AnalyseWie bei Wirecard das Geld verschwand

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Verbindungen zur Glücksspielindustrie

Ähnliche Schludrigkeiten entdeckten der Anlegerschützerverband SdK und Investor Tobias Bosler auch im Geschäftsbericht 2007. Damals kauft Wirecard die Münchner Beteiligungsgesellschaft Trustpay. Laut Handelsregister geht die Trustpay aus der im Mai gegründeten Kapitalgesellschaft Blitz 07-210 hervor. Der Vorstand dieser Gesellschaft ist zu diesem Zeitpunkt 65 Jahre alt und wohnt in einem kleinen Dorf an der tschechischen Grenze. Wirecard-Vorstandschef Markus Braun sagt später auf Anfrage des SdK über diesen Vorstand, der Mann habe „operativ keine Bedeutung“. Dass es sich bei dem Vorstand um einen Strohmann handelt, zeigt auch das Innenleben der Trustpay.

Rund 43 Mio. Euro – auch finanziert über mehrere Kapitalerhöhungen – ist Wirecard 2007 die Übernahme wert. Unter dem Dach der Trustpay gibt es drei Tochterunternehmen, das interessanteste davon heißt „Wirecard Payment Solutions Holding Ltd.“, sitzt in der irischen Hauptstadt Dublin und hat wiederum eine Beteiligung namens „Wirecard Payment Solutions“. Deren Aktionäre sind unter anderem Dietmar Knöchelmann, John Carbone und Daniel Kershaw. Dieses Trio muss 2005 vor das oberste Gericht in der kanadischen Hauptstadt Toronto – wegen ihrer geschäftlichen Aktivitäten in der Glücksspielindustrie.

In dem Verfahren geht es um die Fusion der Internetkasinos Bingoworkz in Zypern und Gamewave auf den britischen Karibikinseln Turks and Caicos zu TGG Investments, mit der die drei Männer als Eigentümer oder Geschäftsführer verbandelt sind. Sie sollen im Rahmen der Fusion unter anderem Gelder veruntreut haben. Zu einem offiziellen Urteil kommt es nicht, das Verfahren wird an ein nicht öffentliches Schiedsgericht weitergeleitet.

Der Kanadier Carbone ist auch Chef der Gateway Financial Services Ltd, ein Unternehmen, das sich um Online-Zahlungsabwicklungen kümmert, etwa auch für Pokerwebsites – ähnlich wie Wirecard. Vor der Übernahme der „Wirecard Payment Solutions“ im Zuge des Trustpay-Deals hieß das Unternehmen „Gateway Payment Solutions“. Ein merkwürdiger Zufall? Auf Anfrage des SdK auf der Hauptversammlung 2008 gab Wirecard an, mit der Firma von Carbone nichts zu tun zu haben.

Neben ihren privaten Aktivitäten in Steueroasen sind Knöchelmann und Carbone auch in der Wirecard-Historie zu finden: Zwischen 2005 und 2006 sind sie Direktoren des offiziellen Wirecard-Geschäfts in Großbritannien und Irland. Als Wirecard dann 2007 Trustpay und deren irische Tochter für 43 Mio. Euro übernahm, profitierten also auch zwei ehemalige Geschäftsführer des Wirecard-Standorts in Dublin.

Teure Kundenportfolien

Wie in dem früheren Fall gibt Wirecard an, für den Trustpay-Kauf mehr bezahlt zu haben, als die Gesellschaft wert sein soll – in diesem Fall knapp 42 Mio. Euro. Für die Aktionäre bleiben die Gründe dafür nicht nachvollziehbar.

Die Trustpay-Übernahme läutet ein Reigen an Zukäufen bis 2015 nach dem immer gleichen Muster ein, wie Recherchen von Capital ergeben haben: Stets im Herbst kauft Wirecard eine Beteiligungsgesellschaft, die zu Jahresbeginn gegründet wurde. Viele der Zukäufe kommen aus dem Ausland: Sie stammen aus Gibraltar, Irland, Indonesien, weiteren asiatischen Ländern wie den Philippinen, der Türkei, Südafrika, Neuseeland, Indien, Brasilien und Rumänien. In vielen der Länder ist die Steuerpolitik lax, ordentliche Handelsregister gibt es nicht.

Die Herkunft und Eigentümerstruktur lässt sich so vertuschen – und damit auch, wohin die immer größer werdenden Millionenbeträge für die Zukäufe fließen. Über Kaufpreisgewinne erhöht Wirecard nach und nach auch den eigenen Unternehmenswert. Aber trotz des enormen Eigenkapitals und der angeblich üppigen Gewinnmargen nimmt das Unternehmen beinahe jährlich noch Geld am Kapitalmarkt auf.

Die immateriellen Vermögenswerte sind meist Kundenportfolien. Doch viele der neuen Töchter tragen in den Folgejahren immer weniger zum Umsatz bei und weisen ein negatives Eigenkapital auf. Vor allem die kleinen werden abgewickelt und abgeschrieben. Eine weitere Trustpay-Tochter etwa, die Webcommunications EDV, löst sich zwischen 2010 und 2011 in Luft auf. Trustpay selbst wird 2012 zu Wirecard Sales International.