UnternehmenWie Anwälte und Berater an der Kettcar-Pleite verdienten

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Neustart ohne Kettler

Als Sachwalter für das Verfahren in Eigenverwaltung bestellt das Amtsgericht einen Anwalt der Kanzlei White & Case. Zur Unterstützung liefert die Beratungsfirma Helbling Business Advisors diverse Gutachten. Helbling rechnet für seine Dienste einen siebenstelligen Betrag ab – ebenso wie White & Case.

Dagegen hat die Eigentümerin bei Kettler bald nicht mehr viel zu sagen. Die Banken und das Wirtschaftsministerium in NRW dringen auf einen Neustart ohne Karin Kettler. Im Gegenzug will das Land den Neustart mit einer Bürgschaft von 30 Mio. Euro unterstützen.

Anfang 2016 stimmt Karin Kettler der Übertragung des operativen Geschäfts auf die neu gegründete Kettler GmbH zu. Die Immobilien mit der Verwaltung und den Werken sowie wichtige Markenrechte bleiben in ihrem Besitz. Die Anteile an der neuen Kettler GmbH verwaltet eine Treuhandgesellschaft. Geführt wird diese von der Kanzlei Aderhold, die das Vertrauen der Landesregierung genießt. Geschäftsführer der Treuhandfirma wird ein Aderhold-Anwalt, der parallel die Führung bei der Kettler GmbH übernimmt – zusammen mit US-Chef Busche. Anfang April 2016 hebt das Amtsgericht das Insolvenzverfahren auf. Kettler scheint gerettet.

Mit dem Neustart übernimmt Aderhold endgültig die Kontrolle in Ense. Die Sanierungsexperten der Kanzlei verkaufen die dauerhaft defizitäre Fahrradsparte mit damals 25 Mio. Euro Umsatz, die nun der Firma ZEG gehört und vom endgültigen Aus nicht betroffen ist. Sie schließen eines der Werke und setzen auf mehr Teilfertigung aus Fernost. Nach den Plänen der neuen Führung soll Kettler nach einem letzten Umsatzrückgang im Geschäftsjahr 2015/2016 den Turnaround schaffen. 2016/2017 soll der Umsatz auf 144 Mio. Euro steigen, dann auf 148 Mio. Euro. Schon bald sind im Insolvenzplan auch wieder Gewinne vorgesehen. 2016/2017 sollen es 13 Mio. Euro sein.

Doch es kommt anders. Die Umsätze stürzen auch unter Aderhold-Führung weiter ab. 2017/18 sind es nur noch rund 100 Mio. Euro – auch weil Kettler wichtige Großkunden verprellt. So werden etwa die Gartenmöbel bei der Gartencenterkette Dehner mit mehr als 100 Filialen ausgelistet. Kettler kann wiederholt nicht pünktlich liefern. Die Planzahlen werden meilenweit verfehlt.

„Wenn es zu einer Folgeinsolvenz kommt, dann waren die bisherigen Sanierungsansätze nicht ausreichend“, sagt der Insolvenzrechtler Martin Lambrecht, der von Kettler Ende Juli geholt wurde, um zu retten, was zu retten ist. Dennoch hat sich das Mandat für Aderhold gelohnt.

Nach Angaben von Insidern rechnet die Kanzlei bei Kettler zwischen 2015 und 2018 ein Gesamt­honorar von mehr als 10 Mio. Euro ab. „Um als Beratungsfirma auf eine solche Summe zu kommen, müssen Sie eine Menge Leute schicken“, sagt ein Insider. Auch ein anderer Anwalt hält diese Honorare für „Wahnsinn“. „Da frage ich mich: Mit welchem Aufwand ist da gearbeitet worden, und was ist am Ende das Ergebnis?“ Nimmt man beispielsweise einen Tagessatz von 2 000 Euro pro Berater an, ergibt das bei einem Honorar von mehr als 3 Mio. Euro pro Jahr mehr als 1  500 Personentage.

Tatsächlich berät ein Aderhold-Team Kettler nicht nur im operativen Geschäft, sondern steuert auch das Projekt „Olympia“: die Suche nach einem Käufer, die 2017 gestartet wird. Auf einer Betriebsversammlung begründen Aderhold-Anwälte den ­geplanten Verkauf später einmal so: Man sei nur Berater, es werde Zeit, dass bei Kettler wieder Unternehmer übernehmen. Mehrere Kaufinteressenten allerdings, die sich in der Folge die Bücher anschauen, nehmen angesichts der tiefroten Zahlen Reißaus.

Aderhold wollte sich auf Anfrage unter Verweis auf das Mandatsgeheimnis nicht zum Fall Kettler äußern – genau wie zu der Strafanzeige, die Karin Kettler 2017 gegen ihre ­Anwälte gestellt hat. Ihr Vorwurf: Parteiverrat. Wie Wegbegleiter berichten, fühlte sich die Erbin aus ihrem Unternehmen gedrängt – ohne dass sie bei einer erfolgreichen Sanierung angemessen profitiert hätte.

Die Staatsanwaltschaft Düsseldorf stellte die Ermittlungen ein, nachdem es im März 2017 zur nächsten tragischen Wendung kommt: Auch Karin Kettler stirbt an den Folgen eines Autounfalls – nur wenige Kilometer entfernt von der Stelle, an der auch ihr Bruder verunglückte. Ein weiterer Schock für das ohnehin schlingernde Unternehmen.

Immerhin, im Mai 2018 hat die Suche nach einem Käufer Erfolg, scheinbar jedenfalls. Der Finanzinvestor Altera Capital unterschreibt einen Kaufvertrag. Hinter ­Altera steckt der russische Oligarch Kirill Androsow, ein ehemaliger Vize­stabschef von Wladimir Putin.

Doch in letzter Minute blockiert die Heinz-Kettler-Stiftung den Deal. Jahrelang war die von Heinz und Karin Kettler 1999 gegründete Stiftung, die den Behindertensport fördern soll, nicht aktiv. Nach dem Tod der kinderlosen Karin Kettler steht sie plötzlich als Alleinerbin da. Als Vermieterin, Bürgin und Kreditgeberin für das Unternehmen mischt die Stiftung nun im Kettler-Chaos mit – auch wenn sie selbst keine Anteile hält.