Capital-History

Die großen BetrügerWie Ronnie Biggs den großen Postzugraub vermarktete

Seite: 3 von 5
Bruce Reynolds gehörte zu den Drahtziehern der Bande, inszenierte sich als Gentleman-Dieb
Bruce Reynolds gehörte zu den Drahtziehern der Bande, inszenierte sich als Gentleman-Dieb

Bruce Reynolds, der auf Fotos wie eine Mischung aus Cary Grant und „Mad Men“-Figur Don Draper wirkte, liebte teure Autos und hatte ein Faible für schicke Anzüge, Seidenhemden und kostspielige Accessoires, die sein Antiquitätenladen, der mehr Tarnung als Geschäft war, nicht abwarf. Sein Auftritt brachte der Truppe den Namen „Die Gentlemen-Liga“ ein. Gemeinsam mit Douglas Gordon Goody, einem gelernten Damenfriseur, suchte er nach einem schnellen Weg, reich zu werden. Als sie von dem Geldtransport in dem Postzug erfuhren, begannen sie mit der Planung – Monate vor dem Überfall.

Biggs hatte damit nichts zu tun. Er war Anfang 1963 frisch gebackener Vater von zwei kleinen Söhnen, verheiratet mit der Lehrertochter Charmian, und zur Abwechslung versuchte er es mal mit Arbeit. Er betrieb eine kleine Schreinerei in London-Redhill. Seit drei Jahren hatte er kein krummes Ding mehr gedreht.

Weil Biggs knapp bei Kasse war, er brauchte 500 Pfund für eine Hauskaution, fragte er Reynolds. Der winkte ab, tönte aber, dass er bald zu Geld kommen werde. Die Vorbereitungen für den Überfall waren bald komplett. Der Bande fehlte nur noch ein Lokführer, denn trotz klammheimlicher Fahrstunden auf einer ausrangierten Diesellok waren sich die Posträuber unsicher, ob sie es hinkriegen würden, die Lok samt Geldwagen abzukoppeln und eine drei viertel Meile bis zur Bridego-Brücke zu rollen. Von dort sollten die Geldsäcke auf Transporter verladen werden. All das in 15, höchstens 20 Minuten. Eine halbe Stunde später wollten sie zurück in ihrem Versteck sein, der Leatherslade Farm. Die hatten sie über Strohmänner angemietet.

Als Biggs seinem Knastfreund erzählte, dass er gerade im Haus eines pensionierten Lokfahrers die Wände strich, horchte Reynolds auf. Doch Biggsy wollte ihm den Mann nur vermitteln, wenn er selbst dabei sein konnte. „Biggsy joined the firm by the back door“, schrieb Bruce Reynolds später in seinen Memoiren. Und: „Er spielte eine sehr unbedeutende Rolle.“ Biggsy sollte nur auf seinen Lok-Mann aufpassen.

Dessen Einsatz aber ging gründlich schief. Fast hätte er die Bande verraten, als er sich kurz vor Ankunft des Zuges seine Pfeife anzündete. Als der Zug dann stoppte und einer der Räuber den Lokführer mit einer Eisenstange niederschlug, bekam der Ersatzmann die Lok nicht in Gang.

Und so musste in jener Nacht schließlich der Lokführer des Zugs, Jack Mills, blutüberströmt die Lok selbst fahren. Die Bande kostete das wertvolle Minuten, acht Geldsäcke ließ sie deshalb im Zug zurück. Der Zeitplan ging vor. 120 Postsäcke landeten auf dem Bahndamm und wurden in den Dreitonner und die beiden Geländewagen verladen.

Die Sortierer merkten nichts

Von dem Überfall bekamen die 75 Postbediensteten in den abgekoppelten Wagen nichts mit, sie sortierten weiter stoisch ihre Briefe. „Aus krimineller Sicht war der Royal Train eine leichte Beute“, schreiben Nick Russell-Pavier und Stewart Richards in ihrem Buch über den großen Postraub. Weder die königliche Post noch die Banken hatten bis dato eine größere Bewachung des Geldzuges für nötig befunden. Es gab keine Sicherheitsleute, keine Polizei an Bord des Zuges. Der Lokführer und sein Begleiter hatten keine Möglichkeit, Alarm auszulösen.

Die Posträuber rasten zurück in ihr Versteck der Leatherslade Farm. Biggs und Reynolds saßen im Land Rover und sangen Tony Bennetts Hit „The Good Life“. Um 3.40 Uhr waren sie wieder am Farmhaus, das sie mit Vorräten für Wochen aufgefüllt hatten. Der Morgen graute, als die Männer die Säcke ins Haus schleppten. In jedem der 120 Säcke waren 20.000 Pfund – jeder der 15 Männer war binnen einer Viertelstunde Millionär geworden.

Biggs war vor allem als Koch nützlich. In ihrem Versteck brutzelte er feine Steaks mit Pommes oder Rührei mit Schinken, was ihm den Spitznamen „Teaboy“ einbrachte.