Capital-HistoryWie das Bretton-Woods-System zusammenbrach

Richard Nixon
Ein Präsident, der die große Geste liebt: Im August 1971 versetzt Richard Nixon dem Währungsabkommen von Bretton Woods mit dem „Nixon-Schock“ den Todesstoß. Er kündigt an, dass die USA Dollar vorläufig nicht mehr in Gold umtauschen werdendpa

Der mächtigste Mann der Welt und sein Redenschreiber haben eines gemeinsam: Sie verstehen nichts von Wirtschaft. Eigentlich interessieren sie sich nicht einmal dafür. Doch ausgerechnet diese beiden – Präsident Richard Nixon und sein Redenschreiber William Safire – werden die größte wirtschaftliche Niederlage der USA in einen medialen Triumph verwandeln.

Es ist Freitag, der 13. August 1971, als Richard Nixon kurzfristig eine Handvoll Leute in die Berge beordert: nach Camp David, zum abgeschiedenen Landsitz des Präsidenten in den Appalachen. Nur 20 Minuten Hubschrauberflug von Washington entfernt, aber unerreichbar für aufdringliche Reporter. Nixons Anweisung ist eindeutig: ausreichend Kleidung für ein Wochenende einpacken und kein Sterbenswörtchen zu niemandem – nicht einmal zu den eigenen Ehefrauen.

Nixons Redenschreiber beunruhigt das nicht. Krisenkommunikation ist Alltag für den 41-jährigen Safire, der mit Nixon mehrere Wahlkämpfe bestritten hat. Zwei Tage vor der ersten Mondlandung etwa hat er die Rede verfasst, mit der der Führer der freien Welt den Amerikanern das katastrophale Scheitern der Mission verkündet hätte. Neil Armstrong und Edwin Aldrin seien für „Wahrheit und Verstehen“ gestorben, textete er mit Pathos. Aber das Memo wurde dann doch nicht gebraucht.

Nun, im Hubschrauber auf dem Weg nach Camp David, plaudert Safire mit seinem Sitznachbarn über das anstehende Treffen. Er habe gehört, dass Nixon „das Goldfenster schließen“ wolle, erzählt er unbefangen über den Lärm der Rotoren hinweg. Die Reaktion fällt unerwartet aus. Sein Gesprächspartner flüstert „Oh mein Gott“ und vergräbt das Gesicht in den Händen. Er arbeitet im Finanzministerium. Anders als Safire weiß er, worum es geht.

Fast drei Jahrzehnte lang hat das Währungssystem von Bretton Woods den weltweiten Handel und den globalen Aufschwung beflügelt. Anfang der 70er-Jahre aber steckt es tief in der Krise. Jeder verfolgt seine eigenen Interessen. Der lange Wirtschaftsboom geht in den USA und in vielen Ländern Europas zu Ende. Die Inflation steigt. Und langsam zerbröselt so das Fundament von Bretton Woods: das Vertrauen in den Dollar.

Die USA haben nach dem Krieg zugesagt, jederzeit Dollar zu einem festen Kurs in Gold zu tauschen – und damit die US-Währung zum Rückgrat des Welthandels gemacht. Aber im August 1971 vertraut niemand, der eins und eins zusammenzählen kann, mehr darauf, dass die USA ihre Verpflichtung noch einhalten können. Die Ersten sind längst aus dem Dollar geflohen, und immer mehr folgen. Nixon weiß, dass die US-Regierung handeln muss. Er hätte es mit Reformen versuchen können. Aber er wählte den brutalen Befreiungsschlag. Den Nixon-Schock.

An diesem Wochenende wird der US-Präsident das „Goldfenster“ tatsächlich schließen. Es ist das Ende des internationalen Währungssystems, das 27 Jahre lang die Weltwirtschaft geprägt hat. Und es ist das Ende eines Mythos: dass der Dollar genauso gut und sicher ist wie Gold.