Capital erklärtWie kommt die Luftfahrtbranche mit der Corona-Krise zurecht?

Eine Lufthansa-Maschine vom Typ Airbus A380
Eine Lufthansa-Maschine vom Typ Airbus A380Pit Karges auf Pixabay



In unserer Reihe Capital erklärt geben wir einen komprimierten Überblick zu aktuellen Wirtschaftsthemen. Diesmal: Die Airline-Branche in der Corona-Krise – mit Redakteur Claus Hecking, der bei Capital unter anderem zur Luftfahrtbranche und energiepolitischen Themen schreibt. 


Wie hart sind die Fluggesellschaften durch Corona getroffen?

Noch härter als durch die Corona-Pandemie hätte es die Luftfahrtbranche fast nicht treffen können. Das einschneidende Ereignis der vergangenen Jahrzehnte waren die Terroranschläge vom 11. September 2001; danach war der internationale Flugverkehr in die USA und aus ihnen heraus drei Tage lang gesperrt. Aber diesmal sind Dutzende Airlines und Staaten betroffen. Und das Grounding dauert nicht nur Tage, sondern Wochen oder Monate; niemand weiß, wie lange noch. Für dieses Jahr erwartet der Weltluftfahrverband IATA entgangene Einnahmen in Höhe von mehr als 250 Milliarden US-Dollar.

Was bedeutet das konkret für die Lufthansa?

Von 765 Flugzeugen des Konzerns stehen momentan 700 still. Die sind geparkt auf dem unfertigen BER oder auf der Landebahn Nordwest des Frankfurter Flughafens, die jetzt außer Betrieb genommen wurde. Der Flugplan der Lufthansa ist derzeit so dünn wie zuletzt 1955. In ähnlichem Maße gilt das natürlich auch für die Air France, BritishAirways, Ryanair oder auch die großen arabischen, weltumspannenden Fluggesellschaften wie Emirates. Die Auswirkungen des Stillstands treffen weitere Branchen, zum Beispiel Reiseveranstalter oder Flugzeughersteller. Sie alle bekommen massive Probleme. Ich wüsste nicht, was finanziell schlimmer für die Reisebranche sein könnte als diese Pandemie.

Wird sich die Branche nach dem Shutdown erholen können? Oder werden die Menschen vielleicht noch lange Zeit weniger fliegen?

Selbst, wenn wir jetzt sofort einen Impfstoff oder ein Heilmittel gegen das Virus fänden, würde das nicht bedeuten, dass der weltweite Flugverkehr bald wieder so gut läuft wie vor der Krise. Ich glaube, dass viele Menschen nach dem Ende dieser Krise zumindest einige Zeit lang weniger und nicht so mehr weit reisen werden. Auf Dauer wird der Tourismus aber zurück kommen. Ein ganz anderes Thema sind die Geschäftsreisen.

Welche Rolle spielen die Geschäftreisenden für die Airlines?

Gerade für Fluggesellschaften wie die Lufthansa sind diese Geschäftsreisende besonders wichtig, weil sie oft in der Business Class sitzen – und weil der Preis auch bei Economy-Tickets nicht so eine entscheidende Rolle spielt wie für Privatreisen. Diese Geschäftskunden bringen eindeutig größere Margen. Aber was wird nun aus ihnen? Erstens wird die Globalisierung sich möglicherweise abschwächen. Zweitens werden sicher manche Unternehmen das Risiko scheuen, ihre Leute durch die Welt zu schicken – und auch viele Mitarbeiter selbst werden weniger Bedarf nach solchen Touren haben. Drittens werden viele Unternehmen sparen müssen.  Jetzt hantieren sie mit Videokonferenz-Tools – und sehen, dass das gar nicht so schlecht funktioniert. Es wird sich also künftig verstärkt die Frage stellen, ob man sich das Business Class Ticket spart. Das ist eine Bedrohung für die Airlines.

Wird der Flugverkehr jetzt dauerhaft schrumpfen?

Da, wo wir vor der Krise waren, werden wir so schnell wohl nicht wieder hinkommen.  Fluggesellschaften wie die Lufthansa reduzieren bereit ihre Flotte für die Zeit danach. Das alles heißt aber nicht, dass der globale Luftverkehr nie wieder wachsen wird. Viele Menschen sind aus beruflichen oder privaten Gründen darauf angewiesen, zu fliegen. Andere  lieben es, durch die Welt zu reisen. Und wenn die Mittelklasse in Schwellenländern nach der Krise weiter wachsen sollte, dann werden sich dort auch immer mehr Menschen Flugtickets leisten können.

Welche Airlines sind gerade besonders bedroht?

Diejenigen, die schon vorher schon schwach waren. Die italienische Alitalia etwa, die schon lange vor Corona insolvent gegangen war, wird jetzt verstaatlicht. Sonst würde sie niemand übernehmen. In Deutschland sollte die Condor nach der Insolvenz ihrer Mutter Thomas Cook von der polnischen Fluggesellschaft Lot gerettet werden. Jetzt wollen die Polen aussteigen. Für die Condor ist das existenzbedrohend. Sie muss Staatshilfe bekommen; gut möglich, dass sie eines Tages in die Lufthansa eingegliedert wird.  Auch der Tui Konzern, zu dem die Tuifly gehört, hat Staatshilfe beantragt.

Wer könnte als Gewinner aus der Krise hervorgehen?

Im Moment sind erstmal alle in der Krise: keine Einnahmen, aber immer noch massive Kosten, etwa für den Erhalt der Maschinen oder Personal. Das schlägt sehr schnell auf die Liquidität. Wer schon vor der Pandemie finanzielle Probleme hatten, dürften nun bald vor dem Bankrott stehen. Nutzen könnte das den finanzstärkeren Airlines, hinter denen dann womöglich auch noch ein starker Staat steht. Sie wären Konkurrenz los,  hätten dann vielleicht eine Monopolstellung  – und könnten die ausnutzen, in Form höherer Preise.

Ich bin mir sicher, dass sehr viele Staaten ihre nationalen Fluggesellschaften retten werden. Die sind einfach zu wichtig: als Arbeitgeber, aber auch, weil sie ihre Regionen mit dem Rest der Welt verbinden. Nehmen wir Emirates aus Dubai. Das ist eine riesige Fluggesellschaft für ein so kleines Emirat.  Aber ohne Emirates wäre Dubai nichts: kein Tourismus, keine Konferenzen, keine Messen, kein Finanzzentrum.  Die wichtigsten Aufgaben der Fluglinie ist es, Menschen nach Dubai zu bringen. Auf dem Landweg ist Dubai ziemlich isoliert vom Rest der Welt, rundherum ist fast nur Wüste und Wasser. Aber als Drehkreuz für den internationalen Luftverkehr zwischen Europa, Asien und Afrika ist es ideal positioniert.

Wird der deutsche Staat bei der Lufthansa einsteigen?

Sicher ist: der deutsche Staat wird die Lufthansa nicht pleite gehen lassen. Die Lufthansa ist eine gut funktionierende Airline, sie war in den letzten Jahren hochprofitabel und verbindet Deutschland mit der Welt. Alle Krisen der Vergangenheit hat sie gut bewältigt. Nichtsdestotrotz hat auch sie jetzt gerade ein großes Problem, wenn mehr als 90 Prozent der Flotte am Boden stehen.

Es ist durchaus denkbar, dass der Staat sich wieder an der Lufthansa beteiligt. Die Lufthansa war bis 1963 fast komplett in staatlichem Besitz; seit 1997 ist sie vollständig privatisiert. Seitdem floriert sie. In normalen Zeiten hätte sie kein Interesse an einer staatlichen Beteiligung; jetzt kommt sie vielleicht nicht drum herum. Möglicherweise könnte es sein, dass der Staat sich zwar beteiligt, aber nicht groß ins Geschäft einmischt.