GesundheitsmarktDiese Branche könnte durch KI revolutioniert werden

Seite: 3 von 3

Healthineers ist mit einem Vorsprung ins KI-Rennen gegangen. „Wir beschäftigen uns schon seit den 90er-Jahren mit diesen Technologien“, sagt Märzendorfer. 400 Machine-Learning- und 75 Deep-Learning-Patente hat sein Unternehmen angehäuft, im US-Unistädtchen Princeton betreibt es ein KI-Entwicklungszentrum mit eigenem Supercomputer. Und Healthineers hat bereits etwa 30 KI-getriebene Anwendungen im Markt. „Wir sind da an der Spitze der Entwicklung.“

Im November stellte das Unternehmen etwa eine 3D-Kamera für Computertomografen vor, mit der sich die Position und Körperform des Patienten analysieren lassen. Mittels Deep Learning errechnet dann ein Programm, wie der Patient im Scanner platziert werden muss, damit gleich beim ersten Versuch ein gutes und genaues Bild entsteht und unnötige, teure Wiederholungsscans vermieden werden können.

Für den Radiologen übernehmen künstliche neuronale Netze die erste Stufe der Bildanalyse: Sie nummerieren die Wirbel auf Thorax-Aufnahmen, stellen auf Ganzkörperscans die wesentlichen Organe frei oder visualisieren Herzschlag und Durchblutung. Auch bei der Diagnose helfen die Algorithmen inzwischen: Sie erkennen Anomalien und heben sie für den Radiologen hervor. Bei der Früherkennung von Prostatakrebs im Magnetresonanztomografen wiederum zieht der Computer nicht nur Bilder als Quellen hinzu, sondern auch Biopsieergebnisse und andere klinische Daten, um das Risiko zu beurteilen.

Das Ende der Radiologie

Der durchschnittliche Radiologe hat alle drei bis vier Sekunden ein neues Bild zu interpretieren – acht Stunden am Tag. 2015 ermittelte ein Verband, dass in Großbritannien in einem Jahr 30 Prozent mehr CT-Scans anfielen, die Zahl der Radiologen aber nur um fünf Prozent zunahm. Wenn ein medizinisches Berufsfeld eine Automatisierung durch KI gebrauchen kann, dann dieses.

Walter Märzendorfer hielt vor zwei Jahren beim Jahreskongress der Röntgengesellschaft einen Vortrag mit dem Titel „Radiologie – ein Auslaufmodell?“ Das Fragezeichen im Titel ist ihm wichtig. „Selbst der beste Arzt der Welt kann diese enormen Mengen an Informationen und medizinischen Richtlinien nicht alle im Griff haben“, sagt er. Daher brauche es Assistenzsysteme, die Ärzten helfen, informiertere Entscheidungen zu treffen. Menschliche Mediziner nicht ersetzen, sondern ergänzen – so sehen sie das bei Healthineers. Aber natürlich wollen sie auch ihre angestammten Kunden nicht verschrecken.

Die Pipeline mit KI-Innovationen sei gut gefüllt, sagt Märzendorfer. Dazu trägt auch eine Datenbank bei, in die Healthineers in den letz- ten Jahren mehr als 100 Millionen Bilder, Arztberichte und klinische Daten eingespeist hat. Wer weiß, was damit eines Tages noch möglich sein wird?

Zurück nach Berlin, zu Ada in die Adalbertstraße. Martin Hirsch führt am Ende des Gesprächs einmal quer durchs Büro, in einen kleinen Nebenraum, den er als Labor bezeichnet, obwohl auch hier einfach nur junge Menschen vor Bildschirmen sitzen. Im Labor wird an der Zukunft von Ada getüftelt. Der Algorithmus soll nämlich künftig nicht nur mit aktuellen Symptomen, sondern auch mit Daten aus Genprofilen gefüttert werden. Gerade läuft ein Test mit den Daten von Daniel Nathrath. „Wir arbeiten daran“, erklärt der Mitgründer, „dass Ada noch mehr zu einer permanenten Begleiterin wird, die auch die Krankheitshistorie des Patienten berücksichtigt und vielleicht einmal das genetische Profil.“ Das werde es künftig ermöglichen, Probleme an- zugehen, die „noch 10-Euro-Probleme sind“. Bevor sie zu 100.000-Euro-Problemen werden.


Dieser Beitrag erschien erstmals 2018 in der Capital-Printausgabe.