History-SerieWie ein Börsenbeben zur Gründung der US-Zentralbank führte

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Morgan besteigt am Abend des 19. Oktober einen privaten Zug nach New York. Der Banker bringt aus Richmond eine heftige Erkältung mit. Seine Augen tränen, seine Nase – wegen einer Hautkrankheit ohnehin stets rot – ist geschwollen, seine Stimme krächzt. In der Finanzmetropole wird er trotzdem erwartet wie der Heiland. Es gibt zu dieser Zeit keine garantierte Einlagensicherung für Bankkunden, auch das gegenseitige Stützsystem der Finanz-institute taugt wenig. Einen „lender of last resort“, der in Krisensituationen fehlende Liquidität bereitstellen kann, haben die USA nicht, da sich das Konzept einer Zentralbank bis dato nicht durchgesetzt hat. In einer solchen Lage wird eine Autorität benötigt, die der Finanzbranche die Richtung weist. Dafür kommt nur J. P. Morgan infrage.

Der 70-Jährige trägt an der Wall Street den Spitznamen „Jupiter“, und tatsächlich hat seine Stellung gottgleiche Züge. Sein Haus ist an fast allen großen Deals beteiligt, gegen ihn lässt sich kaum ein größeres Geschäft gefahrlos durchziehen. Zugleich vertraut er auf strategische Absprachen eines kleinen, feinen Zirkels von Bankern und Industriellen. Er liebt es, den Markt über ein Geflecht persönlicher Beziehungen zu steuern. Dagegen verachtet er waghalsige Finanzjongleure wie Heinze, die vor allem kurzfristige Spekulationsgewinne einfahren wollen.

Unter Morgans Beteiligung sind US-Großkonzerne wie General Electric und U. S. Steel entstanden, die seiner Vorstellung davon entsprechen, wie die amerikanische Industrie organisiert sein sollte: geführt von einer Handvoll fähiger Manager, die einander kennen und achten und die Probleme bei einer Havanna miteinander ausräumen. Für diese Art des Geschäftemachens, das kaum auf lebendigen Wettbewerb setzt, etabliert sich sogar ein eigener Begriff: das „Morganizing“. Das Prinzip leitet Morgan auch in der Krise von 1907. Später fasst er es selbst in einem einzigen Satz zusammen: „Ein Mann, dem ich nicht vertraue, könnte kein Geld von mir bekommen, und wenn er alle Wertpapiere der Christenheit als Sicherheit vorlegen würde.“

Präsident auf Bärenjagd

Theodore Roosevelt war von 1901 bis 1909 US-Präsident
Theodore Roosevelt war von 1901 bis 1909 US-Präsident

Es gibt allerdings einen Mann, der mit Morgan und seinem Verständnis von Wirtschaft nur wenig anfangen kann: der amtierende US-Präsident Theodore Roosevelt. Roosevelt misstraut den großen Industriekonglomeraten und fürchtet ihren Hang zum Monopol. Im Mai 1907 warnt der Präsident in einer Rede, das Eigentum der Bürger sei „weniger von Sozialisten oder Anarchisten bedroht als vom räuberischen reichen Mann“ – eine Haltung, in der viele Kritiker einen Grund für die Verschärfung der Krise sehen: Das öffentliche Misstrauen gegenüber dem Finanzsektor habe die Unsicherheit am Markt noch angefacht.

Einige Jahre zuvor hat Roosevelt ein Eisenbahnunternehmen Morgans in einem Kartellverfahren zerschlagen. Es war nur der Anfang eines erbitterten Kampfes gegen die amerikanischen Monopole. Tatsächlich sind die gemischten Industrie- und Finanzkonzerne, die sich in den USA herausgebildet haben, eine Schwachstelle des Systems. Diese sogenannten Trusts, zu denen auch der bedrohte Knickerbocker-Konzern gehört, werden um einiges schwächer reguliert als echte Banken, obwohl sie im Grunde ähnliche Funktionen erfüllen. So dürfen sie direkt an der Börse investieren und müssen weniger Reserven für ihre Einlagen vorhalten als die Banken. Verflochten wie sie sind, stellen sie ein ähnlich großes Risiko dar wie die US-Finanzkonzerne, die genau ein Jahrhundert später erneut die Wall Street zum Beben bringen werden.

Bloß: Als sich die Krise in New York zuspitzt, ist Roosevelt verhindert. Er jagt Schwarzbären in Louisiana. Also bleibt es an dem von Washington argwöhnisch beäugten J. P. Morgan, sich der Katastrophe entgegenzustemmen.

Polizei stoppt keine Pleite

Morgans Hauptquartier ist seine Bibliothek in der 36. Straße, ein Gebäude im neoklassizistischen Stil, mit Renaissancegemälden an den Wänden und seltenen Manuskripten in den Regalen. Dieses Haus, in dem sich heute ein Museum befindet, wird in den kommenden Wochen zu einem Schlachtfeld – und zu einer Ikone der amerikanischen Wirtschaftsgeschichte.

Nach seiner Ankunft braucht Morgan den ganzen Sonntag, um sich einen Überblick über die Lage zu verschaffen. Banker und Trust-Chefs geben sich in der Bibliothek die Klinke in die Hand, und Morgan wird immer klarer, dass vor allem die wachsende Panik irgendwie gestoppt werden muss. „Das schlimmste und gefährlichste Phänomen aus Sicht der Wall Street ist die Aufregung in der Öffentlichkeit“, schreibt das „Wall Street Journal“. Vor der Bibliothek haben sich Reporter versammelt, die mitbekommen haben, dass „Jupiter“ wieder in der Stadt ist.