Pro + ContraWie lange wollen wir arbeiten?

Hayek und Keynes
Streithähne: Friedrich August von Hayek (l.) und John Maynard Keynes
© Jindrich Novotny

Sehr geehrter Herr Keynes,
ich hätte nicht gedacht, dass dieser Tag kommen würde. Aber ich möchte heute tatsächlich einmal aus Ihrem Werk zitieren: Im Jahr 1930 schrieben Sie zur wirtschaftlichen Zukunft Ihrer (nie gezeugten) Enkelkinder, dass diese im Jahr 2030 nur noch wenig arbeiten werden. Ich zitiere: „Drei Stunden pro Tag werden gerade genug sein.“ (Keynes, Economic Possibilities for our Grandchildren, 1930) Nun, es sind zwar noch 15 Jahre bis dahin. Aber man kann jetzt schon getrost festhalten, dass Sie gehörig danebenlagen. Darauf wollte ich Sie nur kurz aufmerksam machen.
Gez. F. A. Hayek

Werter Herr Hayek,
ich freue mich, dass Sie endlich Teil der Gruppe von Gelehrten sind, die meine Schriften zitieren. Ich möchte Sie aber darauf hinweisen, wie richtig ich in selbiger Schrift mit einer weiteren Prognose lag. Nämlich dass der Lebensstandard bis zu achtmal höher liegen wird. Wenn Sie mich schon zitieren, dann lesen Sie meine Werke doch bitte gründlich.
Ihnen stets treu ergeben,
John Maynard Keynes

Capital 11/2015
Die neue Capital

Sehr geehrter Herr Keynes,
Auch da lagen Sie falsch, tatsächlich ist der Wohlstand schon jetzt MEHR als achtmal so groß. Doch zurück zur Eingangsfrage. Meine Prognose ist: Wir werden auch 2030 noch weit entfernt sein vom Drei-Stunden-Tag. Denn Menschen streben seit jeher danach, besser zu sein als andere. Selbst wohlhabende Leute arbeiten in Banken und Kanzleien sieben Tage die Woche. Andere gehen gerne ins Büro, weil sie intellektuelle Herausforderungen suchen, Bestätigung. Vielleicht haben Sie als Freund des schönen Lebens Ihre Mitmenschen einfach verkannt.
Gez. F. A. Hayek

Mein schlauer Freund,
warten wir es ab. Die Automatisierung schreitet dank dieses Internets und dank Robotern immer schneller voran. Ich darf hier nun selbst aus meinem visionären Werk zitieren: „Wir werden in Zukunft mit dem Phänomen der technologiebedingten Arbeitslosigkeit zu tun haben“ – Und darum ging es mir ja: Denn das führt zu einem „Anfall von wirtschaftlichem Pessimismus“, den ich damals wie heute diagnostizieren kann. Damals wie heute beklagte die Menschheit, dass es kein Wachstum mehr gebe.
Ihr John M.

Sehr geehrter Herr Keynes,
was die Automatisierung angeht, mögen Sie nicht ganz unrecht haben. Doch solange man dem Menschen die Freiheit lässt, werden viele Menschen weiterhin viele Stunden arbeiten.
Gez. Hayek

Ach, nimmermüder Hayek,
in meiner Schrift zitierte ich die Grabinschrift einer Putzfrau: „Don’t mourn for me, friends, don’t weep for me never / For I’m going to do nothing for ever and ever.“ Denken Sie mal darüber nach!
Auf lange Sicht auch tot,
Ihr J. M. Keynes

 

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