KryptowährungWie Facebook die Digitalwährung Libra entwickelte

Facebook-Chef Mark Zuckerberg
Facebook-Chef Mark ZuckerbergFlickr.com / Anthony Quintano (CC BY 2.0), Link

Mark Zuckerbergs erste Andeutung, dass Facebook seine kühnste Wette seit Jahren vorbereitet, haben die meisten Menschen gar nicht mitbekommen. Im vorletzten Absatz seiner Neujahrsbotschaft 2018 schrieb Zuckerberg, er wolle „tiefer gehen und sich eingehend“ mit Verschlüsselungstechnologien und Kryptowährungen befassen.

Bei Facebook hatte Zuckerberg da bereits begonnen, in aller Stille seine Truppen zu sammeln. Sie sollten untersuchen, wie eine neue globale Währung aussehen könnte. Nur 18 Monate später konnte das Soziale Netzwerk bereits die Antwort geben: Libra, eine Digitalwährung mit einem Fundament aus harten Vermögenswerten und 27 gewichtigen Partnern wie etwa Visa, Mastercard, Paypal, Uber und Spotify.

Eine zentrale Rolle bei der Entwicklung spielt der frühere Paypal-Chef David Marcus, der Ingenieure aus dem gesamten Silicon Valley für das Projekt gewann. Und obwohl sich die Krisen von Facebook Anfang letzten Jahres mit dem Cambridge Analytica-Skandal verschärften, kam das Krypto-Team schnell voran – und versuchte, unter dem Radar der Öffentlichkeit zu bleiben. Ohne großes Aufsehen zu erregen, wurden externe Blockchain-Experten angesprochen, um mit ihnen die Ideen zu diskutieren.

„Niemand hat bisher Erfahrung mit einer globalen Währung. Jede Richtung, in die du schaust, ist neu – und das ist aufregend“

Kevin Weil

Kryptowährungs- und Fintech-Spezialisten wie Anchorage und der der Risikokapitalgeber Ribbit Capital bekannten, dass sie schon mit Facebook gesprochen hatten, bevor Marcus im Mai 2018 offiziell Leiter des Blockchain-Teams wurde. Alle diese Unternehmen sind nun „Gründungspartner“ der in der Schweiz angesiedelten Non-Profit-Organisation Libra Association, die die Währung Anfang nächsten Jahres einführen soll. Nach Angaben dieser frühen Partner musste das Facebook-Projekt einige Wandlungen durchlaufen, die Entwicklung einer neuen Kryptowährung sei aber von Anfang an das klare Ziel gewesen.

Als Facebook in der ersten Hälfte des vergangenen Jahres nach Know-how für die Blockchain-Technologie suchte, habe es sich wegen möglicher Übernahmen an Start-ups wie etwa Algorand gewandt, so zwei mit den Diskussionen vertraute Personen. Aber die Übernahmegespräche seien unter anderem an Meinungsverschiedenheiten über das Ausmaß der Kontrolle des Projekts durch Facebook gescheitert. Umstritten sei auch gewesen, wie dezentral Libra gestaltet werden soll.

Neuland für Facebook

Facebook selbst hat die Einführung einer neuen Währung als große Herausforderung angesehen. Ingenieure und Produktmanager des Sozialen Netzwerks sind mit der Optimierung von Werbealgorithmen oder der Vereinfachung des Foto-Sharing vertraut. „Ich mache das seit mehr als einem Jahr, etwa 20 Stunden am Tag, und ich krieg’s immer noch nicht in meinen Kopf rein“, sagt Kevin Weil, der im Juni 2018 von Instagram zu Facebooks Blockchain-Einheit wechselte. Libra sei „anders als alles, woran ich bisher gearbeitet habe“, fügt er in einem Interview letzte Woche in San Francisco hinzu. „Die Technologie ist im Prinzip brandneu und entwickelt sich sehr schnell. Niemand hat bisher Erfahrung mit einer globalen Währung. Jede Richtung, in die du schaust, ist neu – und das ist aufregend.“

Schon bald schlugen die Bemühungen Facebooks Wellen – auch außerhalb des Sozialen Netzwerks. Im August letzten Jahres nach nur neun Monaten als Direktor verließ Marcus den Vorstand von Coinbase, einer der bekanntesten Handelsplattformen für Kryptowährungen. Es sollte sich als ein früher Test für die Koalition von 100 Partnern erweisen, die Facebook letztendlich um Libra herum aufbauen will – Coinbase gehört zu den ersten.

Geheimoperation Libra

„Ich hoffe, dass es nicht zu chaotisch wird“, sagt Coinbase-Business Development Manager Jim Migdal, ein früherer Facebook-Mitarbeiter. „Ich bin zuversichtlich, dass sich die Dinge ändern werden, aber ich habe auch kein Allheilmittel.“

Trotz der anfänglichen Dynamik war die Moral bei Facebooks Blockchain-Mannschaft bis Anfang dieses Jahres gesunken. Viele seien sich nicht sicher gewesen, ob sich ihre Arbeit in etwas Konkretes verwandeln würde, so eine mit dem Projekt vertraute Person. Aber Libra habe ungefähr zu der Zeit grünes Licht erhalten, als Zuckerberg Ende Januar ein neues Bekenntnis zum Datenschutz formulierte, einschließlich seines Plans, die Messaging-Dienste seines App-Trios in ein verschlüsseltes System zu integrieren.

Zu diesem Zeitpunkt startete Facebook ernsthafte Verhandlungen mit anderen potenziellen Partnern. Absolute Vertraulichkeit mussten die Gesprächspartner versprechen. „Das Ganze war in Geheimhaltung gehüllt“, sagt Joshua Gans, Chefökonom des gemeinnützigen Start-up-Unternehmens Creative Destruction Lab, das bisher Libras einziger akademische Partner ist. Facebook machte aber ein wichtiges Zugeständnis: Nach dem Startschuss will das Soziale Netzwerk die Kontrolle über Libra aufgeben. „Das Erstaunliche ist, dass wir die gleiche Stimme bekommen wie alle anderen“, sagt Gans. „Für uns ist das ein Geschenk.“

Facebook will Libra in die Unabhängigkeit entlassen

Die Voraussetzungen für die Gründungsmitgliedschaft der Libra Association sind eine Mindestinvestition von 10 Mio. Dollar in Libra Investment Tokens und bestimmte Parameter, wie beispielsweise 1 Mrd. Dollar Marktwert oder eine Kundenreichweite von mindestens 20 Millionen Menschen. Im Gegenzug bietet der Einstieg die Möglichkeit, den Kurs des Verbunds, der noch keine Satzung hat, mitzugestalten. Außerdem gibt es verschiedene Anreize, um Verbraucher und Händler für Libra zu gewinnen.

Facebook verspricht, dass sich der Verbund im Laufe der Zeit unabhängig entwickeln könne – unabhängig nicht nur von dem Sozialen Netzwerk, sondern auch von den anderen Gründungsmitgliedern. Allerdings zeigt die von Libra veröffentlichte Dokumentation, dass Facebook „bis 2019 eine Führungsrolle einnehmen wird“, also behält es bis zum Start des Netzwerks im nächsten Jahr die Kontrolle.

Die Zahlungsdienstleister Visa und Mastercard gehörten zu den ersten Partnern, die angesprochen wurden, während andere wie etwa der Einzelhändler Farfetch oder Paypal, erst vor zwei Monaten hinzustießen. „Es ging schnell …. Diese Projekte erfordern, dass mehrere Personen gleichzeitig springen, was keine leichte Aufgabe ist“, sagt Farfetch Strategiechefin Stephanie Phair. „[Facebook] hat sich viele Gedanken darüber gemacht, wen sie mitnehmen wollen und wie sich die Plattform entwickeln soll.“

Umstrittene Auswahl von Partnern

Einige Beobachter befürchten jedoch, dass sich Facebook verhoben hat. „Es ist ein echter Marathon, aber Facebook versucht zu sprinten“, sagt ein Innovationsmanager einer großen globalen Bank. Andere, die nicht zu den ersten Libra-Partnern von Facebook gehörten, werfen dem sozialen Netzwerk vor, dass es gezielt solche Unternehmen herauspicke, die geschäftliche oder persönliche Beziehungen mit Facebook unterhalten. Auf der Liste stehen keine Banken und auch die größten Silicon Valley-Rivalen von Facebook wie Google und Apple sind nicht dabei.

Marcus verteidigt die Facebooks Auswahl. „Es geht vor allem darum, wer in der frühen Phase der Gründung eines solchen Netzwerks den größten Nutzen bringt“, sagt er. „Und es ist nicht für jeden…. Die ausgewählten Unternehmen sind die, die eine leidenschaftliche Energie verspürten, uns auf dem holprigen Weg in die Realität zu begleiten.“

Einige frühe Libra-Partner lassen hinter vorgehaltener Hand wissen, dass sie das Projekt verlassen werden, wenn die nächsten Monate nicht die gewünschten Entwicklungen bringen. „Es wird einen enormen Aufwand an Kampagnen, Sicherheit und Wissen erfordern, um mit Libra dorthin zu gelangen, wo es hin muss“, meint der COO der gemeinnützigen Organisation Women’s World Banking Tom Jones.

„Es wird nicht funktionieren, wenn bestimmte Spieler mehr Gewicht haben als andere“, sagt Jorn Lambert, Executive Vice President von Mastercard für digitale Lösungen. „Vertrauen ist extrem wichtig.“

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