Saudi-ArabienWie der Fall Khashoggi das Projekt des Thronfolgers gefährdet

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"Davos in der Wüste": Die Metropole Riad lädt seit 2017 zur jährlichen Investorenkonferenz
„Davos in der Wüste“: Die Metropole Riad lädt seit 2017 zur jährlichen Investorenkonferenz. Copyright: Getty Images

Zwei Wochen hatte das Königshaus dementiert, dass der renommierte Journalist im Konsulat ums Leben gekommen war. Aber auch das Eingeständnis, Khashoggi sei bei einem Handgemenge gestorben, trifft bei Beobachtern und Politikern auf große Skepsis. Viele glauben, ohne das Wissen des Kronprinzen hätte keine Operation gegen den Kritiker genehmigt werden können.

Von den global tätigen Unternehmen, wie Deloitte, HSBC, McKinsey, Boston Consulting Group oder Siemens, die zunächst als Konferenzpartner gelistet waren, zogen einige dann doch ihre Spitzenvertreter ab. Die auch ohne die Khashoggi-Krise gewaltige Aufgabe, die auf Petrodollars gebaute Wirtschaft zu sanieren, wird noch schwieriger.

„Seit geraumer Zeit unterschätzt der Markt die politischen und makroökonomischen Risiken, vor denen Saudi-Arabien steht“, sagt Jubin Jose, Anlageberater des Gulf Investment Fund. „Der jüngste Vorfall hat die politische Risikoprämie in die Höhe getrieben, da internationale Unternehmen sich eindeutig positioniert haben.“ Das wird bei der Diversifizierung nicht helfen. Der Grundgedanke bestand ja darin, den Privatsektor zu stärken und ausländische Gelder anzuziehen.“

Politische Risikoprämie gestiegen

Tatsächlich stagniert das Wachstum des weltweit größten Ölexporteurs seit dem Fall der Preise für Rohöl 2014 und einer Rezession im Jahr 2017. Die Arbeitslosigkeit stieg im ersten Quartal dieses Jahres auf einen Rekordstand von 12,9 Prozent. In einem Land, in dem zwei Drittel der Bevölkerung jünger als 29 Jahre sind, hat jeder vierte Jugendliche keine Arbeit. Unter jungen Frauen sind es doppelt so viel.

Um diese jungen Saudis warb der 33-jährige Prinz, indem er westliche Politiker und Führungskräfte verzauberte ­– und daheim einen aggressiven Wandel der Wirtschaft und eine tolerantere Gesellschaft versprach. Vor zwei Jahren fiel der Startschuss zu einem nationalen Transformationsplan „Vision 2030“. Er soll die dominante Rolle des Staates zurückbauen, Raum für den Privatsektor und bis 2020 mehr als 450.000 Arbeitsplätze schaffen.

Das Echo war positiv. Kaum jemand bestritt die bittere Notwendigkeit von Strukturreformen. Der PIF würde sich als tragende Säule in internationale Vermögenswerte einkaufen, zum Teil um deren Finanzstärke zu nutzen, zum Teil um Kapital, Technologie und Talente anzuziehen. Bislang hat der Fonds aber die meisten Spuren innerhalb des 33 Millionen-Landes hinterlassen.

Seit der Gründung 1971 zur Finanzierung von Inlandsprojekten war er zunächst „Verwahrer“ öffentlicher Beteiligungen, darunter am Chemiekonzern Sabic, der National Commercial Bank und der Saudi Telecom. Jahrzehntelang tat er wenig mehr, als Kredite zu vergeben. 2008 tauchte der PIF mit dem Start von Sanabil, einem Staatsfonds mit einem Startkapital von nur 5 Mrd. Dollar, erstmals in die Welt aktiver Beteiligungen ein.

Reformprozess stockt

Mit Prinz Mohammed an der Spitze gründete der Fonds eine ganze Reihe von Unternehmen, von Energieeffizienz und Abfallwirtschaft bis hin zur Unterhaltungs- und Verteidigungsbranche und religiösem Tourismus. Seine Tentakel reichten in alle Sektoren, mit der Verheißung, ganz neue Industrien und „Ökosysteme“ zu erschaffen. Parallel wurden ein halbes Dutzend Megaprojekte angekündigt, die jeweils Milliarden Dollar in die Wirtschaft pumpen und Tausende Jobs bringen sollen. Darunter auch die Zukunftsstadt Neom mit einem Volumen von 500 Mrd. Dollar.

Aber abseits der grellen Projekte mehren sich die Zeichen, dass der Reformprozess stockt. Der mit Spannung erwartete Börsengang des Ölriesen Saudi Aramco ist verschoben. Ein breiteres Privatisierungsprogramm kommt Analysten zufolge nicht vom Fleck. Stattdessen scheint der Staat über den PIF seine beherrschende Stellung zu festigen, während viele private Unternehmen, die 48 Prozent des Bruttoinlandsprodukts ausmachen, über schwaches Wachstum, steigende Kraftstoff- und Strompreise sowie über neue Tarife für ausländische Arbeiter klagen.

Zusätzlich getrübt wurde die düstere Stimmung durch Prinz Mohammeds Anti-Korruptions-Säuberung. Sie schlug viele wohlhabende Handelsfamilien in die Flucht. Rund 300 Prinzen, Oligarchen und ehemalige Regierungsbeamte wurden im vergangenen November im Ritz-Carlton Hotel in Riad zusammengetrieben. Die meisten kamen wieder frei, aber erst nach der Übertragung von Bargeld und Vermögenswerten an den Staat, unter anderem von Saudi bin Laden, der größten Baugruppe im Königreich, und dem Middle East Broadcasting Centre, dem führenden Medienkonzern der Region.