Fake-ProdukteWie Betrüger die TV-Show „Die Höhle der Löwen“ missbrauchen

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Sensationelle Margen

Kurz darauf wechselten die Ben-Menachems die Branche. Am 10. Februar 2009 ließen sie die Website von Nathans Natural registrieren. Der Warenverkehr läuft nach unseren Recherchen seit spätestens 2011 über Großbritannien, derzeit über Spring Life mit dem ominösen Geschäftsführer A. B. Menh – ein Alias für Aziz Ben-Menachem, den ältesten Sohn. Das geht aus der Gründungsurkunde der Gesellschaft hervor, die uns vorliegt.

Billiganbieter aus Fernost versorgen die Betrüger mit individuell gestalteten Wunderpillen
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Mit seinem israelischen Ausweis hat Aziz die Firma im April 2015 angemeldet. Ein Büro hat die Spring Life nicht. Zunächst fungierte als Adresse eine israelische Agentur in London, seit September 2016 ist die Firma in der Great Chapel Street ansässig, wo sich aber nur ein Coworking-Komplex befindet. Die Ben-Menachems suchen die Diskretion. Ein Grund dafür könnte sein, dass die Mehrwertsteuernummer im Amazon-Verkäuferprofil von Nathans Natural und Spring Life laut einer Abfrage bei der EU-Kommission nicht vergeben ist.

Bevor die Tarnfirma Spring Life offiziell die Geschäfte übernahm, trat in England noch Avilan selbst in Erscheinung. Neben Ilan Ben-Menachem ist bei der Marketing-Bude in Brooklyn ein Mann namens Anthony Durazo Geschäftsführer. Der ließ sich 2014 für eine Firmenpräsentation des Unternehmens Asendia interviewen, eines Logistikers mit großem Warenlager in Bedford. Asendia, heißt es im Interview, wickele für Avilan monatlich etwa 30.000 Bestellungen ab. „Avilan trat 2011 an Asendia heran, weil das Unternehmen Unterstützung beim Versand von Nahrungsergänzungsmitteln benötigte.“

Von 100.000 Lagerartikeln ist die Rede. Da ein Pillendöschen im Verkauf zwischen 29 und 49 Euro kostet, geht der Warenwert also in die Millionen. Durazo gibt sich zufrieden: „Wir konnten unser Geschäft erfolgreich expandieren und unseren Gewinn steigern.“

Obwohl die Produkte angeblich in Europa produziert werden, findet sich im Interview der Hinweis, dass sich Avilan „direkt von unserer Niederlassung in Singapur betreuen“ lasse. Die Wundermittel dürften also Billigware aus Fernost sein.

Um herauszufinden, wie sich Diätpräparate unter eigenem Logo vertreiben lassen und was solche Pillen im Einkauf kosten, haben wir Kontakt zu Produzenten in Fernost aufgenommen. Mehrere Hersteller bieten geeignete Waren an. Eine Firma im chinesischen Shenzhen brüstet sich etwa damit, die meistverbreitete Diätpille der Welt zu produzieren. Bestandteile: Extrakt von Maulbeerblättern, Hiobstränen und Cassiasamen, medizinische Speisestärke sowie ein nicht näher aufgeschlüsseltes Diätmittel mit dem chinesischen Namen Daidaihua.

Der Kunde kann zwischen verschiedenen Verpackungen sowie Pillenfarben und -formen wählen, das gewünschte Branding wird gleich aufgedruckt. So lässt sich schnell ein „neues“ Produkt auf den Markt bringen, wenn das alte durch schlechte Kritiken verbrannt ist. Die Mindestbestellmenge liegt bei 5000 Stück. Preis pro Dose: 1,70 Dollar – das entspricht bei den gängigen Verkaufspreisen einer Marge von 2000 bis 3000 Prozent. Allein bei den 30 000 Bestellungen im Monat, die Avilan bereits 2011 angab, lange bevor das Werben mit den gefälschten „Höhle der Löwen“-Berichten begann, belief sich der Jahresgewinn des Unternehmens auf einen zweistelligen Millionenbetrag.

Wäre das Ganze nicht Betrug, müsste die „Löwen“-Jury begeistert sein von so viel Gründergeist.

Die Höhle der Löwen - das Magazin
Die Höhle der Löwen - das Magazin

Der Beitrag stammt aus der ersten Ausgabe des Magazins „Die Höhle der Löwen. Mittlerweile ist zur neuen Staffel der TV-Show die zweite Ausgabe des gleichnamigen Print-Magazins erschienen. Ein Heft über Gründer, ihre Ideen und Produkte – das die Geschichten hinter der erfolgreichsten deutschen Gründershow erzählt und erfolgreiche Unternehmer porträtiert. Am Kiosk erhältlich sowie bestellbar hier im Shop