Capital-HistoryWie die Asienkrise die Tigerstaaten in die Knie zwang

Aus Wut über Preiserhöhungen schleudern Männer Steine auf ein Geschäft in der indonesischen Stadt Medan. Es ist Mai 1998, seit über einem halben Jahr trudelt das Land immer tiefer in die Krise, Millionen Indonesier sind in die Armut gestürzt. Ihre Verzweiflung entlädt sich häufig – wie auch hier – in Gewalt gegen ethnische Chinesen. Gerüchte besagen, dass die wirtschaftlich erfolgreichste Bevölkerungsgruppe des Landes die Krise mitverursacht habe und davon profitiere
Aus Wut über Preiserhöhungen schleudern Männer Steine auf ein Geschäft in der indonesischen Stadt Medan. Es ist Mai 1998, seit über einem halben Jahr trudelt das Land immer tiefer in die Krise, Millionen Indonesier sind in die Armut gestürzt. Ihre Verzweiflung entlädt sich häufig – wie auch hier – in Gewalt gegen ethnische Chinesen. Gerüchte besagen, dass die wirtschaftlich erfolgreichste Bevölkerungsgruppe des Landes die Krise mitverursacht habe und davon profitieredpa

Leise und fast unbemerkt hat der Krieg angefangen. Welche Wut er inzwischen entfacht, erkennen manche erst, als zwei alte Männer einander auf offener Bühne an die Gurgel gehen. 1997, das vorletzte Wochenende im September. Weltbank und Internationaler Währungsfonds haben zur Jahrestagung nach Hongkong geladen. Ein Weltwährungstreffen, noch dazu in Asien – normalerweise wären da Diplomatie, Höflichkeit und Gesichtswahrung zu erwarten.

Stattdessen erlebt ein so fasziniertes wie fassungsloses Publikum aus Finanzministern, Notenbankern und Ökonomen das exakte Gegenteil. „High Noon in Hongkong“, resümiert ein Weltbank-Mitarbeiter später.

Mahathir bin Mohamad glaubt an eine Verschwörung von Spekulanten gegen das aufstrebende Asien. Seine Tiraden wider die „Profiteure“ haben antisemitische Untertöne.
Mahathir bin Mohamad glaubt an eine Verschwörung von Spekulanten gegen das aufstrebende Asien. Seine Tiraden wider die „Profiteure“ haben antisemitische Untertöne. (Foto: dpa)

Der erste der beiden Gegner tritt am Samstag ans Rednerpult. Malaysias Premierminister Mahathir bin Mohamad, 71, ist wütend: Seit Juli flieht Kapital in gewaltigen Mengen aus seinem Land, die Landeswährung Ringgit hat um 20 Prozent nachgegeben. Die Schuldigen hat Mahathir längst ausgemacht: Währungsspekulanten, „deren Reichtum daraus erwächst, dass sie andere in Armut stürzen“. Sofern der Devisenhandel nicht der Finanzierung realer Geschäfte diene, sei er „unnötig, unproduktiv und unmoralisch“. Ja, er „sollte verboten werden“. Devisenhändler, ereifert sich Mahathir, seien „skrupellose Profiteure“.

Er nennt keine Namen, aber jeder im Saal weiß, wen er meint: den Finanzjongleur George Soros, 67. Wenige Jahre zuvor hat Soros mit Milliarden gegen das britische Pfund gewettet und gewonnen; der Coup brachte ihm Weltruhm. Mahathir hat dem Amerikaner wiederholt vorgeworfen, er würde gegen den Ringgit wetten. Hat Soros gar einen „Deppen“ („moron“) genannt.

Der „Depp“ nimmt den Fehdehandschuh auf. Weil er mit einer Attacke von Mahathir rechnete, hat Soros darauf gedrängt, auf die Rednerliste zu kommen. Mit Erfolg. Und so keilt er am Sonntagabend zurück. „Dr. Mahathirs gestriger Vorschlag, den Devisenhandel zu verbieten, ist dermaßen unangebracht, dass er keiner ernsthaften Erwägung wert ist“, giftet Soros. „Dr. Mahathir ist eine Bedrohung für sein eigenes Land.“

„Skrupellos“, „Depp“, „Bedrohung“ – Beleidigungen wie auf dem Fußballplatz. Dabei ist im September 1997 noch längst nicht das Ausmaß der ökonomischen Kernschmelze abzusehen, die als Asienkrise in die Wirtschaftsliteratur eingehen wird.

Seit dem Ende des Kalten Kriegs haben Wirtschaftsbosse und Staatenlenker die Weltwirtschaft neu sortiert, neue Regeln gesetzt, neue Märkte erschlossen. Die Globalisierung ist in vollem Lauf – und die Asienkrise ist ihre erste große Systemstörung. Sie befällt nicht ein einzelnes Land mit schlechten Fundamentaldaten, sondern steckt eine ganze Weltregion an – weitgehend ungeachtet dessen, wie solide oder wackelig die einzelnen Volkswirtschaften tatsächlich dastehen.

In dieser Krise geht es nicht nur um einen Ausgleich zwischen Gläubigern und Schuldnern. Es geht auch um Moral und globale Gerechtigkeit. Wie wird das neue Weltwirtschaftssystem gestaltet? Wer macht die Spielregeln? Wer setzt die eigenen Interessen durch, und welcher Instrumente bedient er sich dabei?

Noch heute sagen Asiaten übrigens nicht Asienkrise, wenn sie über das Desaster von 1997/98 sprechen. Sie nennen es: die IWF-Krise.