Serie: Die großen Krisen

History-SerieWie 1857 die erste globale Finanzkrise ausbrach

Wie auf Kommando stürmen Sparer und Spekulanten am 13. Oktober 1857 die Banken von New York und verlangen ihre Einlagen zurück. Binnen 24 Stunden erklären sich alle 60 Banken der Welt­finanzhauptstadt für zahlungsunfähig
Wie auf Kommando stürmen Sparer und Spekulanten am 13. Oktober 1857 die Banken von New York und verlangen ihre Einlagen zurück. Binnen 24 Stunden erklären sich alle 60 Banken der Welt­finanzhauptstadt für zahlungsunfähig Metmuseum / gemeinfrei

„Die americanische Crise – von uns in der Novemberrevue 1850 als in New York ausbrechend hervorgesagt – ist beautiful“, schreibt Karl Marx im Oktober 1857 an „Dear Frederick“. Dear Frederick – Friedrich Engels – antwortet rasch: „Der American crash ist herrlich, und noch lange nicht vorbei.“ In seiner Antwort schickt er Marx gleich noch mehr gute Nachrichten: Die Wirtschaftskrise greift schon auf England über! „Tant mieux“, umso besser!

Was die beiden Revolutionäre so begeistert, wird als die erste Weltwirtschaftskrise in die Geschichtsbücher eingehen. Spekulationsblasen, Bankenzusammenbrüche, Pleiten, all das hat die Welt bis dahin schon oft erlebt. Doch die Krise von 1857 ist anders: Wie ein Flächenbrand frisst sie sich über den Globus. Amerika, England, Deutschland, Skandinavien, die früheren Kolonien in Südamerika und selbst Indien geraten in ihren Sog. Die Rezession reißt Banken in den Abgrund, kostet Tausende Unternehmer die Existenz und Millionen Menschen den Job. Und sie schürt die Hoffnung der Systemkritiker: dass der noch junge Kapitalismus kollabieren würde und mit ihm das Profitstreben, das die Reichen immer reicher macht, aber die Armen ausbeutet.

Die Erwartung der Untergangspropheten erfüllt sich 1857 nicht. So wie auch 150 Jahre später die globale Finanzkrise dem Kapitalismus nicht den Garaus machen wird – obwohl sich auch 2008 einige fragen, ob Marx nicht vielleicht doch recht hatte. Die Forschung hat sich dennoch in den letzten Jahren erneut der Ereignisse von 1857 angenommen. Nicht Marx zuliebe – sondern um aus der Krise von damals Lehren für die Regulierung der Finanzmärkte und Bankensysteme von heute zu ziehen.

Auch 1857 beginnt die Krise mit einer Pleite in New York, und der erste Schlag trifft die Welt völlig unvorbereitet. Denn bis dahin ist es aller Orten herrlich aufwärtsgegangen mit der Wirtschaft. Dann tritt am 24. August Charles Stetson, Präsident der Ohio Life Insurance and Trust Company, an die Öffentlichkeit: „Mir fällt die unerfreuliche Pflicht zu, festzustellen, dass das Unternehmen die Zahlung eingestellt hat“, erklärt er, als sei er an der Sache völlig unbeteiligt. Doch das Unternehmen, von dem er spricht, ist sein eigenes. Ohio Life, bis dato angesehen und erfolgreich, ist am Ende. Auch wenn Stetson noch faselt, sein Institut sei doch insgesamt „gesund und verlässlich“.

6022 Pleiten in den USA zählte ein Berichterstatter 1857 – und dazu 741 betrügerische Bankrotte

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Die New Yorker Niederlassung hat sich tödlich verspekuliert. Besser gesagt, ein Mann dort: Der Regionalmanager Edward C. Ludlow war im großen Stil ins Agrar- und Eisenbahngeschäft eingestiegen. In der Zentrale in Ohio hatten sie das nicht mitgekriegt. Oder nicht mitkriegen wollen. Über 2 Mio. Dollar Kapital verfügte die Bank, er bewegte ungefähr das Dreifache. Er jonglierte mit Krediten, lieh sich Geld und verlieh es mit hohen Margen weiter. Manche Historiker halten ihn für einen Betrüger. Unstrittig ist, dass Ludlow sich immer tiefer in Geschäfte verstrickte, die er nicht mehr kontrollieren konnte. Als einige der Gläubiger nicht mehr zahlen, kracht das Konstrukt zusammen. Die Pleite von Ohio Life löst eine Lawine aus – ähnlich wie 2008 der Kollaps von Lehman Brothers.

Panik kriecht durch die Straßen von New York. Die Stadt ist zur Geldmetropole Amerikas aufgestiegen, obwohl rund um die Wall Street auch noch ganz normale Bürger wohnen. So gut wie jede der 60 Banken hat Ludlow Geld gegeben. Nun heißt es: Rette sich, wer kann. „Als stünde der Feind vor der Stadt“, spöttelt der Korrespondent des Frankfurter „Aktionärs“. In den Straßen rotten sich Menschen zusammen. Noch nicht die verzweifelten Arbeiter, die Jobs und Brot verlangen, sondern die Wohlhabenden: Männer in Gehröcken und Zylindern schwenken schreiend ihre Spazierstöcke. Sie verlangen Gold: Die Banken sollen ihre Papiernoten zurücktauschen. Doch deren Edelmetallreserven reichen nicht. Die Zinsen schießen hinauf, die Aktienkurse herunter.

Eine Erfindung wird in dieser Lage zum Fluch: Über die neuen Telegrafenleitungen verbreiten sich Nachrichten so schnell wie nie zuvor. Mit ihnen die Angst. Im September, längst sind die New Yorker Ereignisse überall Gesprächsstoff, gerät vor der Küste von South Carolina auch noch der Schaufelraddampfer Central America in einen Hurrikan und sinkt. 400 Menschen sind an Bord – und Gold im Wert von 1,6 Mio. Dollar, auf das die Bankchefs in Manhattan zitternd warten. Vergeblich: „In dieser Stunde der Not war Gold wertlos“, erzählt ein Überlebender. Wer in die Rettungsboote springt, entledigt sich vorher der schweren Goldbarren. Der Schatz wird 130 Jahre später geborgen. 1857 aber löst das Ereignis einen Orkan aus: den „Western Blizzard“, der die Banken New Yorks vom Markt fegt. Am 13. Oktober um 1 Uhr mittags stürmen Wechselinhaber und Depositengläubiger wie auf Kommando die Geldhäuser. Binnen Stunden kapitulieren sie alle.