GastbeitragWie Bürokratie und Technokratie uns den Fortschritt rauben

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Es ist höchste Zeit, sich an ein Regulativ zu erinnern, welches nach Erkenntnissen der Psychologie und Hirnforschung in den Prozessen unseres Gehirns fest verankert ist: Entscheidungen werden nicht ausschließlich rational getroffen, sondern bedürfen der Zustimmung von subjektiven und emotionalen Kriterien des Entscheiders. Den wahren Unternehmer zeichnet der Wille aus, sich einer unkalkulierbaren Ungewissheit bewusst zu stellen, auch und gerade wenn Ratio und Objektivität an ihre Grenzen stoßen. Unser Gehirn hilft aus: fehlende Fakten werden durch subjektive Annahmen, manchmal durch erfahrungsgemäße Plausibilität, manchmal durch visionäre Vorstellungskraft ersetzt. Durch Annahmen, die von der persönlichen Vita des Entscheiders beeinflusst sind und auf persönlichen Erfahrungen und Zielen beruhen. Erst dieser Mechanismus gibt innere Sicherheit und Mut. In dieser Überzeugung kann man durchaus „ruhig schlafen“ und seine Entscheidungen auch bei Widerständen „durchtragen“, wie es schon bei Schumpeter heißt.

Mehr Künstliche Intelligenz, weniger Bauchgefühl

Das Selbstverständnis der Manager und Politiker und die Erwartungen von außen versuchen jedoch, derartigen subjektiven und suspekt empfundenen Einfluss zu verdrängen oder gar zu bekämpfen. Die Erwartungen an die künstliche Intelligenz verstärken die Gefahr, dass das Bauchgefühl, diese wundersame und essenzielle unternehmerische Tugend, überflüssig erscheint und immer mehr verkümmert. Dabei wissen wir nicht erst mit dem Harvard-Evolutionspsychologen Joseph Henrich, dass die kulturelle Evolution des Menschen sich im Wesentlichen durch psychologische und institutionelle Anpassungen vollzieht. Wenn heute immer häufiger von einer Koevolution der künstlichen Intelligenz gesprochen wird, dann kann dies bedeuten, dass wir immer mehr Entscheidungen abgeben, Dinge verlernen, unsere Instinkte verkümmern und sich letztlich unsere eigene psychologische und kulturelle Evolution verändern wird.

Daher ist ein Paradigmenwechsel notwendig: weiche, subjektive, auch scheinbar „irrationale“ Faktoren müssen wieder „hoffähig“ werden. Dafür spricht allemal, dass die Zukunft angesichts epochaler Umbrüche weniger denn je eine Verlängerung der Gegenwart sein wird und sein kann. Sich auf derart unbekanntem Terrain zu bewegen, macht es erforderlich, grobe Heuristiken zu entwickeln, wie Gerd Gigerenzer es nennt, also einfache und auch unter komplexen Bedingungen robuste Entscheidungsregeln. Es ist mitnichten unprofessionell, das Regulativ des „Bauchgefühls“ mit seinen Synonymen „Intuition“ oder „guter Riecher“ wieder stärker zu Rate zu ziehen. Besonders nischenorientierte Mittelständler und regionale Politiker können dadurch, im Vergleich zu multinationalen Großkonzernen oder der großen Politik, einen wichtigen Erfolgsfaktor ausbauen und am Ende sogar den Unterschied machen. Noch einmal Albert Einstein, diesmal mit einem gesicherten Zitat: „Alles, was zählt, ist die Intuition. Der intuitive Geist ist ein Geschenk und der rationale Geist ein treuer Diener. Wir haben eine Gesellschaft erschaffen, die den Diener ehrt und das Geschenk vergessen hat.“

Je stärker die künstliche Intelligenz uns in Zukunft dienen möge, indem sie uns Tätigkeiten abnimmt, desto wichtiger wird es sein, das Geschenk der menschlichen Vorstellungskraft gesellschaftlich und unternehmerisch mit Freude anzunehmen. Bürokratisches Verwalten und technokratisches Managen werden angesichts der großen Herausforderungen des Klimawandels und der Digitalisierung nicht jene neuen kreativen Lösungen erzeugen, die wir dringend benötigen. Das kühne Wagnis und die verrückte Idee werden die neuen (alten) Antriebe des Fortschritts sein. Dafür ist dringend eine kulturelle Erneuerung nötig – in der Politik, in den Unternehmen, in der Bildung und Ausbildung. Die Zukunft ist nur so offen, die Möglichkeiten nur so groß, wie wir uns sie vorzustellen vermögen. Reflexion und Fantasie sind die großen Fähigkeiten des Menschen, gerade dann, wenn es in Zeiten großer Unsicherheit darum geht, resilienter und nachhaltiger zu agieren.


Wolfgang Jarre ist Vorsitzender der Geschäftsführung von Lehmann & Voss & Co. KG. Der Ökonom Henning Vöpel ist Direktor des HWWI-Instituts und moderiert die Sendung „Hamburg 4.0 – Ideen. Impulse. Innovationen“.