AnalyseWie bei Wirecard das Geld verschwand

Journalisten stehen vor dem insolventen Konzern Wirecard in Aschheim bei München.
Journalisten stehen vor dem insolventen Konzern Wirecard in Aschheim bei München. Hinter der Pleite steckt der mutmaßlich größte Bilanzskandal eines deutschen Dax-Konzerns imago images / Overstreet

Das Internet vergisst nicht. Auch keine Unternehmensmeldungen aus dem Jahr 2008. Am 4. März meldete Wirecard, dass die Deutsche Prüfstelle für Rechnungslegung (DPR), auch Bilanzpolizei genannt, im Konzernabschluss 2005 Fehler gefunden hat. Davon habe das Unternehmen im Oktober 2007 erfahren, heißt es in der Ad-hoc-Mitteilung.

Diese Uralt-Ad-hoc zeigt, dass Wirecard bei der Übernahme einer „Wire Card Technologies AG“ den wahren Wert der übernommenen Tochterfirmen verschleiert hat. Angaben zu Vermögenswerten und Schulden etwa blieben offen. Die Aktionäre wussten nicht, wofür Wirecard da Millionen ausgegeben hat. Da das Unternehmen zudem über Kaufpreis und Verkäufer schwieg, erfuhren sie auch nicht, wohin das Geld floss.

Solche fragwürdigen Übernahmen gab es bei dem seit Juni insolventen Bezahldienstleister aus Aschheim bei München nach Capital-Recherchen in den darauf folgenden Jahren immer wieder. Die Wirecard-Verantwortlichen schleusten über solche Deals von Anfang an systematisch Geld aus dem Unternehmen, vermutlich bis ins Jahr 2015. Viele der Zukäufe führen auf die Spur illegaler Transaktionen vor allem für Internetkasinos in den USA, die Wirecard über viele Jahre abwickelte. Auch wenn diese Geschäfte schon einige Jahre zurückliegen – sie erklären, warum langjährige Wirecard-Beobachter mit dem heutigen Bilanzskandal schon viel früher gerechnet haben.

Erste Meldung an die Bafin 2007

Die Ad-hoc-Meldung belegt darüber hinaus, dass die Bilanzpolizei zwischen eben jenem Oktober 2007 und dem März 2008 zum ersten Mal der Bankenaufsicht Bafin über Unregelmäßigkeiten in der Wirecard-Bilanz berichtet hat. „Wenn die DPR einen Fehler feststellt und das Unternehmen der Fehlerfeststellung zustimmt, wird die Bafin hierüber in Kenntnis gesetzt“, teilte die DPR Capital auf Anfrage mit. Die Bankenaufsicht wiederum fordert dann das Unternehmen dazu auf, die Fehler publik zu machen – dem ist Wirecard im März 2008 auch nachgekommen.

Der Fall „Wire Card Technologies AG“ führt zurück in die Frühphase des heutigen Dax-Konzerns. Am 14. März 2005 bringt Wirecard die Beteiligungsgesellschaft samt deren Tochterfirmen ein. Das Unternehmen war wenige Monate zuvor aus der Fusion der Electronic Billing Systems Holding (EBS) mit dem börsennotierten und wenig erfolgreichen Callcenter Infogenie hervorgegangen. Die „Wire Card Technologies AG“ gehörte zum vielverzweigten EBS-Imperium. Zu den Tochterfirmen zählte auch die Cardsystems FZ-LCC, die Dubai-Tochter, deren Geschäftsführer sich vor rund einer Woche der Staatsanwaltschaft München gestellt hat und der nun auspacken will. Warum brauchte Wirecard eine Tochter in Dubai? „Dort kann man Sachen machen, die sonst unter keiner anderen Finanzregulierung der Welt möglich sind“, heißt es aus Kreisen der Regulierungsbehörden.

 


Kennen Sie schon unseren Newsletter „Die Woche“? Jeden Freitag in ihrem Postfach – wenn Sie wollen. Hier können Sie sich anmelden


 

Die EBS erhält für die Wire Card Technologies AG über eine Kapitalerhöhung mehr als 42 Millionen Aktien für 2,18 Euro. Aussagen darüber, was an der neuen Tochter so wertvoll ist, fehlen. Der Kaufpreis lässt sich nicht nachvollziehen, Angaben zu Vermögenswerten oder Schulden fehlen. Trotzdem gibt Wirecard im Geschäftsbericht 2005 an, rund 43 Mio. Euro mehr bezahlt zu haben, als das Eigenkapital der Wire Card Technologies AG wert ist.

Ein solcher Aufpreis ist gerechtfertigt, wenn ein zugekauftes Unternehmen Patente oder Softwarelizenzen hält, sogenannte immaterielle Vermögenswerte. Da dieser Mehrbetrag aber auf das Eigenkapital gerechnet wird und damit den Unternehmenswert des Käufers aufbessert, muss nach Rechnungslegungsstandards angegeben werden, worin diese immateriellen Vermögenswerte bestehen. Im Fall des Wirecard-Deals 2005 fehlen die Angaben. Nach der Rüge der Bilanzpolizei liefert Wirecard in der Ad-hoc-Meldung aus dem Frühjahr 2008 eine nachträgliche, aber sehr allgemeine Erklärung: Die immateriellen Vermögenswerte der übernommenen Wire Card Technologies AG seien Verträge mit Drittpartnern, Kundenportfolien und Software. Doch eine nähere Begründung für den stattlichen Kaufpreis auf Kosten der Aktionäre – bei einer Kapitalerhöhung verlieren deren Anteile an Wert – bleibt Wirecard auch Anfang 2008 schuldig.

Verbindungen zur Glücksspielindustrie

Ähnliche Schludrigkeiten entdeckten der Anlegerschützerverband SdK und Investor Tobias Bosler auch im Geschäftsbericht 2007. Damals kauft Wirecard die Münchner Beteiligungsgesellschaft Trustpay. Laut Handelsregister geht die Trustpay aus der im Mai gegründeten Kapitalgesellschaft Blitz 07-210 hervor. Der Vorstand dieser Gesellschaft ist zu diesem Zeitpunkt 65 Jahre alt und wohnt in einem kleinen Dorf an der tschechischen Grenze. Wirecard-Vorstandschef Markus Braun sagt später auf Anfrage des SdK über diesen Vorstand, der Mann habe „operativ keine Bedeutung“. Dass es sich bei dem Vorstand um einen Strohmann handelt, zeigt auch das Innenleben der Trustpay.

Rund 43 Mio. Euro – auch finanziert über mehrere Kapitalerhöhungen – ist Wirecard 2007 die Übernahme wert. Unter dem Dach der Trustpay gibt es drei Tochterunternehmen, das interessanteste davon heißt „Wirecard Payment Solutions Holding Ltd.“, sitzt in der irischen Hauptstadt Dublin und hat wiederum eine Beteiligung namens „Wirecard Payment Solutions“. Deren Aktionäre sind unter anderem Dietmar Knöchelmann, John Carbone und Daniel Kershaw. Dieses Trio muss 2005 vor das oberste Gericht in der kanadischen Hauptstadt Toronto – wegen ihrer geschäftlichen Aktivitäten in der Glücksspielindustrie.

In dem Verfahren geht es um die Fusion der Internetkasinos Bingoworkz in Zypern und Gamewave auf den britischen Karibikinseln Turks and Caicos zu TGG Investments, mit der die drei Männer als Eigentümer oder Geschäftsführer verbandelt sind. Sie sollen im Rahmen der Fusion unter anderem Gelder veruntreut haben. Zu einem offiziellen Urteil kommt es nicht, das Verfahren wird an ein nicht öffentliches Schiedsgericht weitergeleitet.

Der Kanadier Carbone ist auch Chef der Gateway Financial Services Ltd, ein Unternehmen, das sich um Online-Zahlungsabwicklungen kümmert, etwa auch für Pokerwebsites – ähnlich wie Wirecard. Vor der Übernahme der „Wirecard Payment Solutions“ im Zuge des Trustpay-Deals hieß das Unternehmen „Gateway Payment Solutions“. Ein merkwürdiger Zufall? Auf Anfrage des SdK auf der Hauptversammlung 2008 gab Wirecard an, mit der Firma von Carbone nichts zu tun zu haben.

Neben ihren privaten Aktivitäten in Steueroasen sind Knöchelmann und Carbone auch in der Wirecard-Historie zu finden: Zwischen 2005 und 2006 sind sie Direktoren des offiziellen Wirecard-Geschäfts in Großbritannien und Irland. Als Wirecard dann 2007 Trustpay und deren irische Tochter für 43 Mio. Euro übernahm, profitierten also auch zwei ehemalige Geschäftsführer des Wirecard-Standorts in Dublin.

Teure Kundenportfolien

Wie in dem früheren Fall gibt Wirecard an, für den Trustpay-Kauf mehr bezahlt zu haben, als die Gesellschaft wert sein soll – in diesem Fall knapp 42 Mio. Euro. Für die Aktionäre bleiben die Gründe dafür nicht nachvollziehbar.

Die Trustpay-Übernahme läutet ein Reigen an Zukäufen bis 2015 nach dem immer gleichen Muster ein, wie Recherchen von Capital ergeben haben: Stets im Herbst kauft Wirecard eine Beteiligungsgesellschaft, die zu Jahresbeginn gegründet wurde. Viele der Zukäufe kommen aus dem Ausland: Sie stammen aus Gibraltar, Irland, Indonesien, weiteren asiatischen Ländern wie den Philippinen, der Türkei, Südafrika, Neuseeland, Indien, Brasilien und Rumänien. In vielen der Länder ist die Steuerpolitik lax, ordentliche Handelsregister gibt es nicht.

Die Herkunft und Eigentümerstruktur lässt sich so vertuschen – und damit auch, wohin die immer größer werdenden Millionenbeträge für die Zukäufe fließen. Über Kaufpreisgewinne erhöht Wirecard nach und nach auch den eigenen Unternehmenswert. Aber trotz des enormen Eigenkapitals und der angeblich üppigen Gewinnmargen nimmt das Unternehmen beinahe jährlich noch Geld am Kapitalmarkt auf.

Die immateriellen Vermögenswerte sind meist Kundenportfolien. Doch viele der neuen Töchter tragen in den Folgejahren immer weniger zum Umsatz bei und weisen ein negatives Eigenkapital auf. Vor allem die kleinen werden abgewickelt und abgeschrieben. Eine weitere Trustpay-Tochter etwa, die Webcommunications EDV, löst sich zwischen 2010 und 2011 in Luft auf. Trustpay selbst wird 2012 zu Wirecard Sales International.

Das illegale Geschäft

All das ist nicht zwangsläufig illegal. Aber 2006 schlägt Wirecard ein anderes Kapitel auf. In diesem Jahr wollen die USA illegalen Internetkasinos den Hahn abdrehen. „Das Verbot von Zahlungsdienstleistungen war die Geburtsstunde für Finanzdienstleister, die in der Lage sind, die rechtlichen Hürden zu umgehen. Das war der Kern des Geschäftsmodells von Wirecard in den USA“, sagt ein Insider der US-Glücksspielregulierung. Dieses Verbot ist so konstruiert, dass Finanzinstitute keine Umsätze der Online-Spielplattformen annehmen dürfen. Diese sind – etwa auf Kreditkartenabrechnungen – mit dem Handelscode MCC 7995 gekennzeichnet. Im Jahr darauf bemerkt der für die Bekämpfung von Finanzkriminalität zuständige US Secret Service, dass die Umsätze in der Floristikbranche – mit dem Handelscode MCC 5992 – erheblich zugelegt haben und leitet Ermittlungen ein.

Den Verdacht, dass Wirecard Umsätze über Blumenläden umcodieren könnte, nährt ein im Internet kursierendes Schreiben von Mastercard, das Capital vorliegt. Mastercard wirft darin Wirecard-Händlern und der Wirecard Bank vor, „abgelehnte Internet-Glücksspielverkäufe an ein alternatives, falsch kodiertes Händlerkonto weiterzuleiten, das dann genehmigt wird.“ Mastercard droht Wirecard deshalb eine Vertragsstrafe an. Auf Anfrage von Capital wollte sich Mastercard nicht zu den damaligen Vorgängen äußern.

Auf das Schreiben von Mastercard stößt 2010 auch der Münchner Investor Bosler. Es passt zu einem Gespräch, das er mit einem Wirecard-Mitarbeiter geführt hatte. Dessen Aussage zufolge gründet Wirecard kleine Internetshops, neben Blumenläden auch Reisebüros oder ähnliches. Noch heute ist die Homepage des philippinischen Reisebüros GI Corp aktiv, auf der Touristen Reisen buchen können (http://www.gicorpphil.com). „A Wirecard Company“ erfahren Besucher, die ganz nach unten scrollen. Dabei ist Wirecard nicht gerade als Reiseanbieter bekannt. Der Whistleblower berichtet weiterhin, dass Wirecard die Pseudoläden später kauft – sie könnten so Teil der Kundenportfolien in den zahlreichen Übernahmen geworden sein. Wirecard wollte auf Anfrage zu sämtlichen Vorgängen keine Stellungnahme abgeben.

Wirecard gibt Vertragsstrafen zu

Bosler stellt Strafanzeige. Akten aus einem Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft München I aus dem Jahr 2010, die Capital vorliegen, belegen, dass sich Wirecard in widersprüchliche Aussagen verstrickt: Zunächst gibt ein Wirecard-Rechtsanwalt in einem vom zuständigen Staatsanwalt dokumentierten Gespräch gegenüber der Bafin an, dass es Vertragsstrafzahlungen an Mastercard gibt. „Er erklärte, dass Wirecard öfter derartige Schreiben von Mastercard erhalte. Wirecard zahle dann etwaig anfallende Vertragsstrafen und reiche diese quasi im Innenverhältnis an ihren Kunden weiter“, notiert der zuständige Staatsanwalt. Knapp einen Monat nach diesem Gespräch teilt Wirecard der Staatsanwaltschaft offiziell mit, dass der an die Wirecard Bank gerichteten Brief von Mastercard gefälscht sei. Die Müncher Staatsanwaltschaft beschloss, die Echtheit des Schreibens nicht prüfen zu lassen.  Eine vertane Chance?

Wer illegale Umsätze aus der Glücksspielindustrie so umleitet, dass sie am Ende legal sind, kann theoretisch auch problemlos Geld für andere Aktivitäten waschen – etwa für Drogengeschäfte. Wie die Nachrichtenagentur AFP Anfang Juli berichtete, ist in den USA ein Deutscher festgenommen und angeklagt worden. Er soll US-Banken getäuscht haben, damit diese Debit- und Kreditkartenzahlungen über mehr als hundert Millionen Dollar für den Kauf von Marihuana-Produkten annehmen. Er soll ein Netzwerk an Briefkastenfirmen, falschen Internetseiten und Offshore-Konten dazu genutzt haben – etwas, bei dem Insider auch an Wirecard denken.

Verurteilung in den USA

Das erinnert auch an den Fall eines anderen Deutschen in den USA: Michael Olaf Schütt. Die Ermittlungsbehörden Secret Service und FBI spürten Schütt, einen registrierten Vertreter von 424 Firmen, im Jahr 2009 im US-Bundesstaat Florida auf. Schütt soll laut einem Bericht der örtlichen Zeitung „Naple News“ von 2010 seit 2007 40 Konten alleine bei der Bank of America eröffnet haben. Neun seiner Firmen erhielten Geld von einer britischen Firma namens Bluetool Ltd, insgesamt rund 70 Mio. US-Dollar. Die meisten Transaktionen flossen über die Wirecard Bank. Das Geld verteilte er per Scheck an Online-Spieler, meist aus dem Poker-Bereich. Schütt ist dafür verurteilt worden. Wirecard dementierte, mit Schütt etwas zu tun zu haben.

Bosler interpretiert das trotz des Dementis so: „Für Wirecard wurde das Geschäft mit der Glücksspielindustrie schwierig.“ Das Geschäft sollte nicht mehr über die USA laufen. Sein Verdacht: Danach habe Wirecard über Drittpartner Geschäft erfunden. Beweise gibt es dafür nicht. Aber es könnte erklären, wieso in jüngster Zeit auf den Philippinen Belege über 1,9 Milliarden gefälscht worden waren.

Wirecard hat es all die Jahre geschafft, dass die Behörden und Wirtschaftsprüfer die Ungereimtheiten, die Verflechtungen und dubiosen Netzwerke akzeptieren. Die Staatsanwaltschaft München I hat ihr Ermittlungsverfahren 2012 eingestellt. Der Wirtschaftsprüfer Ernst & Young hat 2008 sogar eine Sonderuntersuchung des Trustpay-Kaufs vorgenommen. Ein Jahr später übernimmt EY das Mandat des Abschlussprüfers. Die Sonderuntersuchung hat Wirecard als Entlastung interpretiert.

 


Die ganze Geschichte über die Geschäfte von Wirecard in den USA und die schon vor einem Jahrzehnt von Investoren erhobenen Geldwäschevorwürfe gegen den Konzern erscheint in Capital 08/2020. Interesse an Capital? Hier geht es zum Abo-Shop, wo Sie die Print-Ausgabe bestellen können. Unsere Digital-Ausgabe gibt es bei iTunes und GooglePlay