BankenskandalWie ein Milliardenbetrug in Malaysia Goldman Sachs erschüttert

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Ein pikanter Verdacht

Zur gleichen Zeit feiert Clare Rewcastle Brown Weihnachten in der Schweiz. Eine Antwort auf die Frage, wie Goldman Sachs die horrenden Gebühren bei „Magnolia“ durchgesetzt hat, hat sie noch nicht – aber ihre Sinne sind geschärft, als im verschneiten Lausanne plötzlich ihr Smartphone aufleuchtet. Ein Bekannter sendet ihr eine Nachricht aus Malaysia, so skurril, dass die Journalistin sofort stutzig wird.

Premier Najib und First Lady Rosmah Mansor. Allein 1400 Halsketten werden bei ihnen beschlagnahmt
Premier Najib und First Lady Rosmah Mansor. Allein 1400 Halsketten werden bei ihnen beschlagnahmt (Foto: Getty Images)

Es geht um Rosmah Mansor, Ehefrau des Premiers, Mutter von Riza Aziz. Sie fordert, den Hollywoodfilm „The Wolf of Wall Street” in jeder Schule des Landes zu zeigen. Es klingt wie ein Scherz: Malaysia ist konservativ-muslimisch, die meisten Frauen tragen Kopftuch, viele Malaysier trinken keinen Alkohol. Der Film dagegen ist eine einzige Orgie, in einer Szene zieht Leonardo DiCaprio eine Nase Kokain vom Gesäß einer nackten Frau. Das legt die First Lady Schulkindern ans Herz?

Da stimmt doch was nicht, denkt Rewcastle Brown. Obwohl ihre Familie protestiert, verbringt sie den Rest der Weihnachtstage mit Googeln. Und findet heraus: Produzent des rund 100 Mio. Dollar teuren Films ist – Riza Aziz, Rosmahs Sohn aus erster Ehe. Zuvor hat er sich an einer Karriere im Finanzwesen versucht, ohne groß aufzufallen. Woher, fragt sich Rewcastle Brown, hat der junge Mann plötzlich die Mittel für so eine riskante Investition? Beteiligt an dem Film ist auch Low.

Rewcastle Brown witterte die Story ihres Lebens – weiß sie doch, dass der Najib-Clan direkt an einem reich gefüllten Topf sitzt. Schon bald nach der Gründung von 1MDB nämlich hat Malaysias Opposition begonnen, kritische Fragen zu stellen: Wieso eigentlich hat der Fonds keine Geschäftsadresse? Wieso wurden wiederholt die Wirtschaftsprüfer ausgetauscht? Und natürlich: Wieso sind seine Schulden so hoch?

Rewcastle Brown fragt sich: Gibt es eine Verbindung zwischen den Ungereimtheiten bei 1MDB und der Familie des Premiers? Von nun an verwendet sie einen Großteil ihrer Zeit darauf, Indizien zu verknüpfen. „Ein Vollzeitjob“, sagt sie. Und fügt mit britischem Understatement hinzu: „Andere Mütter organisieren Schulfeste. Ich mache eben das.“

Sie hat einen Vorteil: Obgleich der von Low organisierte Raubzug clever konstruiert ist, will das Geld ja auch ausgegeben werden. Und dabei ist Low, der sich offensichtlich nach der Anerkennung von Prominenten verzehrt, alles andere als dezent.

Für die Party zu seinem 31. Geburtstag leistet er sich Auftritte von Jay-Z und Britney Spears, die aus der Torte springt. Dem Model Miranda Kerr schenkt er Juwelen im Wert von 8,1 Mio. Dollar, sein „The Wolf of Wall Street“-Star DiCaprio bekommt Marlon Brandos Oscar-Statue von 1955. Bei Auktionen ersteigert er Kunst für 137 Mio. Dollar, darunter einen Picasso. Dazu kommen Immobilien und eine Yacht für 261 Mio. Dollar.

Dass Low mit Geld um sich wirft, als gäbe es kein Morgen, ist nicht zu übersehen. Doch um ihm und seinen Buddys etwas nachzuweisen, braucht Rewcastle Brown Dokumente. Einen Paper-Trail, wie die Engländer sagen. Es dauert ein Jahr, bis sie ihn findet.

Kampf mit allen Mitteln

Mitte 2014 hört sie von einem Whistleblower. Der ehemalige Direktor der Firma Petro Saudi hat sich mit seinem Chef zerstritten, es geht um ausgebliebene Gehaltszahlungen. Vor seiner Kündigung hat der Mann 90 -Gigabyte Daten vom Server kopiert. Über 200.000 E-Mails, die beweisen sollen, dass bei einem Deal von Petro Saudi und 1MDB 700 Mio. Dollar in ein Offshore-Konto flossen, das Low persönlich kontrolliert.

Da wäre bloß ein kleines Problem: Der Whistleblower, ein Schweizer namens Xavier Justo, verlangt für die Daten 2 Mio. Dollar. Angeblich die Summe, die ihm sein Arbeitgeber schuldig geblieben ist. Rewcastle Brown sucht Geldgeber und wird schließlich fündig: Tong Kooi Ong, ein Ex-Banker, heute Besitzer der malaysischen Wirtschaftszeitung „The Edge“, meldet Interesse an.