Capital-History

Die großen BetrügerWie Ronnie Biggs den großen Postzugraub vermarktete

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Der Raub gehört zum Kapitalismus wie das Geld, die Gier und der Neid. Zahlreiche Verbrechen und ihre Drahtzieher haben es zu Berühmtheit gebracht, manche sogar zu Kultstatus. Doch Biggs und seine Kumpel setzten in ihrem Metier neue Standards hinsichtlich Logistik, Management und Vermarktung – sogar über ihren Tod hinaus. „The Great Train Robbery“ gilt bis heute als Meisterstück, als Verbrechen des Jahrhunderts. Und einige der Beteiligten schafften es, zeit ihres Lebens vom Mythos des sympathischen Räubers zu leben, der mit Köpfchen und ohne Gewalt arbeitet.

Als Biggs 2013 alt und krank in London verstarb, erschienen weltweit Nachrufe. Sogar der „Economist“ widmete dem „berühmtesten Posträuber der Welt“ drei Seiten. Nur die Queen oder die Beatles dürften in England berühmter sein.

Wer war der Mann, der es zum Superstar, zum „führenden Posträuber dieses Jahrhunderts“ schaffte und als Wachsfigur im Kabinett von Madame Tussauds neben Staatsmännern und Schauspielern steht?

Gewöhnlicher Gauner

Nichts deutete im Leben von Ronnie Biggs auf diese „steile“ Karriere hin. Biggs kam 1929 als eines von vier Kindern in London auf die Welt, sein Vater war Busfahrer. Bereits als Zehnjähriger machte er bei kleinen Diebstählen einer Straßengang mit. Mit 16 stand Biggs das erste Mal wegen Diebstahls vor Gericht. Er wurde in ein Erziehungsheim gesteckt, wo er eine Lehre als Anstreicher begann, 1947 ging er freiwillig zur Armee, versuchte zu desertieren, wurde festgenommen, setzte sich mit einem Kumpel von der Armee ab. Er lebte weiter von kleineren Einbrüchen, Zigarettenhandel und versuchte sich als Autoknacker. Zwischendurch wurde er immer wieder erwischt und landete im Gefängnis.

Das Leben eines gewöhnlichen, eher mäßig begabten Gauners. Von der Sorte gab es in London zu jener Zeit viele. Anfang der 60er-Jahre hatte die Stadt eine rege Unterwelt, es wimmelte von Taschen- und Gewohnheitsdieben. Die späteren Posträuber kamen fast alle aus diesem Kleinganovenmilieu. Für sie waren die Gaunereien allemal lohnender als schlecht bezahlte Arbeit.

Vom Swinging London merkte der Durchschnittsbrite nicht viel. 1963 lebte die Mehrheit der Londoner noch ohne Zentralheizung, Auto oder Waschmaschine. Fernreisen waren nicht drin, die Kost war karg, Kartoffeln, gebackene Bohnen und ab und an mal Schweinefleisch, all das für eine 48-Stunden-Woche. Mehr bot der Lohn eines Arbeiters nicht. Reich waren nur eine kleine Schicht aristokratischer Familien und das politische Establishment. Ihnen gehörten fast das gesamte Vermögen, Ländereien und Paläste.

Vermutlich hätte Biggs sein Kleinganovenleben mit gelegentlichen Knastaufenthalten weitergelebt, wenn er nicht seine Zelle einmal mit Bruce Reynolds geteilt hätte, dem späteren Kopf der Räuberbande. Die beiden hatten gemeinsame Interessen: Jazz, Geld und Frauen.