Capital-History

Die großen BetrügerWie Ronnie Biggs den großen Postzugraub vermarktete

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Von der Beute in Höhe von 2,6 Mio. Pfund tauchten nur 343.000 Pfund wieder auf
Von der Beute in Höhe von 2,6 Mio. Pfund tauchten nur 343.000 Pfund wieder auf (Foto: dpa)

Während die Bande in ihrem Schlupfloch die Beute zählte und aufteilte, erhielt Scotland Yard um 4.24 Uhr von der Kontrollstation Euston einen Anruf, Polizei und Krankenwagen würden dringend benötigt. Die Beamten informierten die örtliche Polizei und gingen anfangs davon aus, es habe einen Einbruch im Bahnhof gegeben. Erst um 5.08 Uhr erreichte der erste Polizist, Inspector Mellows, den Tatort. Doch bereits mittags erklärte die Polizei, dass sie die Gangster noch in der Nähe vermutete, zwischen „30 Meilen oder einer halben Stunde Fahrt“ entfernt vom Tatort Bridego Bridge.

Die Posträuber, die Radio und den Polizeifunk abhörten, wurden nervös. Sie beschlossen, ihr Versteck vorzeitig zu verlassen. Reynolds forderte alle auf, ihre Spuren zu verwischen und ja keine Fingerabdrücke zu hinterlassen. Besonders gründlich allerdings gingen die Männer dabei nicht vor. Twiggy, ein schmächtiges Kerlchen, sollte die Farm schließlich in Brand stecken. Nur war der damit überfordert.

Glück für Scotland Yard. Die Spurensucher stellten die Farm auf den Kopf, jedes Glas, jede Teetasse, 1000 Gegenstände wurden auf Fingerabdrücke untersucht. Ein Abgleich mit der Verbrecherdatenbank ergab neun Treffer – darunter Ronnie Biggs und Bruce Reynolds. Biggs’ Fingerabdrücke klebten auf einer Flasche Tomatenketchup und dem Monopolyspiel. Damit hatte die Bande sich die Wartezeit vertrieben.

Doch zunächst gelang den Räubern die Flucht. Biggs verkroch sich zu Hause. Reynolds versteckte sich im Hilton an der Park Lane: „Go first class“, wenn du in Schwierigkeiten bist. „Je nobler der Ort, umso weniger Fragen bekommst du gestellt.“

Aber nur sechs Tage nach dem Raub schnappte die Polizei den Ersten, überführt mithilfe der Witwe eines Polizisten, die Verdacht schöpfte, weil ein Mann ein Schließfach für drei Monate mieten und bar im Voraus zahlen wollte. Zwei Wochen später saß Biggs im Gefängnis, Anfang Januar 1964 waren die meisten der Täter und Hintermänner verhaftet, bis auf Bruce Reynolds – er wurde 1968 im Ausland gefasst –, Buster Edwards und drei, die nie erwischt wurden, da sie Handschuhe trugen. Zehn der Räuber wurden bei der Polizei angeschwärzt, ihre Bekannten waren scharf auf die Belohnung.

Bereits im Januar 1964 begann der Prozess. Er dauerte zehn Wochen und war der längste in der englischen Kriminalgeschichte. Am 16. April verurteilte Richter Edmund Davies zwölf Männer zu insgesamt 307 Jahren Gefängnis. Er brauchte dafür 28 Minuten. Mit sechs anderen bekam Biggs 30 Jahre aufgebrummt, weil er ein „abgefeimter Lügner“ sei, so der Richter. Biggs hatte zunächst abgestritten, überhaupt an dem Raub beteiligt gewesen zu sein. Als aber rauskam, dass der neunmal Vorbestrafte mit Reynolds gut bekannt war, wurde sein Fall neu aufgerollt.

Kritik an der Strafe

Im Hochsicherheitsgefängnis „The Hate Factory“ musste er später ausgerechnet Postsäcke nähen. Im Juli 1965, ein gutes Jahr nach seiner Verurteilung, brach er aus: Mit einer Strickleiter kletterte er über die Mauer des angeblich sichersten Gefängnisses Englands.

Nach dem Ausbruch veröffentlichte der „Daily Telegraph“ einen Leserbrief Graham Greenes. Er bewundere den Mut und das Können der Posträuber, schrieb der Schriftsteller. Und er sei entsetzt über die Brutalität der Strafen: 30 Jahre für einen erfolgreichen Dieb, aber nur lebenslänglich (zwölf Jahre in der Praxis) für den Vergewaltiger und Mörder eines Kindes. „Wenn das Rechtssystem ein Vergehen gegen Eigentum so harsch bestraft, ist es nicht verwunderlich, wenn einige Sympathie mit dem Ausbrecher empfinden, der einmal mehr mit Mut und Können einer solchen Strafe entgangen ist.“ Am selben Abend fragte die BBC ihre Zuschauer, ob sie das Versteck des Ausbrechers verraten würden, wenn sie es wüssten. Die fast einhellige Meinung: Nein.