Paradise PapersWie man eine Offshorefirma gründet

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Firma auf den Seychellen, Konto auf Zypern

Tatsächlich ist es nicht einmal so, dass jede Offshorefirma dem Steuerbetrug dient. Wohl aber der Steueroptimierung. Konzerne wie Apple, Starbucks oder Amazon fahren Milliardengewinne ein, zahlen aber so gut wie keine Steuern. Das ist möglich, weil sie ihre Gewinne in Steueroasen verschieben. Illegal ist das nicht. Aber, wie Peer Steinbrück im Wahlkampf über Steueroasen sagte: „Nicht alles, was legal ist, ist auch legitim.“ Denn dem Staat werde so Geld vorenthalten, das dringend nötig sei. Für Bildung, Infrastruktur und Sozialleistungen. Oder einfach, um Schulden zu tilgen.

Nach reiflicher Überlegung entscheiden wir uns schließlich für die Offshoregesellschaft aus dem Internet. Aus Kostengründen verzichten wir aber auf nominierte Direktoren und Aktionäre. Knapp 2 000 Euro zahlen wir für die Firma auf den Seychellen und das Konto auf Zypern. Viel ist das nicht. Aber das Geschäftsmodell der Steueroasen beruht auf Masse. Zigtausendfach locken sie Firmen an, die zwar keine Steuern zahlen, dafür aber Gebühren: bei der Gründung, für lokale Treuhänder, Direktoren und Shareholder. Unsere Firma trägt die Nummer 127 674. Bei knapp 90 000 Menschen, die auf den Seychellen leben, ist das eine beachtliche Zahl.

Wir bekommen die Gründungsanträge zugeschickt, müssen sie ausfüllen und an unseren Agenten zurücksenden. Als Namen wählen wir BramKord Management Ltd., eine Zusammensetzung unserer Nachnamen. Unsere echten Namen würden in Zusammenhang mit der Firma nirgendwo auftauchen, wird uns versichert. Nur wenige Tage später bringt uns ein DHL-Kurier unsere Firmengründungsurkunde.

Es ist obszön einfach.

Nur ein paar Minuten hat es gedauert, die Firmengründung online zu bestellen. Wenige Tage später kommt die Gründungsurkunde samt Apostille per Kurier
Nur ein paar Minuten hat es gedauert, die Firmengründung online zu bestellen. Wenige Tage später kommt die Gründungsurkunde samt Apostille per Kurier
Firmensitz
Der neue Firmensitz unter Palmen. Im ersten Stock, Suite 15, ist unser Büro gemeldet

Wir konfrontieren einen Steuerfahnder mit unseren Erfahrungen. Der ist entsetzt. Wie simpel es ist, Firmen in einer Steueroase zu gründen, war ihm nicht bewusst. An Offshorefirmen haben sich die Fahnder in den letzten Jahren meist die Zähne ausgebissen. „Bei den Ermittlungen haben wir kaum eine Chance“, räumt er ein. Allein der Austausch mit ausländischen Behörden sei so aufwendig und wenig Erfolg versprechend, dass er meist gar nicht in Angriff genommen werde. „Schon innerhalb Deutschlands, zwischen den Bundesländern, ist das kompliziert – und hier sprechen alle die gleiche Sprache und unterliegen dem gleichen Gesetz.“

Erfolge gegen Offshorefirmen seien meist dem Zufall geschuldet. Wenn Dokumente durchgestochen werden, wenn betrogene Ehefrauen auspacken oder verschmähte Geliebte plaudern. Wenn Spuren leichtfertig hinterlassen werden oder die Konstrukte zu platt aufgesetzt sind.

Der Steuerfahnder glaubt nicht, dass Offshoregesellschaften ein Ersatz für ein Schweizer Bankkonto seien. Die Gründung sei zwar einfach, aber: „In den klassischen Steueroasen ist man lange damit beschäftigt, seinen Steuerbetrug zu verwalten.“ Und die wenigsten Steuerhinterzieher hätten ausreichend kriminelle Energie dazu. Die Steuerhinterzieher, denen er bei den Ermittlungen begegne, seien meist biedere Menschen, fast geizig, wenig risikobereit. „Die vertrauen vielleicht noch ihrem Schweizer Bankberater, würden ihr Geld aber nicht am anderen Ende der Welt verstecken.“

Dennoch, fürchtet er, werden die verlockenden Angebote der Vermittler im Netz auf Interesse stoßen und damit die Arbeit der Steuerbehörden erschweren: „Das Internet nimmt die Schwellenangst vor Offshoregesellschaften.“ Bisher hätte es solche Angebote hauptsächlich von Banken gegeben. Aber das sei teuer gewesen. Steueroasen in der Karibik, der Südsee oder vor Afrika waren lange Zufluchtsorte für Konzerne und Superreiche, die Immobilien, Kunst und Jachten in Trusts versteckten. Sie spielten, banal ausgedrückt, in einer anderen Liga.

„Unter einer Million Einlage lief da nichts“

Einer, der das Geschäft der Offshoregesellschaften gut kennt, ist Rudolf Elmer. Jahrelang arbeitete er für die Schweizer Privatbank Julius Bär auf den Cayman Islands, verwaltete Trusts und Gesellschaften der reichen Kunden. Als ihm nach einem Streit gekündigt wurde, gab er Bankinterna und Kundendokumente an Behörden und Wikileaks weiter. „Es ging oft um Vermögen von 100 Mio. Dollar und mehr“, sagt Elmer. „Unter einer Million Einlage lief da nichts.“ Das hätte sich aufgrund der hohen Gebühren auch gar nicht gelohnt.

Für „normale“ Steuersünder hatten die Offshoreoasen lange noch andere Nachteile: zunächst das mangelnde Vertrauen in die exotischen Staaten mit einer Rechtsprechung, die wenig vergleichbar mit der in Europa ist. Dann die Distanz. Und zuletzt die Sprachbarriere. Zürich oder Vaduz sind einen Tagesausflug entfernt, aber nur wenige können auf Anhieb die Cayman Islands, die Seychellen oder Mauritius auf dem Globus finden.

Doch möglicherweise verändert sich gerade die Kundschaft dieser Steuerparadiese. Nachdem die deutschen Behörden immer wieder Steuer­CDs angekauft hatten, wurden Milliarden Euro Schwarzgeld aus der Schweiz, aus Liechtenstein und Luxemburg abgezogen. Wo ist es gelandet? Natürlich fällt der Verdacht auf die Steueroasen.

Auch deshalb hat die internationale Staatengemeinschaft ihnen den Kampf angesagt. Im Juni 2013 beschlossen die G8­Staatsund Regierungschefs, das Vorgehen gegen Steuerflucht und Steuerbetrug zu verschärfen. Sie drängen auf einen automatischen Informationsaustausch zwischen den Behörden, der zu einem globalen Standard werden soll.

Kritiker aber sind enttäuscht. Vor allem davon, dass die Pläne nicht umgesetzt wurden, ein Register mit den Besitzern von Briefkastenfirmen zu schaffen. Die Fahndung nach verstecktem Vermögen würde das enorm erleichtern. Doch bis es so weit kommt, werden noch Jahre, wenn nicht Jahrzehnte vergehen, befürchtet Thomas Eigenthaler, der Steuergewerkschaftschef. Es gebe sowieso noch eine Reihe von Problemen dabei: „Wie soll der automatische Informationsaustausch denn in der Praxis funktionieren?“, fragt er. „Wer ist zuständig?“ Auch technisch gebe es noch nicht für alles eine Lösung.

Wir könnten also loslegen mit unserer BramKord Management Ltd. – die Wahrscheinlichkeit aufzufliegen wäre gering. Doch wir haben bereits die Liquidation unserer Gesellschaft beantragt. Das Experiment ist beendet. Was bleibt, ist das Foto unserer Firmenzentrale. Und die Erkenntnis, dass der Kampf gegen Steueroasen erst ganz am Anfang steht.