SteuerentlastungWie die Mittelschicht zur neuen Oberschicht wurde

Familie, Haus und Auto - das ist Mittelschicht -
Familie, Haus und Auto - das ist Mittelschichtdpa

Die gute Nachricht zuerst: Sie, liebe Leser, sind die Oberschicht. Haben Sie noch gar nicht gemerkt? Das haben Union und SPD in ihren Verhandlungen für die Neuauflage der Großen Koalition aber so beschlossen. Nun die schlechte Nachricht: Das war es dann auch, viel mehr wird die Bundesregierung für Sie nicht tun.

Denn das meiste, was Union und SPD vereinbart haben, richtet sich nicht an Menschen, die jeden Monat einen Gutteil ihres Einkommens ans Finanzamt sowie die Kranken-, Renten-, Pflege- und Arbeitslosenversicherung abtreten. Die regelmäßig Geld zurücklegen, um damit für die Ausbildung ihrer Kinder oder privat fürs Alter zu sparen. Denn die Oberschicht kann ja eher noch ein bisschen mehr schultern.

Im wahrsten Sinne des Wortes kümmern wollen sich Union und SPD in den kommenden dreieinhalb Jahren um Menschen, die sich um ihren Job sorgen, um finanzschwache Familien, vor allem aber um Arbeitslose und Rentner. Für diese Menschen will die Große Koalition Dutzende Milliarden zusätzlich ausgeben. Sie werden dies als Programm für die Mitte feiern.

Wenn Sie jetzt denken: Moment mal, wir sind doch auch Mitte, wir haben auch Sorgen, wissen nicht, ob es unseren Job in fünf Jahren noch geben wird oder das Geld fürs Alter reicht, dann haben Sie leider einen politischen Paradigmenwechsel verpasst: die schleichende Umdefinition der Mitte.

Früher war die Mitte ein Sammelbegriff für weite Teile der Gesellschaft. Heute wird sie mit feiner ökonomischer Methodik durchanalysiert, aufgespalten und zum Großteil zur Oberschicht umoperiert. Die Mitte ist das Schlachtfeld eines neuen Klassenkampfs geworden. Wie konnte es so weit kommen?

Historisch gesehen ist die gesellschaftliche Mitte, die Mittelschicht, ein junges Phänomen. Bis weit ins vorige Jahrhundert kannte man vor allem zwei Klassen: eine sehr kleine Oberschicht der Reichen und Gebildeten und die breite Masse der einfachen Arbeiter und Angestellten. Für die Anhänger von Marx und Engels war dies das Proletariat. Erst in den 1950er-Jahren, im großen Wirtschaftswunder, entwickelte sich in Deutschland (und in vielen anderen Staaten) eine immer breiter werdende gesellschaftliche und wirtschaftliche Mittelschicht.

Aufsteiger-Gesellschaft

Die Menschen aus der Mitte gründeten Familien, bauten Häuser, kauften Autos, fuhren in den Urlaub und sorgten für die Kinder – damit die es einmal besser haben. Aufstieg durch Bildung. Die neue Mittelschicht wurde vermessen, sie wurde gefeiert, weil sie den Gegensatz zwischen Arbeit und Kapital nivelliere, sie versprach „Wohlstand für alle“ und war Motor der gesellschaftlichen Modernisierung. Zur Mittelschicht gehörte, wer Schulabschluss und Ausbildung vorweisen konnte, wer regelmäßig einer Arbeit nachging und einigermaßen ähnliche Werte teilte. Diese Mittelschicht wurde breiter und breiter.

Heute zählen mehr als 60 Prozent der Menschen in Deutschland zur so definierten Mittelschicht. Fragt man die Menschen selbst, zu welcher sozialen Schicht sie gehören, antworten sogar mehr als 80 Prozent, sie seien Mittelschicht. Von der alleinerziehenden Mutter mit oder ohne Job über die Beide-Studienrat-Familie mit drei Kindern bis hin zum Er-Anwalt-sie-Ärztin-Doppelverdiener-Ehepaar ohne Kinder.