History-SerieWie ein Börsenbeben zur Gründung der US-Zentralbank führte

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Der Banker steht nach der vorläufigen Rettung der Trust Company of America auf dem Höhepunkt seiner Popularität. In den Zeitungen des nächsten Tages wird er bejubelt. Morgans Schwiegersohn und Biograf Herbert Satterlee beschreibt die morgendliche Kutschfahrt als Triumphmarsch: „Schutzleute und Kutscher, die ihn kannten, riefen ‚Da fährt der alte Mann‘ oder ‚Da fährt der große Chef‘, und die Menschen, die das hörten, verstanden, um wen es ging, und rannten neben dem Wagen her, um einen Blick auf ihn zu erhaschen.“ Selbst Präsident Roosevelt lässt sich von seinem Finanzminister zu einem öffentlichen Lob für die „konservativen und ernsthaften Geschäftsleute“ überreden, die in der Krise „mit solch Weisheit und Gemeinsinn“ gehandelt hätten.

Ab jetzt versuchen Morgan und seine Mitarbeiter, die Beliebtheit ihres Anführers zu nutzen, um die Öffentlichkeit zu beruhigen. Nicht jedes wankende Institut kann ausreichend mit Bargeld versorgt werden, umso wichtiger also, dass die allgemeine Panikstimmung sich legt. Sie gründen eine Art Presseabteilung, die alle Rettungsmaßnahmen sofort an die Zeitungen weiterleiten soll. Selbst Priester werden gebeten, zwei Botschaften von den Kanzeln zu predigen: Ruhe bewahren – und Banken nicht plündern! Die Gottesmänner bieten sogar ausdrücklich Seelsorge für furchtsame Anleger an. Am wichtigsten aber sind Morgans eigene Auftritte vor den Reportern. Bei einer Gelegenheit sagt er: „Wenn die Menschen ihr Geld in den Banken behalten, wird alles in Ordnung sein.“ Es ist sein Merkel-Steinbrück-Auftritt, seine Ein-Mann-Garantie.

Zu viel Macht

Auch die geschickteste Krisen-PR allerdings kann nicht verhindern, dass der Wall Street Anfang November noch einmal der Kollaps droht. Morgan arbeitet zu diesem Zeitpunkt an einer Übernahme des Eisenproduzenten TC&I durch U. S. Steel, um einen dramatischen Kursverfall der TC&I-Aktien aufzuhalten, der die ganze Börse ins Rutschen bringen könnte. Gleichzeitig brauchen mehrere Trusts erneut Geld – und die Bereitschaft der anderen Institute, noch einmal zuzuschießen, ist gering. Beide Probleme zusammen könnten alle bisherigen Rettungsaktionen zunichtemachen.

Morgan entscheidet sich in dieser Lage zu einem Schritt, der in die Geschichte eingehen soll: Er schließt die Chefs der Trusts in seiner Bibliothek ein. Niemand kann das Gebäude verlassen, bevor er sich nicht bereit erklärt mitzumachen. Unter Morgans Druck wagen auch die mächtigen Banker nicht mehr, sich der Rettungsaktion zu verschließen. Als es ihm dann auch noch gelingt, die von ihm mitgegründete U. S. Steel zur Übernahme von TC&I zu bewegen, ist das Schlimmste tatsächlich überstanden.

J. P. Morgan hat seinen letzten großen Auftritt gehabt, selbst Gegner wie Roosevelt bescheinigen ihm, dass er die Volkswirtschaft vor Schlimmerem bewahrt hat. Doch bald schon melden sich Kritiker, denen graut, wie viel Macht da in den Händen eines einzigen Mannes gelegen hat. Was, wenn er diese Macht nicht nur nutzt, um eine Krise zu entschärfen – sondern auch, um die Wirtschaft nach seinen Wünschen zu gestalten?

Eine immer wiederkehrende amerikanische Debatte wird durch ein weiteres Kapitel ergänzt: Wie viel Ordnung und Kontrolle braucht der Markt? Wie weit soll er die von ihm ausgelösten Krisen selbst bewältigen? Nach dem Chaos von 1907 setzt sich die Überzeugung durch, dass die USA eine Zentralbank brauchen, die in Notsituationen den Markt mit Liquidität versorgen kann. Es ist keine ganz neue Idee, aber diesmal ist der Druck groß genug, sie tatsächlich umzusetzen. Im November 1914 nimmt die Fed ihre Arbeit auf.

Geräuschlos? Widerstandslos? Natürlich nicht. Immer wieder geht es in hitzigen Diskussionen um die Machtkonzentration bei der Fed, und die Kritik kommt bei Weitem nicht nur von links. „Die Finanzeliten dieses Landes“, schreibt der libertäre Ökonom Murray N. Rothbard, „haben das Federal Reserve System durchgedrückt, und zwar als vom Staat geschaffenes und sanktioniertes Kartell, das es den Banken erlaubte, die Geldschöpfung auszuweiten, ohne dafür umgehend von ihren Kunden abgestraft zu werden.“ Die Fed ist aus dieser Sicht nur ein Weg von Morgan & Co., die Kontrolle in der Hand zu behalten.

Ein Vorwurf, der nie alt zu werden scheint. Ein gutes Jahrhundert nach der Krise von 1907 erschüttert die Lehman-Pleite die Welt, und gemeinsam mit dem Fed-Chef Ben Bernanke muss der Finanzminister Hank Paulson die Kartoffeln aus dem Feuer holen. Sein letzter Job davor: CEO bei Goldman Sachs.