BerateraffäreWie McKinsey bei der Bundeswehr Millionen verdiente

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Risse in der „Chinese Wall“

In der Zeit, als Ex-Beraterin Suder den Rüstungsbereich mit seiner Investitionssumme von 100 Mrd. Euro wie einen Konzern führen wollte, war viel von „Chinese Walls“ die Rede – ganz besonders zwischen dem Ministerium und ihrem früheren Arbeitgeber McKinsey. Anfangs habe der Wechsel von Suder und Scherf ihren früheren Kollegen noch geschadet, weil man im Ministerium extrem vorsichtig war, sagt ein Rüstungsmanager. Bei großen, öffentlich bekannten Aufträgen wie dem Rahmenvertrag, mit dem das Beschaffungsamt der Bundeswehr Anfang 2017 Beratungsleistungen für bis zu 103 Mio. Euro eingekauft hat, kamen deshalb statt McKinsey Wettbewerber wie EY und KPMG zum Zug. Doch mit der Zeit seien die „Meckies“ dann häufiger bei der Truppe aufgetaucht, sagt der Rüstungsmanager – oft durch die Hintertür über Unteraufträge.

Risse bekam die Mauer auch bei einem Projekt der Marine im Jahr 2018. Auftragnehmer diesmal: Orphoz, eine Tochter von McKinsey. Orphoz hatte 2017 die Ausschreibung für einen IT-Rahmenvertrag des Bundes in Höhe von 46,5 Mio. Euro gewonnen. Über solche Rahmenverträge kauft der Bund zentral Beratungsleistungen für einen bestimmten Zweck ein. Die Leistungen können die einzelnen Ministerien dann abrufen, ohne den Umweg über zeitraubende Ausschreibungen zu gehen.

In dem Rahmenvertrag für Orphoz sind McKinsey und die IABG als Nebenunternehmer benannt. Sein Titel: „IT-Top-Management- und IT-Strategieberatung“. Der Vertrag richtete sich eigentlich an die Leitungsebene von Bundesbehörden. Diese können aus dem Budget ihre IT- und E-Government-Strategien sowie den Ausbau der IT-Infrastruktur des Bundes bezahlen. Nach Angaben von McKinsey griff das Beschaffungsamt der Bundeswehr auf diesen Rahmenvertrag und auf Orphoz für ein Projekt zurück, bei dem es um die elektronischen Führungs- und Waffeneinsatzsysteme auf Marineschiffen ging – eine zumindest spezielle Form der IT-Infrastruktur des Bundes. Orphoz vergab dann Unteraufträge: an McKinsey und die IABG.

Abrufe aus Rahmenverträgen seien „potenziell geeignet“, Subauftragnehmer zu verschleiern, sagt ein Haushaltspolitiker aus dem Bundestag. Der Rechnungshof hat bereits mehrere Fälle aufgedeckt, in denen das Verteidigungsressort über Rahmenverträge rechtswidrig Budgets für sachfremde Projekte abgerufen und Consultants bezahlt hatte, statt die Aufträge auszuschreiben. So flossen auf diesem Weg beispielsweise auch Millionen an die IT-Beratungsfirma Accenture.

Auf Anfrage betonte McKinsey, man habe durch den Wechsel von Suder ins Verteidigungsministerium „keinerlei Vorteile“ erhalten: „Wir zählen nicht zu den führenden Beratern des Ministeriums.“ Die Praxis, Unteraufträge zu vergeben, sei im öffentlichen Sektor „üblich und vom Auftraggeber gewollt“, um eine breite Expertise sicherzustellen, erklärte ein McKinsey-Sprecher. Zudem würden Unteraufträge „grundsätzlich dem Auftraggeber bekannt gegeben und von diesem genehmigt“.

Unter Ursula von der Leyen sind die Ausgaben für Berater bei der Bundeswehr explodiert. Mitte Februar musste die Ex-Ministerin als erste EU-Kommissionspräsidentin vor einem Untersuchungsausschuss des Bundestags aussagen (Foto: DPA)

Als von der Leyen zu Beginn der Affäre Fehler ihres Hauses beim Einsatz externer Berater einräumte, klang das etwas anders. Damals hieß es, man wisse nicht immer, wer als Unterauftragnehmer mitmische. Keinen Überblick hatte das Ministerium deshalb angeblich auch darüber, wie viel Geld aus Projekten bei der Truppe an McKinsey floss. Im Bundestag bezifferte die Bundesregierung die Zahlungen des Wehrressorts an die Beratungsfirma Ende Dezember 2018 auf „rund 7,5 Mio. Euro“ seit 2014. Dabei waren aber keine Subaufträge erfasst, weil dazu „keine Zusammenstellungen“ vorlägen.

Im Frühjahr 2019, als die FDP-Bundestagsfraktion das Verteidigungsministerium ausdrücklich nach Aufträgen fragte, bei denen die IABG zwischen 2015 und 2018 im Unterauftrag McKinsey oder McKinsey-Töchter einschaltete, listete das Verteidigungsministerium dann drei Projekte auf: die Eurodrohne, die „Task Force Drehflügler“ – sowie eine Studie zum Marinehubschrauber NH90, die McKinsey gegenüber Capital unerwähnt ließ. Auftragsvolumen dieser Projekte laut Ministerium: insgesamt rund 20 Mio. Euro. Aus der vertraulichen Aufstellung geht hervor, dass von dieser Summe etwa 7,5 Mio. Euro auf McKinsey und die McKinsey-Tochter Lumics entfielen – also mehr als ein Drittel des gesamten Auftragsvolumens. Allein über Unteraufträge der IABG verbuchte McKinsey demnach genau so viel Umsatz mit Projekten bei der Bundeswehr wie mit direkten Aufträgen. Und in der Zwischenzeit wurde bekannt, dass die Consultingfirma auch über andere Auftragnehmer des Wehrressorts an Unteraufträge kam – etwa über die bundeseigene Beratungsgesellschaft PD. McKinsey selbst wollte auf Anfrage keine Angaben zum Umsatz mit Bundeswehrprojekten machen.