Fake-ProdukteWie Betrüger die TV-Show „Die Höhle der Löwen“ missbrauchen

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Ein Detektiv observiert 2005 die Firma Avilan, die in einem ortstypischen Backsteinbau in Brooklyn sitzt
Ein Detektiv observiert 2005 die Firma Avilan, die in einem ortstypischen Backsteinbau in Brooklyn sitzt

US-Datenbanken spucken nur einen einzigen Nathan J. Felder aus, der das Alter des Mannes auf dem Foto haben könnte. Seine Polizeiakte hat zwei Einträge wegen Falschparkens. Er wohnt in einer einfachen Wohngegend von Miami. Street View zeigt unter der Adresse ein kleines Haus. Grüne Farbe bröckelt von der Fassade, vor dem Haus steht ein Gartenstuhl halb auf dem Bürgersteig, unter der vergilbten Markise hat jemand eine leere Bierflasche stehen lassen. Es sieht nicht aus, als residiere hier der Präsident eines multinationalen Konzerns.

Schnell wird klar: Hier versucht jemand, seine Identität zu verschleiern. Existiert der Unternehmer Nathan J. Felder vielleicht gar nicht? In einem Firmenregister taucht eine Adresse in New York auf: 1133 Broadway, Suite 706, New York, NY 10010. Die US Food and Drug Administration, die Behörde für Lebens- und Arzneimittel, Unterabteilung Betrug, versuchte im Februar 2017, Felder unter dieser Adresse einen Mahnbescheid zuzustellen, weil Nathans Natural ohne Genehmigung ein Arzneimittel vertreibe: Levodyn soll angeblich Krebs, Diabetes, Herzinfarkt und Schlaganfällen vorbeugen. Doch weder Felder noch seine Firma traf die Behörde am Broadway an. Kein Wunder, die Adresse ist einschlägig bekannt. Sie dient diversen Unternehmen als Briefkasten, auch in den „Paradise Papers“ wird sie erwähnt.

Das Amazon-Verkäuferprofil von Nathans Natural liefert weitere Hinweise. Das Unternehmen, heißt es dort, sei unter dem Namen Spring Life Naturals in den USA registriert, die Abwicklung in Europa laufe über die britische Spring Life LLC. Der erste Hinweis führt in den US-Bundesstaat Delaware, bekannt als Steueroase – und endet neben dem Coastal Highway. In einem blauen Holzhaus hat Harvard Business Services seinen Sitz, eine Agentur, die Firmen ihre Adresse leiht. Der nächste Briefkasten.

Auch in London gibt es keinen Firmensitz, sondern nur ein Coworking-Office. Als Geschäftsführer der amerikanischen wie auch der britischen Spring Life wird ein gewisser A. B. Menh angegeben – der Name findet sich auch auf diversen Produktseiten. Doch eine Personensuche läuft auch hier ins Leere. A. B. Menh scheint ebenso ein Phantom zu sein wie Nathan J. Felder.

Der Brooklyn-Clan

Alle Websites, die mit Nathans Natural oder Spring Life in Verbindung stehen, wurden anonym registriert. Bis auf eine: buynathansnatural.com. Die hat angeblich Nathan Felder selbst angemeldet. Die Rechnungsadresse führt zu einer kleinen Firma in Brooklyn, der Avilan Marketing LLC.

Die Coney Island Avenue ist eine stark befahrene Straße, die den Stadtteil parallel zum Ocean Parkway von Norden nach Süden durchquert. Unter dem Dach eines typischen New Yorker Backsteinhauses aus dem Jahr 1932 hat die Firma Avilan ihren Sitz, eine kleine Bude, spezialisiert auf Direkt- und Onlinehandel. Laut einer Auskunftei macht sie 120.000 Dollar Umsatz im Jahr.

Nebenan gibt es koschere Restaurants und Bagelshops, im ersten Stock schleift ein Dental-labor Zahnersatz, im Erdgeschoss bietet ein Obsthändler Ware an, der sich damit brüstet, Bill Clinton während seiner Präsidentschaft Ananas geliefert zu haben.

Avilan dürfte sich aus den Vornamen der beiden Brüder Aviv, 36, und Ilan Ben-Menachem, 35, zusammensetzen. Sie sind die ältesten Söhne von David und Chana Ben-Menachem, die vier weitere Kinder haben. Der Vater, in Tel Aviv geboren, kam 1979 in die USA und lehrte an verschiedenen Jeschiwas, jüdisch-orthodoxen Hochschulen, zuletzt in Brooklyn. Nebenher versuchte er, mit Immobilien Geschäfte zu machen. Er kaufte 14 Häuser, um sie wenig später wieder zu verkaufen, mit wenig Erfolg. 1997 erklärte ihn ein Gericht für bankrott. Er stand mehr als einmal vor dem Richter, -unter anderem verklagte ihn auch eine seiner Hochschulen erfolgreich auf mehrere Tausend Dollar Schadensersatz, aus unbekanntem Grund.

Zu diesem Zeitpunkt hatte die Familie Ben-Menachem allerdings bereits ein ganz anderes Problem. Im Auftrag von Cartier hatte seit Sommer 2005 ein Privatdetektiv den Clan observiert. Auf 15 verschiedenen Websites mit Namen wie Davids Luxury oder Branded Luxury verkauften die Ben-Menachems gefälschte Luxusuhren, darunter Plagiate der Glashütter Edelmanufaktur A. Lange & Söhne sowie Fälschungen von Panerai, Vacheron Constantin, Jaeger-LeCoultre, IWC und Piaget.

Der Detektiv bestellte zum Schein Ware und überführte den Clan. Am 23. Mai 2006 schlug die Staatsanwaltschaft zu. Beamte durchsuchten das Wohnhaus der Familie in Brooklyn sowie die Geschäftsräume von Avilan, der Firma der Söhne, die die betrügerischen Uhren-Websites registriert hatte. Der Fall wurde im Dezember 2007 unter dem Aktenzeichen 1:06-cv-03917 vor dem New Yorker Bezirksgericht abgeschlossen. Der Richter verurteilte David Ben-Menachem, seine Frau sowie die Söhne zu Schadensersatz in Höhe von 1 Mio. Dollar. Laut Urteil hatte die Familie jeden Monat für mehrere Hunderttausend Dollar gefälschte Uhren aus Hongkong und China verkauft und die Gewinne auf Offshore-Konten verschoben.