Capital-History

Die großen BetrügerWie Ronnie Biggs den großen Postzugraub vermarktete

Seite: 5 von 5

Singen mit Phil Collins

Die große Sympathie für die Posträuber war auch Ausdruck von Politikverdrossenheit. Großbritannien stand noch unter dem Schock der Profumo-Affäre. John Profumo war Kriegsminister in der konservativen Regierung. Aufgrund einer Sexaffäre mit einem Mannequin, das als russische Spionin galt, musste er 1963 zurücktreten. Die Affäre ruinierte den Ruf der Regierung, viele Briten zweifelten an der Integrität des Establishments. Eine Bande von Posträubern, die mit Chuzpe den Postzug Ihrer Majestät ausraubte, wurde daher als Rebellen gesehen. Ein Staat, der mit Gefängnisstrafen von 30 Jahren da-rauf reagierte, als unfair.

Als Biggs 1974 nach Jahren auf der Flucht in Rio ankam, musste er Geld verdienen. Seine Beute hatte er größtenteils verprasst, Biggs liebte einen aufwendigen Lebensstil. Er hoffte auf 35.000 Pfund für ein Exklusivinterview mit der „Daily Mail“, doch der Reporter hatte die Polizei im Schlepptau: Scotland Yard Detective Chief Superintendent Jack Slipper. Dass Slipper allein nach London zurückfliegen musste, hatte Biggs einem Detail im brasilianischen Familienrecht zu verdanken: Der Gauner war gerade erneut Vater eines kleinen Brasilianers geworden. Dennoch durfte Biggs wegen seines Status als Verbrecher nicht arbeiten. Er machte Werbung für Alarmanlagen, verkaufte Kaffeebecher und T-Shirts mit seinem Konterfei. Zwischendurch nahm er Songs mit Phil Collins, den Toten Hosen und den Sex Pistols („No One Is Innocent“) auf.

Er war sich für nichts zu schade. Für 100 Pfund bot er Touristen ein Barbecue mit einem echten Posträuber und seinem Rottweiler „Blitzkrieg“ an. 1998 schrieb der Reiseführer „Lonely Planet“, ein Treffen mit Biggs sei das Highlight eines Rio-Besuchs („The Ronny Biggs Experience“). Biggs’ später Ruhm, schreibt der Publizist Dirk Schindelbeck, war vor allem das Ergebnis „kluger und zäher Öffentlichkeitsarbeit“.

Tatsächlich machte schon die schiere Masse von Veröffentlichungen klar, welche Vermarktungsmaschinerie der Postzugraub in Gang setzte. Einigen Medienhäusern spielte das Geschäft mit dem Mythos Postraub wahrscheinlich viele Millionen mehr ein als die ursprüngliche Beute der Posträuber.

Gleich eine ganze Reihe von Posträubern verfasste Autobiografien, Biggs gleich mehrere, auch die Topjäger von Scotland Yard schrieben dicke Wälzer über die Fahndung nach der Verbrecherbande und ihren Frust, dass der Großteil der Beute nie wieder auftauchte. Immer wieder streuten die Posträuber selbst – meist steckten Biggs und Reynolds dahinter – neue Gerüchte über mögliche Hintermänner, von obskuren Nazis, die den Coup finanziert hätten, bis zur Formel-1-Ikone Bernie Ecclestone. Alles frei erfunden, um die Story am Laufen zu halten.

Der Postraub lieferte auch die Vorlage für ein Dutzend Filme. In Deutschland erreichte der Fernseh-Dreiteiler „Die Gentlemen bitten zur Kasse“ 1966 unglaubliche 84 Prozent Einschaltquote. Bis heute ist der Streifen der erfolgreichste Fernsehfilm. Schauspieler Horst Tappert gelang der Durchbruch. Mit dem realen Rollenvorbild Bruce Reynolds war Tappert später sogar befreundet. Der Sänger Phil Collins übernahm 1988 die Hauptrolle in „Buster“. Kein Geringerer als James-Bond-Darsteller Sean Connery spielte die Hauptrolle in „The First Great Train Robbery“, die Geschichte erzählte zwar den Goldraub von 1855, aber der Überfall lieferte die Dramaturgie dazu.

Selbst vor der Managementliteratur machte der Hype nicht halt. Die „Posträuber-Methode“ nannte Beraterin Hedwig Kellner ihr Buch, mit dem sie viele Jahre Führungskräfte in deutschen Ministerien und Banken coachte. Darin versprach sie „Erfolgsstrategien für Selbst- und Projektmanagement“. Biggs erklärte sie zum erfolgreichen Leitbild.

Und so ist die Geschichte des Postraubs auch ein Lehrstück über Wege zum Kultstatus. Selbst nach dem Tod der Ikonen Biggs und Reynolds ging die Vermarktung weiter. Dafür hatte Biggs gesorgt. Noch kurz vor seinem Tod 2013 beteuerte er, er sei stolz, ein Zugräuber zu sein: einer dieser „liebenswerten Gauner“ und „angesehenen Diebe“.