History-SerieWie ein Börsenbeben zur Gründung der US-Zentralbank führte

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Menschenauflauf an der Wall Street im Oktober 1907
Menschenauflauf an der Wall Street im Oktober 1907

Ein Problem sind die Trusts. Weil sie lascher reguliert sind als Banken, lagern bei ihnen auch mehr Risikoanlagen. Morgan versammelt eine Gruppe von Vertrauten aus den Finanzzirkeln, um mit ihnen festzulegen, welche Institute systemrelevant sind und gerettet werden müssen – und welche nicht.

Schon am Dienstag nach Morgans Rückkehr, es ist der 22. Oktober, stellt sich heraus, dass die Zeit zu knapp ist, um die Lage der bedrohten Trusts in Ruhe zu prüfen. Nachdem sich mehrere Banken geweigert haben, von Knickerbocker ausgestellte Schecks einzulösen, kommt es zu einem Ansturm auf deren Zentrale in der 5th Avenue. Im Schalterraum quetschen sich die Schlangestehenden, bis sich kaum einer mehr bewegen kann, alle wollen ihre Schecks einlösen. Die Polizei soll für Ruhe und Ordnung sorgen, doch nach einigen Stunden stellt der Trust die Geschäfte ein. Der Andrang ist nicht mehr zu bewältigen.

Am Nachmittag desselben Tages fordert der immer noch erkältete Morgan Hilfe aus Washington an: George B. Cortelyou, seit März Finanzminister, kommt nach New York. Morgans Anfrage klingt eher nach Befehl als nach Bitte, doch auch Cortelyou ist klar, dass die Regierung bei der Rettung des Bankensystems mitspielen muss. Der Finanzminister sagt zu, öffentliche Gelder zuzuschießen und den Banken Staatsanleihen abzukaufen, um wieder Liquidität ins System zu bringen.

Als mit der Trust Company of America das nächste große Haus zu wanken beginnt und ähnliche Szenen drohen wie bei Knickerbocker, beschließt Morgan, dass die Zeit zum Handeln gekommen ist. Nachdem er sich hat bestätigen lassen, dass der Trust im Kern liquide ist, sagt er zu seinen engsten Vertrauten: „Das ist der Punkt, ab dem wir dem Ärger ein Ende bereiten sollten.“ Morgan lässt sich die Wertpapiere des Trusts als Sicherheit vorbeibringen und präsentiert sie den Chefs der beiden größten Banken an der Wall Street – der National City Bank und der First National Bank. Sie sind einverstanden, sofort 3 Mio. Dollar in bar bereitzustellen: die Summe, die nötig ist, um einen Ansturm erst einmal zu überstehen.

Doch schnell wird klar, dass das Geld nicht reicht. Morgan versammelt die Chefs der großen anderen Trusts, um ihnen weitere Zugeständnisse abzuringen. Als die sich zieren, fragt er jeden einzelnen mit drohendem Blick, wie viel er zu geben bereit sei, und notiert das Ergebnis auf einem Zettel. Die eingeschüchterten Besucher lenken ein. Entwarnung für die Trust Company of America. Doch alle Beteiligten wissen, dass es weiter vor allem um Schadensbegrenzung geht. Eine heftige Rezession in den USA ist schon absehbar. Der Vertrauensverlust bei Investoren ist groß, und weil kaum einer mehr Kredit geben will, mehren sich die Firmenpleiten.

Ein Triumph

Zudem ist die Krise zu diesem Zeitpunkt längst keine rein amerikanische mehr. Schon damals sind Banken und Trusts international verflochten. Im Laufe des Jahres 1907 werden Banken in Ägypten, Japan, Deutschland, Holland und Südamerika gestürmt. Das Grundproblem ist die dramatische Kreditklemme durch den Ausfall der US-Investoren. Der Kern der Krise liegt in New York. Also muss die Lösung der Krise auch aus New York kommen. Von John Pierpont Morgan.