KolumneWie die Telekom Deutschland verliert

Bernd Ziesemer
Bernd ZiesemerCopyright: Martin Kress

Das wir das noch erleben! Ausgerechnet der Chef der Deutschen Telekom ruft nach dem Beistand der Wettbewerbsbehörden gegen den Konkurrenten Vodafone. Der frühere Monopolist fühlt sich ernsthaft bedroht, weil die Briten mit der Übernahme des Kabelnetzbetreibers Unitymedia in Deutschland kräftig Gas geben. Vodafone kann den Kunden künftig flächendeckend schnelle Internetanschlüsse anbieten – was die Telekom seit Jahren versäumt. Und da die Verbraucher zunehmend auf Lösungen aus einer Hand – Handy, Festnetz, Internet und Fernsehen – setzen, bekommt es die Telekom nun erstmals mit einem Herausforderer zu tun, der wirklich auf Augenhöhe agiert.

Der ganze Kommunikationsmarkt könnte sich in den nächsten Jahren neu sortieren. Weil Telekom-Chef Timotheus Höttges Milliarden Euro in seine amerikanische Tochterfirma T-Mobile steckt, fehlt ihm das Geld, Vodafone in Deutschland Paroli zu bieten. Mit der beschlossenen Fusion von T-Mobile und Sprint setzt Höttges in den USA auf weitere Expansion. Weitere hohe Investitionen werden dort in den nächsten Jahren folgen müssen, wenn sich Höttges ernsthaft mit den beiden großen Anbietern Verizon und AT&T anlegen will. Da die Telekom künftig das vereinigte Geschäft in den USA voll konsolidieren wird, stammt bald der weitaus größte Teil ihres globalen Umsatzes aus den USA. Dort ist die Wachstumsdynamik für die Telekom schon jetzt viel höher als in Deutschland.

Verwandelt sich die Telekom in einen US-Konzern?

Damit entsteht ein paradoxes Szenario: Die Telekom könnte Deutschland langfristig verlieren, dafür aber die USA gewinnen. Vielleicht steht am Ende dieses Prozesses irgendwann die Abspaltung und der Verkauf des deutschen Geschäfts, um die Telekom ganz in einen amerikanischen Konzern zu verwandeln. Das hört sich heute noch wie ferne Zukunftsmusik an. Aber man sollte die Dynamik auf keinen Fall unterschätzen, die durch die Offensive von Vodafone in Deutschland und den hohen Kapitalbedarf der Telekom in den USA ausgelöst wird.

Den deutschen Verbrauchern kann es völlig egal sein, wer ihnen künftig schnelle Internetverbindungen zur Verfügung stellt. Hauptsache, sie kommen endlich. Vodafone peilt 2022 als entscheidendes Zieljahr an. Dann will der Konzern 25 Millionen Gigabitanschlüsse für insgesamt 50 Millionen Menschen zwischen Nordsee und Alpen anbieten. Das sind weitere drei lange Jahre – aber immerhin eindeutige Perspektiven, wenn Vodafone seine Versprechen wirklich hält. Man darf schon jetzt gespannt sein, wie die Telekom auf die Ankündigungen reagiert.

In der Telekommunikation entwickelt sich in Deutschland ein Duopol. Die anderen kleinen Anbieter können nur noch in den Nischen der beiden Großen oder als ihre Vertriebspartner überleben. Wir wissen aus dem kleinen Einmaleins der Ökonomie, dass sich in einem Duopol der Wettbewerb für gewöhnlich weiter verschärft – es sei denn, es kommt zu geheimen (und illegalen) Absprachen zwischen den beiden Konkurrenten. Aus einem Duopol kann allerdings leicht wieder ein Monopol entstehen – was keineswegs im Sinne der Verbraucher wäre. Die Wettbewerbshüter behalten also so oder so weiterhin viel zu tun. Auch wenn sie das Geschrei der Telekom über den bösen Wettbewerber Vodafone nicht ganz ernst nehmen sollten.