. Ein Abgleich mit der Verbrecherdatenbank ergab neun Treffer – darunter Ronnie Biggs und Bruce Reynolds. Biggs’ Fingerabdrücke klebten auf einer Flasche Tomatenketchup und dem Monopolyspiel. Damit hatte die Bande sich die Wartezeit vertrieben.

Doch zunächst gelang den Räubern die Flucht. Biggs verkroch sich zu Hause. Reynolds versteckte sich im Hilton an der Park Lane: „Go first class“, wenn du in Schwierigkeiten bist. „Je nobler der Ort, umso weniger Fragen bekommst du gestellt.“

Aber nur sechs Tage nach dem Raub schnappte die Polizei den Ersten, überführt mithilfe der Witwe eines Polizisten, die Verdacht schöpfte, weil ein Mann ein Schließfach für drei Monate mieten und bar im Voraus zahlen wollte. Zwei Wochen später saß Biggs im Gefängnis, Anfang Januar 1964 waren die meisten der Täter und Hintermänner verhaftet, bis auf Bruce Reynolds – er wurde 1968 im Ausland gefasst –, Buster Edwards und drei, die nie erwischt wurden, da sie Handschuhe trugen. Zehn der Räuber wurden bei der Polizei angeschwärzt, ihre Bekannten waren scharf auf die Belohnung.

Bereits im Januar 1964 begann der Prozess. Er dauerte zehn Wochen und war der längste in der englischen Kriminalgeschichte. Am 16. April verurteilte Richter Edmund Davies zwölf Männer zu insgesamt 307 Jahren Gefängnis. Er brauchte dafür 28 Minuten. Mit sechs anderen bekam Biggs 30 Jahre aufgebrummt, weil er ein „abgefeimter Lügner“ sei, so der Richter. Biggs hatte zunächst abgestritten, überhaupt an dem Raub beteiligt gewesen zu sein. Als aber rauskam, dass der neunmal Vorbestrafte mit Reynolds gut bekannt war, wurde sein Fall neu aufgerollt.

Kritik an der Strafe

Im Hochsicherheitsgefängnis „The Hate Factory“ musste er später ausgerechnet Postsäcke nähen. Im Juli 1965, ein gutes Jahr nach seiner Verurteilung, brach er aus: Mit einer Strickleiter kletterte er über die Mauer des angeblich sichersten Gefängnisses Englands.

Nach dem Ausbruch veröffentlichte der „Daily Telegraph“ einen Leserbrief Graham Greenes. Er bewundere den Mut und das Können der Posträuber, schrieb der Schriftsteller. Und er sei entsetzt über die Brutalität der Strafen: 30 Jahre für einen erfolgreichen Dieb, aber nur lebenslänglich (zwölf Jahre in der Praxis) für den Vergewaltiger und Mörder eines Kindes. „Wenn das Rechtssystem ein Vergehen gegen Eigentum so harsch bestraft, ist es nicht verwunderlich, wenn einige Sympathie mit dem Ausbrecher empfinden, der einmal mehr mit Mut und Können einer solchen Strafe entgangen ist.“ Am selben Abend fragte die BBC ihre Zuschauer, ob sie das Versteck des Ausbrechers verraten würden, wenn sie es wüssten. Die fast einhellige Meinung: Nein.

Singen mit Phil Collins

Die große Sympathie für die Posträuber war auch Ausdruck von Politikverdrossenheit. Großbritannien stand noch unter dem Schock der Profumo-Affäre. John Profumo war Kriegsminister in der konservativen Regierung. Aufgrund einer Sexaffäre mit einem Mannequin, das als russische Spionin galt, musste er 1963 zurücktreten. Die Affäre ruinierte den Ruf der Regierung, viele Briten zweifelten an der Integrität des Establishments. Eine Bande von Posträubern, die mit Chuzpe den Postzug Ihrer Majestät ausraubte, wurde daher als Rebellen gesehen. Ein Staat, der mit Gefängnisstrafen von 30 Jahren da-rauf reagierte, als unfair.

Als Biggs 1974 nach Jahren auf der Flucht in Rio ankam, musste er Geld verdienen. Seine Beute hatte er größtenteils verprasst, Biggs liebte einen aufwendigen Lebensstil. Er hoffte auf 35.000 Pfund für ein Exklusivinterview mit der „Daily Mail“, doch der Reporter hatte die Polizei im Schlepptau: Scotland Yard Detective Chief Superintendent Jack Slipper. Dass Slipper allein nach London zurückfliegen musste, hatte Biggs einem Detail im brasilianischen Familienrecht zu verdanken: Der Gauner war gerade erneut Vater eines kleinen Brasilianers geworden. Dennoch durfte Biggs wegen seines Status als Verbrecher nicht arbeiten. Er machte Werbung für Alarmanlagen, verkaufte Kaffeebecher und T-Shirts mit seinem Konterfei. Zwischendurch nahm er Songs mit Phil Collins, den Toten Hosen und den Sex Pistols („No One Is Innocent“) auf.

Er war sich für nichts zu schade. Für 100 Pfund bot er Touristen ein Barbecue mit einem echten Posträuber und seinem Rottweiler „Blitzkrieg“ an. 1998 schrieb der Reiseführer „Lonely Planet“, ein Treffen mit Biggs sei das Highlight eines Rio-Besuchs („The Ronny Biggs Experience“). Biggs’ später Ruhm, schreibt der Publizist Dirk Schindelbeck, war vor allem das Ergebnis „kluger und zäher Öffentlichkeitsarbeit“.

Tatsächlich machte schon die schiere Masse von Veröffentlichungen klar, welche Vermarktungsmaschinerie der Postzugraub in Gang setzte. Einigen Medienhäusern spielte das Geschäft mit dem Mythos Postraub wahrscheinlich viele Millionen mehr ein als die ursprüngliche Beute der Posträuber.

Gleich eine ganze Reihe von Posträubern verfasste Autobiografien, Biggs gleich mehrere, auch die Topjäger von Scotland Yard schrieben dicke Wälzer über die Fahndung nach der Verbrecherbande und ihren Frust, dass der Großteil der Beute nie wieder auftauchte. Immer wieder streuten die Posträuber selbst – meist steckten Biggs und Reynolds dahinter – neue Gerüchte über mögliche Hintermänner, von obskuren Nazis, die den Coup finanziert hätten, bis zur Formel-1-Ikone Bernie Ecclestone. Alles frei erfunden, um die Story am Laufen zu halten.

Der Postraub lieferte auch die Vorlage für ein Dutzend Filme. In Deutschland erreichte der Fernseh-Dreiteiler „Die Gentlemen bitten zur Kasse“ 1966 unglaubliche 84 Prozent Einschaltquote. Bis heute ist der Streifen der erfolgreichste Fernsehfilm. Schauspieler Horst Tappert gelang der Durchbruch. Mit dem realen Rollenvorbild Bruce Reynolds war Tappert später sogar befreundet. Der Sänger Phil Collins übernahm 1988 die Hauptrolle in „Buster“. Kein Geringerer als James-Bond-Darsteller Sean Connery spielte die Hauptrolle in „The First Great Train Robbery“, die Geschichte erzählte zwar den Goldraub von 1855, aber der Überfall lieferte die Dramaturgie dazu.

Selbst vor der Managementliteratur machte der Hype nicht halt. Die „Posträuber-Methode“ nannte Beraterin Hedwig Kellner ihr Buch, mit dem sie viele Jahre Führungskräfte in deutschen Ministerien und Banken coachte. Darin versprach sie „Erfolgsstrategien für Selbst- und Projektmanagement“. Biggs erklärte sie zum erfolgreichen Leitbild.

Und so ist die Geschichte des Postraubs auch ein Lehrstück über Wege zum Kultstatus. Selbst nach dem Tod der Ikonen Biggs und Reynolds ging die Vermarktung weiter. Dafür hatte Biggs gesorgt. Noch kurz vor seinem Tod 2013 beteuerte er, er sei stolz, ein Zugräuber zu sein: einer dieser „liebenswerten Gauner“ und „angesehenen Diebe“.