Serie: Die großen Krisen

Capital-HistoryWie 1857 eine Bankenpleite eine globale Finanzkrise auslöste

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In Deutschland kommt die Krise mit Verzug an, im November. Dafür trifft sie die Welthandelsstadt Hamburg umso härter. Mit dem Umschlagplatz zwischen Lateinamerika und Osteuropa, zwischen London und Skandinavien sind die Hanseaten reich geworden. Die Lager quellen über von Luxus- und Kolonialwaren, die mit satten Margen weiterverkauft werden sollen. 93 Millionen Pfund Kaffee haben sie 1857 importiert, 20 Prozent mehr als im Vorjahr. Nun liegen die Waren in den Regalen wie faule Kartoffeln. Uralte Handelshäuser brechen „wie vom Winde umgehaucht“ zusammen. Die Partner in Skandinavien geraten mit in den Strudel und beschleunigen ihn sogar noch. Sie hatten den Handel massiv ausgebaut, oft mit geliehenem Kapital. Der Tag der Abrechnung ist gekommen.

Und da, ganz plötzlich, entdecken die Kapitalisten ihre Liebe zum Staat. „In sehr aufgeregter Stimmung“ schildern die Börsianer im Rat der Stadt „nicht nur die Handelscrisis in den düstersten Farben“, sondern verlangen „dringend ein helfendes Einschreiten des Staates“, vermerkt das Protokoll. Marx kommentiert mit ätzendem Sarkasmus: „Daß die Capitalisten, die so sehr gegen das droit au travail (Recht auf Arbeit – Anm. d. Red.) schrien, nun überall von den Regierungen ‚öffentliche Unterstützung‘ verlangen (…), also das ‚droit au profit‘ auf allgemeine Unkosten geltend machen, ist schön“, schreibt er an Engels. Es nutzt wenig: Die Hamburger Offiziellen gewähren Vorschüsse auf Waren und Wertpapiere. Der Handel ist too big to fail.

Den Liquiditätsengpass, die Kreditklemme, den Nachfrageeinbruch bekommen auch ferne Länder zu spüren: der Zuckerlieferant Kuba ebenso wie der Kakao- und Kaffeelieferant Venezuela. Der Preisverfall auf den Weltmärkten trifft sie hart.

Der Kapitalismus stirbt nicht

Die Welt steht still. Marx arbeitet wie nie zuvor. „Daß du über diese Krisis Material sammelst, ist sehr schön“, spornt ihn Engels an. Stunde um Stunde wird Marx unter der Lichtkuppel des Lesesaals im British Museum verbringen. Bücher stapeln sich, ein Diener schafft immer neue aus der opulenten Präsenzbibliothek heran. Der erste Rohentwurf des „Kapitals“ ist schon fertig.

Es ist ein gutes Jahr für die Freunde. „Prosit Neujahr für die ganze Familie auf das Crawalljahr 1858“, schreibt Engels am Silvestertag 1857 an „Lieber Mohr“ – den Spitznamen, den die Töchter Marx verpasst haben. Die „famose Allgemeinheit und umfassende Natur“ der Krise bereitet dem Schreiber höchstes Vergnügen.

Doch der Kapitalismus stirbt nicht. Die Konjunktur erholt sich wieder, und Ökonomen ziehen weniger radikale Schlüsse aus der Krise als Marx und Engels. Man lernt dazu. Etwa, dass von unregulierten Schattenbanken ebenso Gefahr ausgeht wie von ungesteuerter Liquidität; dass ein gesundes Banken- und Geldsystem die beste Vorsorge gegen Krisen ist – und dass Notenbanken auch zum Retter werden können: In der Krise von 1857 springt die Bank of England erstmals als eine Art lender of last resort ein. Auch für die Entwicklung heutiger Einlagensicherungssysteme war die Krise von 1857 ein wichtiger Schritt.

Aber nicht alles, was man begreift, kann man auch umsetzen. Dass Bank-Runs eine Epidemie sind, bei der mehr Menschen durch Angst als durch die eigentliche Krankheit sterben, weiß man nun. Doch bis Ende des Jahrhunderts folgen allein in den USA fünf weitere.