Western von gesternWie ein Schwabe nach der Wende Ost-Betriebe plünderte

Wolfgang G. versprach viel – und lieferte nichtIllustration: Jindrich Novotny

Es währte nicht lange, das Märchen vom tatendurstigen schwäbischen Mittelständler, der ostdeutsche Betriebe rettet. Aber es klang so schön: „Mir geht es darum, dass die Unternehmen drüben Erfolg haben“, erklärte Wolfgang G. wohltönend, als er nach der Wende eine Ex-DDR-Firma nach der anderen kaufte. An „normale Verkaufsgespräche mit einem soliden Schwaben“ erinnerte sich ein Mann von der Treuhand, jener Riesenbehörde, der die Privatisierung der Ostbetriebe oblag.

Wenn die Verantwortlichen gewollt hätten, hätten sie früh wissen können, dass der Schwabe nicht so solide war, wie es schien. Wolfgang G. führte zwar den Göppinger Traditionsbetrieb Bellino, einen langjährigen Daimler-Zulieferer. Aber die Geschäfte von Bellino liefen nicht mehr rund, Hausbanken schlugen Alarm. Dennoch bekam G. mehr als 20 Produktionsstandorte in der Ex-DDR. Die Treuhand gab ihm noch den Zuschlag, als er längst aufgehört hatte, die vereinbarten Kaufpreise zu zahlen. „Die wollten das Zeug loswerden“, erklärte G. später einem Bundestagsuntersuchungsausschuss.

Dass der Schwabe trickste, kam nur dank hartnäckig ermittelnder Betriebsräte der Ostfirmen heraus. Im April 1993 veranstaltete G. mit viel Pomp eine Grundsteinlegung in der Nähe von Halle. Unter den Geladenen: Bundesumweltminister Klaus Töpfer. Da sprengte eine Mitarbeiterdemo die Party: „Wir brauchen einen Investor, keinen Exvestor, der Geld rauszieht.“

Krumme Geschäfte der Hallenser Treuhand-Filiale

G. hatte seine Ost-Erwerbungen systematisch ausgeplündert, das Geld teils auf private Konten überwiesen, teils zum Stopfen von Löchern im Stammbetrieb verwendet. Er habe halt „Cash-Management“ betrieben, rechtfertigte er sich später. Im Sommer ließ ihn die Justiz wegen Fluchtgefahr in seiner Göppinger Villa festnehmen. Viele der Betriebe standen da vor dem Aus, auch die einst solide Firma Bellino ging pleite.

Der Fall war nur eines von mehreren krummen Geschäften der Hallenser Treuhand-Filiale. Dort wurden später mehrere Manager festgenommen, einer wurde im Zusammenhang mit G. wegen Bestechlichkeit verurteilt – der Mittelständler hatte ihm mehr als 5 Mio. D-Mark gezahlt. G. selbst wurde 1994 unter anderem wegen Bestechung und Betrug zu fünf Jahren und drei Monaten Haft verurteilt. Der Bundestags­ausschuss indes konnte nur wenig Licht in das kriminelle Agieren der halleschen Treuhand bringen.

Hauptperson

Wolfgang G. darf nicht mehr mit vollem Namen genannt werden, da er seine Strafe abgesessen hat und nicht mehr öffentlich auftritt. Der Göppinger Firmenerbe galt in seiner Heimat lange als ordentlicher Mittelständler. Erst seine Ost-Expansion brach ihm das Genick.


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