History-SerieWie 1873 ein Börsencrash die Gründerzeit beendet

Da war die Welt noch in Ordnung: Spekulanten an der Berliner Börse 1872
Da war die Welt noch in Ordnung: Spekulanten an der Berliner Börse 1872dpa

„Was haben denn die Börsenexistenzen (…) für den Staat zu bedeuten? Sind sie es, die die Staatscassen mit Steuern füllen? Sind sie es, die Hunderten und Tausenden von fleißigen Händen Arbeit geben? Oder sind sie nicht vielmehr Drohnen, die einzig und allein für ihre eigene Tasche leichtem Gewinn nachjagen, um sofort die ,Staatshilfe‘ anzurufen, wenn Schwindelpapiere im Curse fallen?“

Wäre das Deutsch nicht ein wenig gestrig, könnte man sich bei dieser Anklage des Finanzblatts „Der Tresor“ im Hier und Heute fühlen. Doch der Text stammt von 1873 – in Berlin war gerade eine Spekulationsblase geplatzt, wie man sie in Deutschland zuvor noch nicht kannte. Zwei Jahre lang hatte das Land sich an märchenhaften Aktiengewinnen besoffen, doch nun war der Traum vorbei. Wütende Zeitgenossen sprachen vom großen „Börsen- und Gründungsschwindel“, und die darauffolgende Krise sollte die Wirtschaft in Deutschland über Jahre lähmen. In ihrem Schatten wuchs die Sozialdemokratie genauso wie der Antisemitismus, und den Reichskanzler Otto von Bismarck drängte sie zu seinen Sozialreformen. Der Gründerkrach war sicher nicht die größte Wirtschaftskrise der Geschichte – doch ihr Erbe hat das 20. Jahrhundert in Deutschland entscheidend geprägt. Nicht nur im Guten.

Ein Rausch

Dabei hatte es für die Zeitgenossen so verheißungsvoll begonnen. Nach dem Sieg über Frankreich war das neu gegründete Deutsche Kaiserreich 1871 die militärische und wirtschaftliche Vormacht des Kontinents geworden. Die Industrialisierung lief seit der Jahrhundertmitte auf vollen Touren, und die französischen Reparationszahlungen von 5 Mrd. Goldfranc waren Deutschland eine willkommene Finanzspritze.

Jetzt, wo Frieden in Europa herrsche, könnten sich die freien Kräfte des Marktes endlich ungehemmt zum allgemeinen Wohl entfalten – so predigten es die Verfechter des Wirtschaftsliberalismus. Nur Sozialisten und Konservative beäugten dieses „Manchestertum“ skeptisch. 1870 hatte in Preußen ein neues Gesetz – das nach der Reichsgründung auf ganz Deutschland ausgeweitet wurde – das Tor zum goldenen Zeitalter weit aufgestoßen. Es befreite die Gründung von Aktiengesellschaften praktisch von allen lästigen Fesseln. Zuvor musste sich jede Neugründung auf ihre finanzielle Situation hin prüfen lassen. Im Namen der „freien Concurrenz“ aber konnten Aktiengesellschaften nun quasi aus dem Nichts entstehen. Niemand schaute den Gründern in puncto Kapitalausstattung ernsthaft auf die Finger.

Die Gesellschaft fiel in einen kapitalistischen Rausch, dabei war es gerade eine Generation her, dass man noch beschaulich mit Zunftordnungen, Wegzöllen und Feierabendgeläut gelebt hatte. Das biedere kaufmännische Grundgesetz von Soll und Haben – wie unzeitgemäß! Alles schien nun zu gehen, das Geld lag auf der Straße – man musste es nur aufheben. Zwischen 1871 und 1873 wurden allein in Preußen 928 Aktiengesellschaften gegründet. In den vier Jahren davor waren es ganze 88 gewesen. Alteingeführte Banken und schillernde Finanziers erkannten schnell die enormen Gewinnchancen, die dieser Boom bot.

Im Wochenrhythmus etablierten sich „Maklerbanken“ – heute würde man sie Investmentbanken nennen. 1872 gab es in Deutschland über 100 dieser Institute, die für ein sattes Aufgeld Papiere neu gegründete Firmen auf den Markt warfen oder halfen, eingesessene Familienbetriebe in zeitgemäße Aktiengesellschaften umzuwandeln. Wegen der großen Nachfrage des begeisterten wie naiven Publikums spülte das den Besitzern enorme Gewinne in die Taschen.

Die Anleger liebten vor allem Baugesellschaften, deren wuchernde Projekte den Immobilienmarkt immer weiter aufblähten. Die anfinanzierten, angeplanten und manchmal sogar angefangenen Bauvorhaben der Gründerzeit hätten in Berlin Raum für neun Millionen Einwohner geschaffen – dabei lebte in der Stadt nur eine Million Menschen. Dazu kamen Eisenbahnkonsortien, die neue Schienenstränge noch für die hintersten Winkel Europas versprachen, und Papiere auf die Klassiker der damaligen Industrialisierung: Kohle und Stahl. Besonders findige „Gründer“ schlugen zwei Fliegen mit einer Klappe. Sie gründeten eine Maklerbank und finanzierten mit deren Hilfe ihre eigenen Aktiengesellschaften. Der Großinvestor Heinrich Quistorp etwa, Sohn eines preußischen Beamten, brachte es auf ein Imperium von rund 30 Unternehmen.