BerateraffäreWie McKinsey bei der Bundeswehr Millionen verdiente

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Berater „für jeden Kleinkram“

Darüber hinaus fördert ein Blick in die im Bundesanzeiger veröffentlichte Bilanz der IABG eine weitere interessante Verbindung zu McKinsey zutage. Im Konzernabschluss für 2016 berichtet der IABG-Mutterkonzern, im Segment Verteidigung seien mehrere „strategisch bedeutsame Projekte akquiriert“ worden. Eines davon: ein „gemeinsam mit McKinsey gewonnener Rahmenvertrag“ zur Unterstützung von Großprojekten.

Was sich hinter diesem Vertrag verbirgt, ist unklar. Eine Möglichkeit: der Rahmenvertrag IT-Top-Management, der aber erst Mitte 2017 abgeschlossen wurde. Oder ein weiterer, bisher unbekannter Rahmenvertrag für Rüstungsprojekte – was politisch heikel wäre. Die IABG wollte sich dazu unter Verweis auf Verschwiegenheitspflichten nicht äußern. Das Wehrressort schloss lediglich aus, dass es sich dabei um den ebenfalls erst 2017 vergebenen Rahmenvertrag des Beschaffungsamtes handelt.

Das 100-Mio.-Euro-Beraterpaket des Beschaffungsamtes ist ein Beispiel dafür, wie Rahmenverträge in der Amtszeit von der Leyens genutzt wurden – nicht nur im Fall eines großen Digitalisierungsprojekts namens PLM, bei dem das Ministerium mithilfe eines Rahmenvertrags des Bundes der Beratungsfirma Accenture Millionenaufträge ohne Ausschreibung zuschanzte. Eine vertrauliche Liste der Aufträge aus dem Rahmenvertrag des Beschaffungsamtes belegt detailliert, wie über die Abrufe aus diesem Vertrag eine Unmenge an Subauftragnehmern unkontrolliert in die Bundeswehr strömte – darunter auch manche, deren Eignung nicht sofort ersichtlich ist.

So vergab das Beschaffungsamt etwa 2017 einen Auftrag an EY zur Projektunterstützung bei der geplanten Raketenabwehr Meads. Die Berater sollten den Beamten bei „Administration und Vorhalten eines ständigen Lagebildes“ zur Hand gehen, interne Vorlagen und Berichte erarbeiten sowie „amtsinterne Prozesse“ auswerten und verhandeln. Für das Projekt mit 2,9 externen Dienstposten heuerte EY drei weitere Beraterfirmen an – darunter die eigene Immobilientochter, deren Expertise im Bereich Raketenabwehr begrenzt sein dürfte. Gesamtkosten für 16 Monate: 782 076 Euro.

Die Auflistung Dutzender solcher Aufträge gibt einen Eindruck, wie sich die Rolle der Externen verselbstständigt hat. Selbst für die Frage, wie die Kasernen möbliert werden, wurden Consultants geholt. In von der Leyens Amtszeit seien Berater „für jeden Kleinkrams“ beauftragt worden, sagt ein Haushälter – während im Beschaffungsamt mehr als 1 000 Stellen nicht besetzt sind. „Man darf nicht ausrechnen, was ein Berater pro Tag kostet“, da komme man rasch auf das Dreifache einer normalen Stelle.

Inzwischen schlägt das Pendel jedoch um – auch weil das Beraterheer nicht verhindern konnte, dass Projekte wie das neue Kriegsschiff MKS 180 oder Meads Milliarden mehr kosten als geplant. Bereits im vergangenen Jahr kürzte der Bundestag das Beraterpaket im Beschaffungsamt von 103 auf 83 Mio. Euro. 2020 läuft der Vertrag aus.

Die Gefahr, dass durch die Consultingoffensive externe Mitarbeiter den Job machen, für den der Staat Beamte beschäftigt, hatten schon Suders Mitarbeiter gesehen. In ihrem eingangs erwähnten Leitfaden vom Dezember 2017 führten sie aus, wofür Berater nicht angeheuert werden dürfen: zur „Abgabe von Daueraufgaben“ oder als „Ersatz eines oder mehrerer nicht vorhandener Referenten“. Vielmehr müsse es um einen „zeitlich klar begrenzten Einsatz“ der Berater gehen – also „Monate statt Jahre“.

Rüstungsstaatssekretärin Suder hat das Verteidigungsministerium im März 2018 verlassen – auf eigenen Wunsch, wie es damals hieß. Verantwortlich für die Steuerung der externen Consultants und das Auftragsmanagement im Ministerium blieb dagegen noch bis zum Frühjahr des vergangenen Jahres: eine Ex-McKinsey-Beraterin.