PodcastWie Konzerthäuser gegen die Leere und Stille kämpfen

Christoph Lieben-Seutter, Generalintendant der Elbphilharmonie imago images / Chris Emil Janßen

Es war ein ganz besonders Konzert, das in der Elbphilharmonie am vergangenen Freitag noch aufgeführt wurde: Das Jubiläumskonzert zum 75. Geburtstag des NDR Elbphilharmonie Orchesters. Aber es fand kurz vor dem neuen Lockdown schon ohne Publikum statt: Brahms und Tschaikowsky vor dem leeren Saal und nur als Videostream, Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier wurde mit seiner Gratulationsrede zugeschaltet.

Nun herrscht wieder Leere und Stille in der Elbphilharmonie, wie in Hunderten Konzerthäusern in Deutschland – und die Kulturbranche klagt, dass sie ein wenig auf der Strecke bleibt. „Wir haben keine so gute Lobby wie die Autoindustrie, wir sind ein zu individualistischer Haufen“, sagte Christoph Lieben-Seutter, der Generalintendant der Elbphilharmonie im Podcast „Die Stunde Null“ (Hier direkt reinhören). „Wir müssen uns natürlich selber an den Haaren nehmen: Die Hochkultur schaut auf die kommerzielle Kultur herab, das Theater redet nicht mit dem Konzert, die Großen nicht mit den Kleinen“. Es gebe eben nicht die eine Lobby der „Kulturwirtschaft“.

„Die Kultur ist nicht laut genug“, ergänzte Raphael von Hoensbroech, Geschäftsführer und Intendant des Konzerthauses Dortmund, der ebenfalls in dem Podcast zu Gast war. „Wir glauben zwar, wir sind laut, aber nur um Feuilleton und WDR3.“

Er schilderte, dass zahlreiche Musiker große Existenzsorgen hätten. „Die müssen Pakete austragen oder ihren Flügel verkaufen, bevor sie Hartz IV bekommen.“ Es gebe eine „krasse Schere“ bei den Musikern, wie beide Intendanten übereinstimmten berichteten – die angestellten Musiker, auch von staatlich getragenen Orchestern, und die freien Ensemble, in den die Künstler nur von den Auftritten leben.

Christoph Lieben-Seutter äußerte indes Verständnis für den Lockdown: „Ich sehe ein, dass wir Massives tun müssen und dass wir jetzt keine Ausnahme sein können.“ Raphael von Hoensbroech übte eher Kritik. „Dass die Maßnahmen erforderlich sind ist klar, ob sie verhältnismäßig sind, darüber kann man streiten“, sagte der Chef des Dortmunder Konzerthauses. „Aber die Frage ist, ob sie geeignet sind. Die Schließung von Konzerthäusern wird die Infektionszahlen nicht nach unten bringen, denn sie sind kein Infektionsherd.“ Die Kultur werde in den Bereich Freizeit einsortiert und „damit verzichtbar“ und „eine Art Kollateralschaden“. Das sehe er anders.

Das Dortmunder Konzerthaus hatte erst Anfang September für Aufsehen gesorgt, und das erste große Chorkonzert seit Corona gewagt. 90 Musiker und Chorsänger traten vor 800 Zuhörern auf. Unter Leitung des Dirigenten Thomas Hengelbrock wurde Haydns „Schöpfung“ aufgeführt. Alle Musiker hatten die Probenzeit in Quarantäne in einem Hotel verbracht, ein Belüftungssystem tauschte die Luft im Saal alle 20 Minuten aus.

„Die Künstler haben schier geheult, vor Publikum spielen zu dürfen“, erinnerte sich Hoensbroech. Auch Lieben-Seutter berichtete, die Konzerte im Sommer seien für alle „beglückend“ gewesen. Nun ist also wieder erst Mal Stille und Leere.

Hören Sie in der neuen Folge von „Die Stunde Null“,

  • wie das Konzerthaus Dortmund Untersuchungen zu Aerosolen mit dem Frauenhofer Institut macht,
  • wie infektiös eine Trompete oder Oboe ist und mit wie viel km/h die Luft dort rauskommt,
  • wie Konzerthäuser bis in den März überstehen und planen können.

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