Western von gesternDer Kampf um Ruhrgas

Erst nach weitreichenden Zugeständnissen konnte Eon Ruhrgas übernehmen
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Es gibt Sätze, die sind kaum ein Jahrzehnt alt und klingen nach letztem Jahrhundert: „Energie ist ein ungeheuer langfristiges Geschäft, in dem heute die Strukturen für die nächsten Jahrzehnte aufgebaut werden“, ist so ein Satz. Er stammt von Ulrich Hartmann, einst Chef des Energiekonzerns Eon. Anfang 2002 begründete Hartmann so, warum er den Gasanbieter Ruhrgas übernehmen müsse.

Der Megadeal, durchgefochten in einer erbitterten Schlacht, hielt nicht mal zehn Jahre. Als Eon große Teile seines Geschäfts in eine neue Gesellschaft auslagerte (von vielen als Bad Bank verhöhnt), wurde auch diese Übernahme abgewickelt.

Ministerium genehmigte Übernahme

Die Vorstellung, er mache ein Geschäft für Jahrzehnte, war nicht Hartmanns einzige Fehleinschätzung. Vor allem unterschätzte er seine Konkurrenten: Neue kleine Anbieter, die den Ex-Enegergiemonopolisten zusetzten – allen voran die Berliner Ampere AG. Die Firma wollte in den Gashandel einsteigen. Nur weigerte sich Ruhrgas, Gas zu verkaufen.

Nachdem Eon-Chef Hartmann Gerhard Schröder und dessen Wirtschaftsminister Werner Müller überzeugt und erste Ruhrgas-Aktienpakete eingesammelt hatte, beantragte er Ende 2001 beim Kartellamt eine Genehmigung der Übernahme. Wie erwartet lehnte die Behörde ab. Hartmann zog nach Berlin, um sich seine Ministererlaubnis zu holen. Müller sollte das Kartellamt überstimmen.

Nun gesellte sich zur Hybris auch noch Missgeschick: Wegen Befangenheit übertrug Müller die Entscheidung seinem Staatssekretär Alfred Tacke. Der setzte eine Anhörung an, doch weder Müller noch Tacke erschienen. Auch auf ein Protokoll verzichteten sie – die Sache war ja eh klar: Sie winkten den Antrag durch.

Nur mit Zugeständnissen gelingt der Ruhrgas-Deal

Jetzt zog Ampere vor das Oberlandesgericht Düsseldorf, das die Genehmigung wegen schwerer Formfehler per Eilentscheid kassierte. Weitere Wettbewerber klagten, Tacke setzte eine neue Anhörung an. Doch die Richter blieben skeptisch. Für Freitag, den 31. Januar 2003, um 13 Uhr kündigten sie ein Urteil an.

Da knickte Eon ein. Mit neun Klägern verhandelte der Konzern einen Deal, bot Geld, Beteiligungen an Regionalversorgern, und Ampere sollte Gas erhalten – endlich. Drei Minuten vor zwölf verkündete die Bundesregierung, die Kläger hätten ihre Beschwerden zurückgezogen. Statt die eigene Macht hatte Eon den Wettbewerb gestärkt. Und mit dem kämpft der Konzern bis heute.

Hauptperson

Alfred Tacke war fast 15 Jahre einer der engsten Berater von Gerhard Schröder. Nach seiner Wahl zum Regierungschef in Niedersachsen holte Schröder den Gewerkschafter in die Staatskanzlei und machte ihn zum Staatssekretär. 1998 folgte Tacke dem neuen Kanzler nach Berlin. Zwei Jahre nach der holprigen Fusion von Eon und Ruhrgas gab Tacke seinen Posten auf und wurde Vorstandschef des Stromerzeugers Steag – damals eine RAG-Tochter, an der über die RAG indirekt auch Eon beteiligt war.

 


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