BankenskandalWie ein Milliardenbetrug in Malaysia Goldman Sachs erschüttert

Goldman Sachs ist tief in den Skandal um den Staatsfonds Malaysias verwickelt
Goldman Sachs ist tief in den Skandal um den Staatsfonds Malaysias verwickeltGetty Images

Die Frau, die einen Premier gestürzt und einen 2,7-Mrd.-Dollar-Betrug aufgedeckt hat, will sich kein Hotel leisten. In Kuala Lumpur ist Clare Rewcastle Brown deswegen gerade im Haus einer Freundin untergeschlüpft. Die Gated Community bietet einigen Komfort, Pool, getrimmten Rasen, Tennisplatz; das Sicherheitspersonal lässt nur angemeldete Besucher herein. Es ist ein kleiner Schutz: vor den vielen Fans, die Rewcastle Brown in Malaysia mittlerweile um ein Selfie bitten – und vor Beschattung. Seit ihren Enthüllungen ist sie oft bedroht worden, einer ihrer Informanten ist gewaltsam ums Leben gekommen. Etwas Vorsicht schadet nicht.

Auf dem Küchentisch liegen an diesem Morgen eine Banane und eine Tafel Schokolade, ihr Frühstück. Die 59-jährige Britin hat bereits einen Termin hinter sich, ein Treffen mit einer Quelle, einem malaysischen Ermittler. „Ich habe ihnen geholfen, manchmal helfen sie mir“, sagt sie. Bloß dieses Gespräch hat nichts gebracht: „Er hat Informationen angekündigt, aber es war nichts Neues. So ein Idiot.“

Dabei hat sie schon so viel ans Tageslicht befördert: Ein Korruptionsskandal mit epischem Ausmaß, dessen Ausläufer auch die USA und Deutschland erreichen, erschüttert derzeit den südostasiatischen Staat. Mindestens 2,7 Mrd. Dollar sollen die Verantwortlichen aus Malaysias Staatsfonds 1MDB abgezweigt haben, heißt es in zwei US-Anklageschriften aus dem November. 2017 war in einer zivilrechtlichen Klage vor einem kalifornischen Bundesgericht sogar von 4,5 Mrd. Dollar die Rede.

Summen, so enorm, als stammten sie aus einem Hollywoodfilm. Sagen wir: „The Wolf of Wall Street“. Tatsächlich wird dieser Film über skrupellose Finanzjongleure in dieser Story noch eine Rolle spielen. Genau wie eine Party, bei der Britney Spears aus einer Torte springt. Eine 92-Meter-Superyacht mit Helipad, Kino und türkischem Bad. Diamanten für ein Victoria’s-Secret-Model. Und nicht zuletzt: 681 Mio. Dollar auf Privatkonten des Premierministers.

Und wer wird am Ende die Zeche dafür zahlen müssen? Aller Voraussicht nach: die Steuerzahler in Malaysia.

Die Saga um 1MDB hat in dem 32-Millionen-Einwohner-Land ein politisches Erdbeben ausgelöst. Es hat mächtige Politiker und schillernde Finanziers mitgerissen, darunter einen deutschen Star-Banker aus Singapur. Und als wäre das alles nicht wild genug, ist die zentrale Figur bei den Enthüllungen Clare Rewcastle Brown. Eine – wenn man es despektierlich zusammenfassen will – bloggende Hausfrau.

Die Kriegserklärung

Rewcastle Brown ist Malaysia seit ihrer Geburt verbunden: Als Tochter eines Kolonialbeamten wächst sie auf Borneo auf. Kurz nach Malaysias Unabhängigkeit schickt die Familie sie auf ein englisches Internat, da ist sie acht Jahre alt. Später ein Geschichtsstudium am Londoner King’s College, ab 1983 arbeitet sie für die BBC. Sie heiratet Andrew Brown, den Bruder eines gewissen Gordon, der 2007 bis 2010 das Amt des britischen Premiers bekleiden wird. Ihre eigene Karriere hängt sie vorerst an den Nagel, um sich um ihre beiden Söhne zu kümmern.

Ihre große Zeit als Journalistin bricht erst an, als sie 2005 eine Reise in ihr Geburtsland unternimmt. Sie ist schockiert vom Kahlschlag im Dschungel, von den Monokulturen aus Ölpalmen. Sie erinnert sich an die endlosen Wälder, die sie als Kind überflog, und beschließt, gegen die Umweltzerstörung anzuschreiben. 2010 legt sie mit einem Blog los. Nach dem Bundesstaat im Norden Borneos nennt sie ihn „Sarawak Report“.

Ermöglicht wird die Umweltzerstörung durch die in Malaysia grassierende Korruption. In Sarawak bedienen sich der Regierungschef des Bundesstaates und sein Clan an den Naturschätzen, als seien sie ihr Privateigentum. Rewcastle Browns Arbeit kommt einer Kriegserklärung gleich. Bald berichtet sie nicht nur über illegale Rodungen in Sarawak, sondern über Missstände im ganzen Land.

Von ihrer Küche in Westminster aus betrieben, werden der Blog und ein dazugehöriges Radio zu viel beachteten Nachrichtenquellen in Malaysia. Sie ist auch die erste, die auf Auffälligkeiten beim Projekt „Magnolia“ hinweist. So nennt Goldman Sachs intern die erste von drei Anleihe-Emissionen, die die Bank 2012 und 2013 für den malaysischen Staatsfonds 1MDB betreut.

Der Zweck des Fonds: Er soll strategische Entwicklungsprojekte finanzieren. Doch anders als etwa Norwegens Pensionsfonds, in den Geld aus der Ölförderung fließt, wird 1MDB nicht mit einem soliden Kapitalstock ausgestattet. Stattdessen muss der Fonds seine Investitionen in Energie, Tourismus oder Immobilien auf Pump finanzieren. Bis Mitte 2015 wird er 12 Mrd. Dollar Schulden anhäufen. 1,75 Mrd. davon stammen allein aus den „Magnolia“-Anleihen. Dafür kassiert Goldman Sachs eine Gebühr von 200 Mio. Dollar – ein Vielfaches des Üblichen. Wie, fragt sich Rewcastle Brown, hat die Bank bloß diese Konditionen durchgesetzt?

Die wollen nur spielen

Am 28. August 2018 um 10.30 Uhr erscheint ein schlaksiger, 48-jähriger Deutscher vor dem Bundesbezirksgericht in Brooklyn. Tim Leissner hat gleich drei Anwälte mitgebracht. Der frühere Südostasien-Chairman von Goldman Sachs ist unter dem US-Antikorruptionsgesetz angeklagt. Die Vorwürfe: Geldwäsche und Bestechung. Ihm droht lebenslänglich.

Leissner wird sich schuldig erklären und einwilligen, 43,7 Mio. Dollar seines Vermögens den Behörden zu übergeben; eine Strafe kommt obendrauf. Zuvor fragt ihn der Richter, ob er sich von seinem Rechtsbeistand gut beraten fühle. Das Protokoll notiert einen Moment des Schweigens. Schließlich bejaht Leissner. Und erklärt, weshalb er sich mit seiner Antwort Zeit gelassen hat: „Ich dachte, ich bringe sie ein wenig ins Schwitzen.“ Gemeint sind seine Anwälte. Es soll ein Witz sein. „Okay“, sagt der verdatterte Richter. „Sinn für Humor am heutigen Morgen. Okay.“

Der große Betrug: Der deutsche Goldman-Sachs-Banker Tim Leissner – hier 2014 mit Ehefrau Kimora Lee Leissner
Der große Betrug: Der deutsche Goldman-Sachs-Banker Tim Leissner – hier 2014 mit Ehefrau Kimora Lee Leissner

In seiner Lage verhält Leissner sich immer noch, als sei alles nur ein Spiel. Kann sein, dass es sich lange so angefühlt hat. Seine gesamte Karriere, von 1998 bis 2016, verbringt der Absolvent der Universität Siegen bei Goldman Sachs. 2002 schickt ihn die Bank nach Singapur. Die Asienkrise ist gerade erst vorbei, die Region gilt unter Investmentbankern als Hinterland, große Deals laufen anderswo.

Leissner ändert das. „Wichtige Leute machen gern Deals mit anderen wichtigen Leuten. Gehörst du dazu?“ So lautet eines der zehn Gebote von Goldman Sachs. Leissner erfüllt diesen Anspruch. Er gilt als charmant, als Meister im Knüpfen von Beziehungen. Dabei hilft ihm seine Fähigkeit, bis spätnachts zu bechern – und trotzdem tags darauf frisch zum Meeting zu erscheinen.

So dürfte er auch Low Taek Jho kennengelernt haben, allseits bekannt als Jho Low. Der rundliche Malaysier mit dem Kindergesicht, Jahrgang 1981, ist damals trotz seines jungen Alters schon ein wichtiger Strippenzieher. Als Teenager besuchte der Sohn einer chinesischstämmigen Familie die berühmte Harrow School in London. Dort hat er sich mit arabischen Adelskindern angefreundet – und einem gewissen Riza Aziz. „Die Zeit war sehr wichtig für mich“, sagt Low einmal. „Damals habe ich mein Fundament an Kontakten für die Zukunft gelegt.“ Riza Aziz’ Stiefvater Najib Razak etwa wird 2009 malaysischer Premier.

Low studiert und baut seine Beziehungen weiter aus. Bald gründet er seine erste Investmentgesellschaft – und gibt sich in New York als Partylöwe. Die Begleitung von It-Girls wie Paris Hilton oder Lindsay Lohan erkauft er sich mit Magnumflaschen Cristal-Champagner.

In der Heimat berät er bald den Investmentfonds des ölreichen Bundesstaats Terengganu. 2009 wird dieser der Zentralregierung unterstellt, die ihn in 1Malaysia Development Berhad umbenennt: 1MDB – den malaysischen Staatsfonds. Just in dem Jahr kommt Najib an die Macht. Ohne seine Unterschrift geht beim Fonds bald nichts mehr. Und auch nicht ohne Low, der – obwohl nie offiziell bei 1MDB angestellt – direkten Zugang zum Premier hat und alle wichtigen Deals einfädelt.

Bei einer Demonstration in Kuala Lumpur im März 2018 zeigen die Malaysier dem Schiffseigner Jho Low, was sie von ihm halten
Bei einer Demonstration in Kuala Lumpur im März 2018 zeigen die Malaysier dem Schiffseigner Jho Low, was sie von ihm halten (Foto: dpa)

Leissner ist zu dem Zeitpunkt bereits Partner von Goldman Sachs und in Malaysia ein bekannter Mann: 2006 hat er die größte Übernahme in der Geschichte des Landes begleitet. Mit einem weiteren Mitarbeiter konstruiert er nun die drei Anleihen für 1MDB, die erste davon eben jene „Magnolia“-Anleihe von 2012. Goldman Sachs bringt sie an den Markt und kassiert dafür erstaunliche 593 Mio. Dollar an Gebühren. 1MDB sammelt mit ihnen 6,5 Mrd. Dollar bei Investoren ein. Davon versickern laut der Anklageschrift allerdings unfassbare 2,7 Mrd. Dollar. Da der Fonds dem malaysischen Staat gehört, muss dieser bei Ausfällen geradestehen.

Die Interessenlage bei diesem Geschäft ist simpel: Low will möglichst viel Geld in den Fonds schaffen, um sich daraus bedienen zu können. Leissner will die hohen Gebühren, denn das ist gut für den Profit von Goldman Sachs, gut für seinen Ruf – und noch besser für seine Boni. Beide brauchen dafür bloß malaysische Staatsdiener wie den Premierminister, die die für den Staat miserablen Konditionen abnicken – und dafür die entsprechenden Schmiergelder kassieren.

Goldman Sachs wird später jegliche Mitwisserschaft abstreiten; Leissner habe die Compliance-Regeln umgangen. Die Gebühren nimmt die Bank trotzdem gern – und macht Leissner 2014 zum Südostasien-Chef. Er gilt jetzt als Rainmaker, als Zauberer, der Cash regnen lässt, und leistet sich ein Leben, das seinem Kontostand entspricht.

In der Businessclass eines Jets lernt er Kimora Lee Simmons kennen, Ex-Frau eines Rap-Produzenten, Skandalnudel. Sie heiraten 2013, und ihr erster Auftritt danach fällt standesgemäß aus: In der Karibik chartert Leissner eine 60-Meter-Yacht, die 325.000 Dollar pro Woche kostet.

Ein pikanter Verdacht

Zur gleichen Zeit feiert Clare Rewcastle Brown Weihnachten in der Schweiz. Eine Antwort auf die Frage, wie Goldman Sachs die horrenden Gebühren bei „Magnolia“ durchgesetzt hat, hat sie noch nicht – aber ihre Sinne sind geschärft, als im verschneiten Lausanne plötzlich ihr Smartphone aufleuchtet. Ein Bekannter sendet ihr eine Nachricht aus Malaysia, so skurril, dass die Journalistin sofort stutzig wird.

Premier Najib und First Lady Rosmah Mansor. Allein 1400 Halsketten werden bei ihnen beschlagnahmt
Premier Najib und First Lady Rosmah Mansor. Allein 1400 Halsketten werden bei ihnen beschlagnahmt (Foto: Getty Images)

Es geht um Rosmah Mansor, Ehefrau des Premiers, Mutter von Riza Aziz. Sie fordert, den Hollywoodfilm „The Wolf of Wall Street” in jeder Schule des Landes zu zeigen. Es klingt wie ein Scherz: Malaysia ist konservativ-muslimisch, die meisten Frauen tragen Kopftuch, viele Malaysier trinken keinen Alkohol. Der Film dagegen ist eine einzige Orgie, in einer Szene zieht Leonardo DiCaprio eine Nase Kokain vom Gesäß einer nackten Frau. Das legt die First Lady Schulkindern ans Herz?

Da stimmt doch was nicht, denkt Rewcastle Brown. Obwohl ihre Familie protestiert, verbringt sie den Rest der Weihnachtstage mit Googeln. Und findet heraus: Produzent des rund 100 Mio. Dollar teuren Films ist – Riza Aziz, Rosmahs Sohn aus erster Ehe. Zuvor hat er sich an einer Karriere im Finanzwesen versucht, ohne groß aufzufallen. Woher, fragt sich Rewcastle Brown, hat der junge Mann plötzlich die Mittel für so eine riskante Investition? Beteiligt an dem Film ist auch Low.

Rewcastle Brown witterte die Story ihres Lebens – weiß sie doch, dass der Najib-Clan direkt an einem reich gefüllten Topf sitzt. Schon bald nach der Gründung von 1MDB nämlich hat Malaysias Opposition begonnen, kritische Fragen zu stellen: Wieso eigentlich hat der Fonds keine Geschäftsadresse? Wieso wurden wiederholt die Wirtschaftsprüfer ausgetauscht? Und natürlich: Wieso sind seine Schulden so hoch?

Rewcastle Brown fragt sich: Gibt es eine Verbindung zwischen den Ungereimtheiten bei 1MDB und der Familie des Premiers? Von nun an verwendet sie einen Großteil ihrer Zeit darauf, Indizien zu verknüpfen. „Ein Vollzeitjob“, sagt sie. Und fügt mit britischem Understatement hinzu: „Andere Mütter organisieren Schulfeste. Ich mache eben das.“

Sie hat einen Vorteil: Obgleich der von Low organisierte Raubzug clever konstruiert ist, will das Geld ja auch ausgegeben werden. Und dabei ist Low, der sich offensichtlich nach der Anerkennung von Prominenten verzehrt, alles andere als dezent.

Für die Party zu seinem 31. Geburtstag leistet er sich Auftritte von Jay-Z und Britney Spears, die aus der Torte springt. Dem Model Miranda Kerr schenkt er Juwelen im Wert von 8,1 Mio. Dollar, sein „The Wolf of Wall Street“-Star DiCaprio bekommt Marlon Brandos Oscar-Statue von 1955. Bei Auktionen ersteigert er Kunst für 137 Mio. Dollar, darunter einen Picasso. Dazu kommen Immobilien und eine Yacht für 261 Mio. Dollar.

Dass Low mit Geld um sich wirft, als gäbe es kein Morgen, ist nicht zu übersehen. Doch um ihm und seinen Buddys etwas nachzuweisen, braucht Rewcastle Brown Dokumente. Einen Paper-Trail, wie die Engländer sagen. Es dauert ein Jahr, bis sie ihn findet.

Kampf mit allen Mitteln

Mitte 2014 hört sie von einem Whistleblower. Der ehemalige Direktor der Firma Petro Saudi hat sich mit seinem Chef zerstritten, es geht um ausgebliebene Gehaltszahlungen. Vor seiner Kündigung hat der Mann 90 -Gigabyte Daten vom Server kopiert. Über 200.000 E-Mails, die beweisen sollen, dass bei einem Deal von Petro Saudi und 1MDB 700 Mio. Dollar in ein Offshore-Konto flossen, das Low persönlich kontrolliert.

Da wäre bloß ein kleines Problem: Der Whistleblower, ein Schweizer namens Xavier Justo, verlangt für die Daten 2 Mio. Dollar. Angeblich die Summe, die ihm sein Arbeitgeber schuldig geblieben ist. Rewcastle Brown sucht Geldgeber und wird schließlich fündig: Tong Kooi Ong, ein Ex-Banker, heute Besitzer der malaysischen Wirtschaftszeitung „The Edge“, meldet Interesse an.

Direkt neben den Glastürmen des Singapurer Finanzdistrikts liegt das Fullerton. In dem mächtigen Gebäude mit den klassizistischen Säulen befand sich einst das Hauptpostamt, heute beherbergt es ein Fünfsternehotel. Hier findet im Januar 2015 die Übergabe statt. Während die Journalisten und der Whistleblower den Deal verhandeln, überprüfen im Nebenzimmer IT-Experten die Echtheit der Daten.

Strittig ist, wie die Transaktion ablaufen soll. Justo will weder wegen einer auffälligen Überweisung noch mit Taschen voll Bargeld erwischt werden. Tong bietet ihm Bilder aus seiner Kunstsammlung an, doch auch das lehnt Justo ab. Schließlich rückt er die Daten gegen das nackte Versprechen heraus, das Geld später zu bekommen – was aber, glaubt man Rewcastle Brown, nie geschieht.

Im Februar 2015 titelt Rewcastle Brown auf ihrem Blog: „Der Raub des Jahrhunderts“. Sie publiziert Auszüge aus den E-Mails und beschreibt genau, wie Low die Struktur mit Petro Saudi nutzte, um Unsummen abzuschöpfen.

Allein gegen die Finanzmafia: die britische Bloggerin Clare Rewcastle Brown
Allein gegen die Finanzmafia: die britische Bloggerin Clare Rewcastle Brown (Foto: Getty Images)

Nur wenige Monate später, Anfang Juli, folgt ihr zweiter Scoop. Ein Informant verspricht ihr den Beweis, dass Hunderte Millionen Dollar aus dem Fonds direkt auf Najibs Konten geflossen sind. Die Dokumente, darunter Kontoauszüge, kommen von malaysischen Ermittlern, die von höheren Stellen immer stärker bei ihrer Arbeit behindert werden. Anfang Juli 2015 erscheint die Story.

Die Enthüllungen zeigen beeindruckende Wirkung: Bis heute haben Behörden in zehn Ländern Ermittlungen aufgenommen. 2016 wirft das US-Justizministerium Najib vor, 681 Mio. Dollar auf eigene Konten umgeleitet zu haben. Der Premier wird nicht namentlich genannt, in den Dokumenten ist nur von „Malaysian Official 1“ die Rede. Doch jeder weiß, wer gemeint ist.

Einst als Reformer gelobt, herrscht Najib nun immer autoritärer, um den Skandal zu vertuschen. Das Geld auf seinem Konto, behauptet er allen Ernstes, sei ein Geschenk der saudischen Königsfamilie. Er lässt Zeitungen schließen, Ermittler werden verhört und suspendiert, der Generalstaatsanwalt wird gefeuert – offenbar, weil er einen Haftbefehl gegen Najib beantragen wollte.

Auch der Druck auf Rewcastle Brown steigt. Nach Malaysia darf sie nicht mehr einreisen, sie wird mit Klagen überzogen, vor ihrem Haus drücken sich verdächtige Gestalten herum. Als man ihr in einer anonymen E-Mail mitteilt, dass ein ukrainischer Auftragskiller auf sie angesetzt sei, geht sie zur Polizei. „Ich habe meinen Sohn auf die Wache mitgenommen“, sagt sie. „Er sollte bezeugen, dass ich nicht verrückt bin.“

Bis heute ist ihr nichts geschehen, sie hat Glück – im Gegensatz zu anderen. Justo schmort anderthalb Jahre in einem thailändischen Knast, weil er seinen Ex-Arbeitgeber erpresst haben soll. Die Leiche des malaysischen Ermittlers Kevin Anthony Morais wird im Herbst 2015 in einem mit Zement gefüllten Ölfass gefunden. Rewcastle Brown sagt, er sei eine ihrer Quellen gewesen. Bis heute ist sein Tod nicht aufgeklärt.

Nichts davon verhindert, dass in Malaysia der Widerstand gegen Najib wächst: Am 25. August 2016 ziehen Hunderttausende durch Kuala Lumpur und verlangen seinen Rücktritt. Durch die Menge bahnt sich auch ein über 90-Jähriger seinen Weg: Der ehemalige Ministerpräsident Mahathir Mohamad bereitet sein Comeback vor, wenige Monate später ernennt ihn die Opposition zum Spitzenkandidaten. Die Wut der Malaysier trägt ihn im Mai 2018 zum Sieg. Najib war einst Mahathirs Protegé. Doch nun kennt der Wahlsieger keine Sentimentalitäten.

Die Behörden verhindern einen Fluchtversuch Najibs mit dem Privatjet. Beamte durchsuchen seine Häuser. Sie finden 29 Mio. Dollar Cash, 1400 Halsketten, 567 Designer-Handtaschen, 423 Uhren, 2200 Ringe, 1600 Broschen und 14 Diademe. Gesamtwert: 273 Mio. Dollar.

Empfangen wie ein Star

2019 soll Najib der Prozess gemacht werden. Ihm werden Bestechung in vier Fällen und Geldwäsche in 21 Fällen vorgeworfen. Er hat angekündigt, dass er auf unschuldig plädieren wird. Tim Leissner ist derzeit auf freiem Fuß, gegen eine Kaution von 20 Mio. Dollar. Am 17. Januar wird das Gericht in Brooklyn seine Strafe festsetzen. Jho Low ist untergetaucht, er wird in China vermutet. Seine Yacht wird zwangsversteigert.

Clare Rewcastle Brown dagegen ist in Malaysia von einer Staatsfeindin zum Ehrengast aufgestiegen. Als sie im Mai 2018 zum ersten Mal seit Jahren wieder in Kuala Lumpur landet, wird sie empfangen wie ein Star, bei ihrer Einreise warten TV-Teams am Flughafen. Sie hält Vorträge und gibt Lesungen, in Cafés wird sie nach Autogrammen gefragt.

Auch finanziell dürften sich ihre Mühen nun bezahlt machen: Ihr Buch „Sarawak Report“ wird verfilmt. Der Vertrag sei noch nicht unterschrieben, aber man sei sich einig. Es wird ein amerikanisch-malaysisches Projekt, ein Film über die Exzesse der Finanzindustrie, über Betrug und Gier. Ganz wie „The Wolf of Wall Street“ eigentlich.