History-SerieWie ein Börsenbeben zur Gründung der US-Zentralbank führte

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Doch eine echte Panik gibt es nicht. Noch nicht. Die Wall Street hofft weiterhin, mit einem blauen Auge davonzukommen. Dann aber betritt ein Mann die Bühne von New York, der bereit ist, in dieser heiklen Situation ein aberwitziges Husarenstück aufzuführen – dessen Scheitern eine Lawine ins Rollen bringt.

Fritz Augustus­ Heinze
Der „Kupferkönig“ Fritz Augustus­ Heinze ist ein Unternehmer, wie ­Morgan sie hasst: gierig und ­abenteuerlustig. Sein Vermögen machte er mit dem Verklagen von Minenbesitzern

Fritz Augustus Heinze, Sohn eines wohlhabenden deutschen Einwanderers, hat im Kupferbergbau ein Vermögen gemacht. Er gilt als Unternehmer, der sich um Anstand wenig kümmert. In Butte, dem Kupfermekka von Montana, hat Heinze sein Geld weniger mit eigener Förderung verdient – sondern indem er eine juristische Lücke ausnutzt: Er kauft im großen Stil Grundstücke, die an Fördergebiete anderer grenzen. Wenn eine Kupferader auch nur ein Stück auf sein Territorium reicht, überzieht Heinze die Nachbarn mit Klagen – bis sie Strafe zahlen oder ihm sein Eigentum teuer abkaufen. Selbst der Rohstoffzar John D. Rockefeller berappt Geld, um endlich Ruhe zu haben. Mit voller Kriegskasse kommt Heinze 1907 im Alter von 37 Jahren nach New York. Er ist ein Frauenheld, der weder einem Trinkgelage noch einer Schlägerei aus dem Weg geht. Und ein Spieler, der jetzt auf dem ganz großen Pokertisch gewinnen will.

Ein Husarenstück geht schief

Mit seinen Brüdern Otto und Arthur betreibt Heinze eine kleine Brokerfirma. In dem sowieso schon nervösen Markt wollen sie im großen Stil Aktien der United Copper Company aufkaufen – eines Unternehmens, das Heinze einst selbst gegründet hat. Um die Käufe zu finanzieren, leihen sich die Brüder Geld bei anderen Brokern. Wie so oft bei Heinze geht es bei dem Kauf um ein verborgenes Ziel. Der Wall-Street-Neuling glaubt fest, dass Börsianer im großen Stil auf fallende Kurse setzen und heimlich Leerverkäufe mit Anteilen von United Copper getätigt haben. Bei diesen Leerverkäufen leihen sich Spekulanten Aktien eines Unternehmens und verkaufen sie umgehend zum geltenden Kurs. Wenn der Kurs später fällt, können sie die Aktien deutlich günstiger ersetzen und dem Verleiher zurückgeben. Die Differenz ist ihr Gewinn.

Heinze ist sicher, dass das in großem Stil geschehen ist – und dass er eine Mehrheit an United Copper zusammenkaufen kann, die die Leerverkäufer in die Bredouille bringen wird. Er will den Preis hochtreiben und die Spekulanten zwingen, sich aus Mangel an Alternativen zum gestiegenen Preis bei ihm einzudecken.

Doch der waghalsige Plan scheitert. Als die Heinzes am 15. Oktober beginnen wollen, die Leerverkäufer in die Enge zu treiben, stellt sich heraus, dass die Brüder ihre eigene Kontrollmacht überschätzt haben. Die Menge der gehandelten Aktien ist durch Leerverkäufe längst nicht so aufgebläht, wie sie dachten – tatsächlich sind viel mehr „echte“ Papiere an der Börse als erhofft. Kein Leerverkäufer ist gezwungen, zu überhöhten Preisen bei den Heinzes zu kaufen. Stattdessen haben die Heinzes nun ein Problem: Sie haben mehr Aktien gekauft, als sie bezahlen können. Als das bekannt wird, ist der Teufel los auf der „Curb“ – dem Bereich außerhalb des Börsengebäudes, wo der Handel abgewickelt wird. „Niemals hat es derart wilde Szenen auf der Curb gegeben“, schreibt das „Wall Street Journal“ in seiner Ausgabe vom 17. Oktober. Binnen Stunden fällt der Kurs der United Copper ins Bodenlose, und die Heinzes sitzen auf einem Schuldenberg.

Der gottgleiche Banker

Die Pleite der Brüder löst eine Kettenreaktion aus, und die triste Stimmung an der Wall Street wird zur echten Panik. Zunächst gehen die Institute in die Knie, bei denen sich die Heinzes Geld geliehen haben, das sie nun nicht zurückzahlen können. Dann trifft es die Mercantile National Bank, deren Präsident und wichtiger Anteilseigner Fritz Augustus Heinze ist. Verunsichert ziehen die Kunden ihr Geld ab, es kommt zu einem Bank-Run, der sich auf andere kleinere Banken ausweitet. Und schließlich gerät ein Unternehmen in den Strudel, das zu den angesehensten an der Wall Street gehört: die Knickerbocker Trust Company, ein Institut mit fast 18.000 Kunden. Die Börse ist geschockt, der Dow Jones stürzt allein im Oktober 1907 um über 15 Prozent und erlebt einen der schlimmsten Monate seiner Geschichte.

Als es für den Knickerbocker Trust eng wird, ist allen klar, dass die Krise nun das Herz der Finanzwirtschaft erreicht hat. Es ist der Moment, in dem J. P. Morgan die Kirchenversammlung in Richmond verlässt und nach New York zurückkehrt. Der alte Mann wird gebraucht.