InterviewWie können wir uns vor digitaler Vermüllung schützen?

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Müssen wir unseren Umgang mit Medien generell hinterfragen?

Ja, ich glaube, dass wir generell immer unser Tun hinterfragen sollten. Es ist immer eine gute Idee, die Dinge zu reflektieren: Was mache ich eigentlich und wie gehe ich damit um? Im Bezug auf die Medien spielt vor allem die Omnipräsenz eine große Rolle, die uns ja überhaupt keine Zeit mehr gibt, zu reflektieren und darüber nachzudenken. Wann haben wir denn noch informationsfreie Zeit? Wenn wir diese Verhaltensänderungen auf gesellschaftlicher Ebene anwenden wollen, müssen wir uns fragen wie sich unser Umgang mit Medien auf zukünftige Generationen auswirkt? Was für eine Lebensumgebung wollen wir bereitstellen? Welche Verhaltensänderung wollen wir vielleicht anstupsen oder erleichtern, um Menschen zu motivieren, ihr Tun zu hinterfragen, und sich dann im Idealfall auch anders zu verhalten?

Kann unreflektierter Konsum abhängig machen?

Ja, es gibt bereits Kliniken, in denen Internetabhängigkeit behandelt wird. Diese Abhängigkeit äußert sich mit den kompletten biologischen Mechanismen, die wir von anderen diagnostizierten Abhängigkeiten wie illegalen Drogen oder Zucker kennen: Es ist immer wieder dieser Kick, den der Konsum kreiert, der schließlich abhängig macht. Wir kennen das alle von den sozialen Medien: Wir können endlos durch neue News scrollen, kommen aber nie unten an. Jedes Mal wenn wir nachgucken, ob unser Post schon mehr Likes bekommen hat oder erfahren wollen, ob es neue Nachrichten oder Urlaubsfotos von Freunden gibt, kreieren wir diese Form der Abhängigkeit, weil wir nicht genug davon bekommen können. Unser Gehirn ist so programmiert, weil es ja erst einmal interessante Nachrichten oder positive Interaktion sind. Wir leben in einer Umwelt, die das Ganze überstrapaziert. Unser System kommt nicht mehr hinterher.

Wie können wir uns vor digitaler Vermüllung schützen?

Der erste Schritt ist ehrlich zu reflektieren: Wo stehe ich gerade, wie oft und in welchem Umfang nutze ich das Internet und Social Media, und was stört mich daran eigentlich? Und dann müssen wir ein Ziel formulieren: Was möchte ich ändern und wo will ich eigentlich hin? Wir müssen eine Medienhygiene entwickeln. Wir würden nicht aus einer schmutzigen Pfütze trinken, weil diese nicht unseren Hygienestandards entspricht und eine potenzielle Gefahr für unseren Magen darstellt. Aber wir müssen auch überprüfen was wir an unser Gehirn ranlassen. So wie wir also auch andere Hygienestandards für unseren Alltag entwickelt haben, zum Beispiel zweimal am Tag die Zähne zu putzen, müssen wir auch bestimmte Regeln für unseren digitalen Konsum entwickeln und Grenzen setzen, in dem wir Informations- oder Medien freie Zeiten etablieren oder an Situationen geknüpfte Verhaltensmuster entwickeln. Beispielsweise es zur Gewohnheit machen, unser Handy nicht zu nutzen, wenn wir mit Freunden unterwegs sind.

Dann ist es wichtig unser Wissen, wie wir psychologisch und verhaltenstechnisch funktionieren, zu nutzen und aufzuklären. Viele Menschen wissen nicht, dass uns ein Smartphone schon ablenkt, wenn es sich nur in Sichtweite befindet. Egal ob es blinkt oder stumm geschaltet ist, allein die Anwesenheit sorgt dafür, dass ein bestimmter Teil unseres Gehirns sich damit beschäftigt – bewusst oder unbewusst. Denn es könnte ja sein, dass gleich etwas Spannendes passiert. Dabei verschwenden wir Energie, die wir effektiver nutzen können.

Inwiefern spielt kritisches Denken eine Rolle?

Wir können kritisches Denken auch als Reflexion bezeichnen, oder auch als intellektuelle Demut. Damit meine ich Demut vor dem eigenen Intellekt. Denn alles was wir wahrnehmen ist immer geprägt durch unsere subjektive Wahrnehmung und unsere subjektiven Erfahrungen, die wir bisher im Leben gemacht haben. Und dann gibt es verschiedene kognitive Verzerrungen, die sagen, dass wir Dinge, die in unser persönliches Weltbild leichter akzeptieren als wenn es Meinungen oder Fakten sind, die diesem nicht entsprechen. Die einzige Chance damit umzugehen ist, ist zu reflektieren und unsere automatisierten Reaktionen zu hinterfragen. In unserer Informationsgesellschaft ist kritisches Denken eine der wichtigsten Eigenschaften, die wir uns selbst und unseren Kindern beibringen müssen.

Was ist konstruktiver Journalismus? Und wie arbeitet Perspective Daily?

Der konstruktive und lösungsorientierte Ansatz, der auf die neurowissenschaftlichen und pyschologischen Erkenntnisse zurückgeht, ist auf alle Themenbereiche des Journalismus anwendbar. Zusätzlich zu den klassischen W-Fragen ergänzen wir bei Perspective Daily eine weitere wesentliche Frage: Was jetzt? Wie kann es weitergehen? Und das ist eine Frage, die nicht nur die journalistische Arbeit, sondern mittlerweile auch den ganzen Umgang mit Informationen und Medien im weitesten Sinne betrifft. In einer Gesellschaft, die sehr problemorientiert denkt, handelt und schreibt, ist das eine schwierige Aufgabe. Bei Perspective Daily zieht sich das lösungsorientierte Denken durch unseren gesamte Arbeitsweise: Gemeinsam arbeitet unser Team aus Entwicklern, Autoren und Designern daran, die technische und die inhaltliche Komponente anhand unseres psychologischen Wissens stetig zu optimieren, um den Lesern eine bessere Interaktion mit den Inhalten und so auch einen besseren Lerneffekt zu ermöglichen.