AnalyseWie bei Wirecard das Geld verschwand

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Das illegale Geschäft

All das ist nicht zwangsläufig illegal. Aber 2006 schlägt Wirecard ein anderes Kapitel auf. In diesem Jahr wollen die USA illegalen Internetkasinos den Hahn abdrehen. „Das Verbot von Zahlungsdienstleistungen war die Geburtsstunde für Finanzdienstleister, die in der Lage sind, die rechtlichen Hürden zu umgehen. Das war der Kern des Geschäftsmodells von Wirecard in den USA“, sagt ein Insider der US-Glücksspielregulierung. Dieses Verbot ist so konstruiert, dass Finanzinstitute keine Umsätze der Online-Spielplattformen annehmen dürfen. Diese sind – etwa auf Kreditkartenabrechnungen – mit dem Handelscode MCC 7995 gekennzeichnet. Im Jahr darauf bemerkt der für die Bekämpfung von Finanzkriminalität zuständige US Secret Service, dass die Umsätze in der Floristikbranche – mit dem Handelscode MCC 5992 – erheblich zugelegt haben und leitet Ermittlungen ein.

Den Verdacht, dass Wirecard Umsätze über Blumenläden umcodieren könnte, nährt ein im Internet kursierendes Schreiben von Mastercard, das Capital vorliegt. Mastercard wirft darin Wirecard-Händlern und der Wirecard Bank vor, „abgelehnte Internet-Glücksspielverkäufe an ein alternatives, falsch kodiertes Händlerkonto weiterzuleiten, das dann genehmigt wird.“ Mastercard droht Wirecard deshalb eine Vertragsstrafe an. Auf Anfrage von Capital wollte sich Mastercard nicht zu den damaligen Vorgängen äußern.

Auf das Schreiben von Mastercard stößt 2010 auch der Münchner Investor Bosler. Es passt zu einem Gespräch, das er mit einem Wirecard-Mitarbeiter geführt hatte. Dessen Aussage zufolge gründet Wirecard kleine Internetshops, neben Blumenläden auch Reisebüros oder ähnliches. Noch heute ist die Homepage des philippinischen Reisebüros GI Corp aktiv, auf der Touristen Reisen buchen können (http://www.gicorpphil.com). „A Wirecard Company“ erfahren Besucher, die ganz nach unten scrollen. Dabei ist Wirecard nicht gerade als Reiseanbieter bekannt. Der Whistleblower berichtet weiterhin, dass Wirecard die Pseudoläden später kauft – sie könnten so Teil der Kundenportfolien in den zahlreichen Übernahmen geworden sein. Wirecard wollte auf Anfrage zu sämtlichen Vorgängen keine Stellungnahme abgeben.

Wirecard gibt Vertragsstrafen zu

Bosler stellt Strafanzeige. Akten aus einem Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft München I aus dem Jahr 2010, die Capital vorliegen, belegen, dass sich Wirecard in widersprüchliche Aussagen verstrickt: Zunächst gibt ein Wirecard-Rechtsanwalt in einem vom zuständigen Staatsanwalt dokumentierten Gespräch gegenüber der Bafin an, dass es Vertragsstrafzahlungen an Mastercard gibt. „Er erklärte, dass Wirecard öfter derartige Schreiben von Mastercard erhalte. Wirecard zahle dann etwaig anfallende Vertragsstrafen und reiche diese quasi im Innenverhältnis an ihren Kunden weiter“, notiert der zuständige Staatsanwalt. Knapp einen Monat nach diesem Gespräch teilt Wirecard der Staatsanwaltschaft offiziell mit, dass der an die Wirecard Bank gerichteten Brief von Mastercard gefälscht sei. Die Müncher Staatsanwaltschaft beschloss, die Echtheit des Schreibens nicht prüfen zu lassen.  Eine vertane Chance?

Wer illegale Umsätze aus der Glücksspielindustrie so umleitet, dass sie am Ende legal sind, kann theoretisch auch problemlos Geld für andere Aktivitäten waschen – etwa für Drogengeschäfte. Wie die Nachrichtenagentur AFP Anfang Juli berichtete, ist in den USA ein Deutscher festgenommen und angeklagt worden. Er soll US-Banken getäuscht haben, damit diese Debit- und Kreditkartenzahlungen über mehr als hundert Millionen Dollar für den Kauf von Marihuana-Produkten annehmen. Er soll ein Netzwerk an Briefkastenfirmen, falschen Internetseiten und Offshore-Konten dazu genutzt haben – etwas, bei dem Insider auch an Wirecard denken.

Verurteilung in den USA

Das erinnert auch an den Fall eines anderen Deutschen in den USA: Michael Olaf Schütt. Die Ermittlungsbehörden Secret Service und FBI spürten Schütt, einen registrierten Vertreter von 424 Firmen, im Jahr 2009 im US-Bundesstaat Florida auf. Schütt soll laut einem Bericht der örtlichen Zeitung „Naple News“ von 2010 seit 2007 40 Konten alleine bei der Bank of America eröffnet haben. Neun seiner Firmen erhielten Geld von einer britischen Firma namens Bluetool Ltd, insgesamt rund 70 Mio. US-Dollar. Die meisten Transaktionen flossen über die Wirecard Bank. Das Geld verteilte er per Scheck an Online-Spieler, meist aus dem Poker-Bereich. Schütt ist dafür verurteilt worden. Wirecard dementierte, mit Schütt etwas zu tun zu haben.

Bosler interpretiert das trotz des Dementis so: „Für Wirecard wurde das Geschäft mit der Glücksspielindustrie schwierig.“ Das Geschäft sollte nicht mehr über die USA laufen. Sein Verdacht: Danach habe Wirecard über Drittpartner Geschäft erfunden. Beweise gibt es dafür nicht. Aber es könnte erklären, wieso in jüngster Zeit auf den Philippinen Belege über 1,9 Milliarden gefälscht worden waren.

Wirecard hat es all die Jahre geschafft, dass die Behörden und Wirtschaftsprüfer die Ungereimtheiten, die Verflechtungen und dubiosen Netzwerke akzeptieren. Die Staatsanwaltschaft München I hat ihr Ermittlungsverfahren 2012 eingestellt. Der Wirtschaftsprüfer Ernst & Young hat 2008 sogar eine Sonderuntersuchung des Trustpay-Kaufs vorgenommen. Ein Jahr später übernimmt EY das Mandat des Abschlussprüfers. Die Sonderuntersuchung hat Wirecard als Entlastung interpretiert.

 


Die ganze Geschichte über die Geschäfte von Wirecard in den USA und die schon vor einem Jahrzehnt von Investoren erhobenen Geldwäschevorwürfe gegen den Konzern erscheint in Capital 08/2020. Interesse an Capital? Hier geht es zum Abo-Shop, wo Sie die Print-Ausgabe bestellen können. Unsere Digital-Ausgabe gibt es bei iTunes und GooglePlay